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Niederlage gegen Frankreich:Akute Schönredegefahr

Fußball-EM 2021: Toni Kroos und Leroy Sané beim Spiel gegen Frankreich

Sah ein insgesamt gutes Spiel der Deutschen: Toni Kroos (rechts), mit Leroy Sané.

(Foto: Matthias Hangst/Pool via Reuters)

Das 0:1 der deutschen Nationalmannschaft zum EM-Auftakt war nicht so knapp, wie das Ergebnis glauben lässt. Von Augenhöhe mit Frankreich kann keine Rede sein - nur eine Blamage war es nicht.

Kommentar von Philipp Selldorf

Der Blick von Fußballern auf die eigenen Spiele ist unabhängig vom Grad ihrer Professionalität meistens der gleiche, in der Kreisklasse, in der Bundesliga und auch in der Nationalmannschaft. Wer nicht gerade vom bösen Geist des Defätismus geplagt wird oder notorisch zur Selbstgeißelung neigt, der verwendet gern den euphemistischen Konjunktiv, mit besonderer Vorliebe nach der Niederlage. Dieser besagt dann zum Beispiel: "Wenn wir unsere Chance in der 32. Minute nutzen, dann geht das Spiel ganz anders aus." Oder: "Wenn wir da das Tor nicht kriegen, dann gibt's ein anderes Spiel." Oder wie am Dienstagabend Toni Kroos: "Wir hatten gute Chancen, nicht weniger als die Franzosen - ein unglückliches Tor hat das Spiel entschieden."

Kroos' Sicht auf die Dinge setzte in der interessierten Öffentlichkeit automatisch ein Strafverfahren wegen Schönredens und Traumtanzens in Gang. In der Kreisklasse kann man sowas hinterher gefahrlos beim Bier im Vereinsheim behaupten, nicht aber als Top-Profi im Fernsehen nach einer Niederlage zum Turnierstart, die das Land ernüchtert und in Teilen sogar erschüttert. Aus Kroos' gnädiger Sicht auf sich und seine Mitspieler wird dann unter anderem die populäre Theorie abgeleitet, dass Jogi Löws Deutschland längst den realen Boden verlassen und sich in der eigenen trügerischen Wahrheit eingerichtet hat. Nur dort verkehrt sie mit dem Champion Frankreich immer noch auf gleicher Höhe. Am Ende einer 15 Jahre währenden Ära hat Jogi Löws Deutschland halt auch ein verrufenes Image. Auch deswegen ruft das 0:1 zum EM-Start nicht nur Verdruss, sondern Pessimismus hervor.

Darüber, dass Kroos - und nicht nur er - den deutschen Auftritt besser besprachen, als er war, braucht man im Grunde keinen Prozess zu führen. Trotz des knappen Resultats und trotz der respektablen Gegenwehr war Frankreich der logische Sieger dieser Begegnung, zumal nach dem planmäßig frühen Gegentor. Dass eine so vielseitig begnadete Elf wie Frankreich derart vorsätzlich auf Kunst und Schönheit verzichtet, ist einerseits beklagenswert und andererseits bewundernswert: In Didier Deschamps' Frankreich verpflichten sich die Künstler und Diven erstaunlich gehorsam zur gemeinschaftlichen Disziplin.

Löw muss immer noch mit Improvisationen arbeiten

Hier muss aber nun endlich auch ein gutes Wort für Löws Deutschland eingelegt werden. Der DFB-Elf fehlt es im Vergleich mit dem auf allen Posten nahezu perfekt besetzten Weltmeister an kollektiver Klasse, weil sie eben nicht auf allen Positionen die passenden Spezialisten hat. Es gibt keinen universell versierten Rechtsverteidiger, keinen autoritären Sechser auf Spitzenniveau, keinen verlässlich im Strafraum anzutreffenden Torjäger im Kader - Löw arbeitet fortgesetzt an einer Improvisation.

Mit diesem Ungleichgewicht im begabten, aber eben lückenhaften Kader hätten auch andere Bundestrainer Schwierigkeiten - auch wenn andere Trainer wahrscheinlich entschlossener und effektiver gewechselt hätten als Löw, der wieder mal sehr lang brauchte, um das Nötige zu tun (etwa bei Kai Havertz). Für die Bestimmung von Joshua Kimmich zum Rechtsaußen hingegen hatte der Bundestrainer im Vorhinein von der Fachwelt überwiegend Beifall erhalten - jetzt haben sich die Nachteile dieser zwiespältigen Lösung offenbart. Kimmich hatte auf der Außenbahn zu wenig Einfluss, sein Unwohlsein war unübersehbar.

Dass die deutsche Elf zurzeit nicht auf der Höhe Frankreichs ist, das war schon vor dem Spiel bekannt, diesen Wettbewerbsnachteil teilt Deutschland mit vielen anderen großen Fußballnationen. Toni Kroos hat schon recht: Eine Blamage war es nicht. Allerdings hat die Niederlage die Gefahr erhöht, dass die Ära Löw peinlich endet.

© SZ/schm/and
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