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EM-Qualifikation:Ein "lekkerer" Sieg für Holland

Euro 2020 Qualifier - Group C - Germany v Netherlands

Die Siegerfaust: Frenkie de Jong.

(Foto: Wolfgang Rattay/Reuters)
  • Mit dem 4:2 von Hamburg hat die Niederlande nun elf Tore in vier Spielen gegen die deutsche Mannschaft erzielt.
  • Nicht nur wirkte Oranje generell wacher als das DFB-Team, auch die taktischen Umstellungen und Einwechslungen von Trainer Koeman griffen.
  • Mit dem Sieg haben sich die Niederländer die bessere Ausgangsposition in der Qualifikationsgruppe erkämpft.

Als Deutschland am 21. Juni 1988 für 31 Jahre das letzte Mal im Hamburger Volksparkstadion verlor, war Ronald Koeman auch dabei. Es war das Halbfinale der Europameisterschaft, und nach dem 2:1-Sieg des designierten Champions Niederlande hat sich der defensive Mittelfeldspieler Koeman symbolisch mit dem Trikot von Olaf Thon den Hintern abgewischt. Das waren die letzten Effekte eines in Holland damals weit verbreiteten Deutschland-Hasses, der teils noch auf die bitteren Erfahrungen des zweiten Weltkrieges, andererseits auf die im Nachbarland als ungerecht empfundene 1:2-Niederlage im WM-Finale von 1974 zurückzuführen war. Heute, sagt Koeman, inzwischen ein 56-jähriger "Bondscoach", sei er "weiser" geworden. Es reichte beim 4:2 einfach, die eigene Fußball-Philosophie zum Tragen zu bringen - mit ein paar Modifikationen.

Elf Tore in vier Spielen in elf Monaten gegen den Erzfeind (3:0 und 2:2 in der Nations League, 2:3 im Hinspiel der EM-Qualifikation) - das musste gefeiert werden. Die früher bei den Holland-Fans üblichen Posaunen und Trommeln waren zwar nicht zu hören. Die Stimmung war trotzdem prächtig. Die Worte, welche die Nationalspieler nach dem Triumph gebrauchten, der sie der Teilnahme an der EM 2020 ein deutliches Stück näher brachte, waren Worte der Ausgelassenheit. "Spektakulär" fand Frenkie de Jong den Sieg. "Mooi", sagte Virgil van Dijk, Europas neuer Fußballer des Jahres, was übersetzt "wunderschön" heißt. Als "lekker" empfand ihn Matthijs de Ligt. Eine Vokabel, die in den Niederlanden für viele schöne Dinge angewandt wird.

"Nie gezweifelt", es zu schaffen

Während der frühere niederländische HSV-Profi Rafael van der Vaart vor der Partie noch sicher war, dass die Deutschen beim Neuaufbau ihrer Mannschaft weiter waren als die eigene "Elftal", musste er dieses Urteil als Experte des heimischen Fernsehsenders NOS zurücknehmen. Auch van Dijk war überrascht, "dass die Deutschen so zusammengebrochen sind". Aber das hatte auch mit den Modifikationen zu tun, die Koeman ausgewählt hatte. Aus dem jahrzehntelang eingemeißelten 4-3-3-System hatte er diesmal ein 3-4-4 gemacht. Das bedeutete, er machte es dem Gegner mit einem dichteren Mittelfeld schwerer, die richtigen Anspielstationen zu finden. Das war die Lehre aus dem 3:2 der Deutschen im Hinspiel. Man wollte ihnen nicht mehr die Räume geben, in denen sie ihre Tore vorbereiteten. So gab es kaum deutsche Torchancen.

Stratege Frenkie de Jong, 22, gerade von Ajax Amsterdam zum FC Barcelona transferiert, holte sich die Bälle fast vor der eigenen Abwehr ab. Vorn wirbelten dagegen Georginio Wijnaldum, Memphis Depay und Ryan Babel nach bewährtem Muster in einem Tempo durcheinander, dass die besonders in der zweiten Halbzeit zunehmend fehlerhafte DFB-Abwehr Mühe hatte, hinterher zu kommen. Beim 0:1-Rückstand zur Pause mahnte Koeman zudem "Geduld" an. Und er fand offenbar offene Ohren. Memphis Depray sagte später, man hätte "nie gezweifelt", es zu schaffen.

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Gleichwohl hatte Koeman schon während der Halbzeit klare Vorstellungen, wie er mit der baldigen Einwechslung des Debütanten Donyell Malen und von Davy Pröpper dem Team noch einmal mehr Schwung verleihen wollte. Schon eine Minute nach dem Tausch in der 58. Minute fiel das 1:1 durch Frenkie de Jong, der eine Flanke von Babel verwertete. Sieben Minuten später leitete die "van-Dijk-Airline", wie ein Reporter sagte, das 1:2 ein. Van Dijk gewann das Kopfballduell gegen den deutschen Riesen Niklas Süle, und der verunsicherte Jonathan Tah bugsierte den Ball ins eigene Tor.

Nach dem "Elfmeter-Geschenk des Schiedsrichters" (Koeman) zum 2:2 durch Toni Kroos, als de Ligt versehentlich die Kugel kurz mit der Hand berührte, kam der Auftritt des Eindhovener Neulings Malen. Fast hätte er schon im Gegenzug das erneute Führungstor geschossen, scheiterte aber an Manuel Neuer, kurz danach verwandelte er dann aber ein Zuspiel von Wijnaldum zum 3:2 - wie bei den anderen Toren nach deutschen Fehlern. Als Wijnaldum selbst in der Nachspielzeit noch so viel Kraft hatte, einen langen Sprint durchzuziehen, vollendete er den Konter zum verdienten 4:2.

Bei einer Niederlage hätte man zittern müssen

Die Tageszeitung De Telegraaf war aus dem Häuschen. Sie feierte die "Wiederaufauferstehung von Oranje" gegen den deutschen "Angsthasenfußball". Koemans "dominierende Mannschaft" habe "viel mehr Qualität als die Deutschen" gehabt, schwärmte sie und stellte fest, man habe so "eine Messer-an-die-Kehle-Situation verhindert". Denn die Niederländer hätten nach einer zweiten Niederlage gegen die Deutschen um die Teilnahme am nächsten großen Turnier zittern müssen. Und das wäre ein wirkliches Desaster, nachdem sie schon bei der EM 2016 und bei der WM 2018 nicht dabei waren. Die Volkskrant haute gar poetisch in die Tasten: "Es war, als ob ein Feuer aufflammte, ein Feuer von Fußball und Leidenschaft, ein Feuer, das das Stadion füllte."

Ronald Koeman ist es angeblich egal, ob man diesmal als Erster und Zweiter neben den Deutschen die Qualifikationsgruppe besteht. Aber auch er hat den "fantastischen Abend genossen", wie er gestand. Auch, weil man bei Punktegleichstand mit dem Rivalen Gruppensieger wäre, da man die durchaus imposanten Spiele insgesamt mit 6:5 gewonnen hat. Die von ihm im Januar 2018 begonnene Aufbauarbeit trägt schon jetzt große Früchte. Die neue "Elftal" hat viel mehr Qualitäten, als bei der nächsten EM nur dabei zu sein.

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