England im Finale der EM 2021:Kane besiegt die Macht der Erinnerung

Weil er die Nerven behält, führt Englands Kapitän seine Elf ins erste große Finale seit 1966. Die Chronologie des Spiels und der umstrittene Elfmeter sind auf der Insel schon kurz nach Schlusspfiff zweitrangig.

Von Sven Haist, London

Noch bevor die Enttäuschung über den verpassten Einzug ins EM-Finale die dänischen Spieler zu Boden reißen konnte, lag Harry Kane schon mit dem Rücken auf dem Spielfeld. Erschöpft, überwältigt, einfach leer. Mit Abpfiff des Halbfinales zwischen England und Dänemark war der Kapitän des englischen Nationalteams an Ort und Stelle zusammengesackt.

Nicht vom Blitz getroffen, sondern niedergeschlagen von der kaum mehr stemmbaren Last seines Landes aus jahrzehntelang unerfüllten Erwartungen, aus zerplatzten Träumen und erlittenen Schmerzen. Erwartungen, die sichtlich schwerer wogen als alles Blei dieser Erde.

Als er wieder steht, läuft Harry Kane eine ausgiebige Ehrenrunde

Bislang konnte Kane dem schier unfassbaren Druck seiner Landsleute einigermaßen standhalten, aber jetzt, als dieser Druck endlich von ihm abfiel, bekam der Hoffnungsträger einer Nation zu spüren, wie viel Energie ihn die Anstrengung geraubt hatte, das Mutterland des Fußballs erstmals seit dem WM-Heimsieg 1966 in ein Turnierfinale zu führen. Obwohl die erfolgreiche Mission zweifelsfrei den Höhepunkt seiner Karriere darstellt, war er kaum in der Lage, seiner Freude einen angemessenen Ausdruck zu verleihen.

Ähnlich erging es Nationaltrainer Gareth Southgate, der im gemeinsamen Jubelkreis mit dem Mitarbeiterstab hin und her wankte. Vermutlich hätte sich auch Southgate aus denselben Gründen wie Kane niedergelegt, wenn ihn nicht stets ein Teammitglied stützend in den Armen gehalten hätte.

Nur mit vereinten Kräften bekamen Vizekapitän Jordan Henderson und Sturmpartner Raheem Sterling ihren Teamkollegen nach einiger Zeit wieder auf die Beine, den im Stehen dann ein völlig anderes Lebensgefühl erwartete. Die neue unbeschwerte Freiheit nutzte Kane für eine einsame und ausgiebige Ehrenrunde vor den Fans in Wembley, auf der er spürbar versuchte, erst mal wieder so richtig zu sich zu kommen.

Ungefähr eine halbe Stunde zuvor, zum Ende der ersten Halbzeit in der Verlängerung, stand Kane vor der ultimativen Prüfung seiner bislang beeindruckenden Karriere. Nach einer minimalen Berührung erhielt Sterling einen umstrittenen Elfmeterpfiff des Schiedsrichters Danny Makkelie (der fast noch umstrittener wurde aufgrund der fehlenden Korrektur des Videoassistenten). Der etatmäßige Schütze stand auf dem Platz parat, Harry Kane mit seiner exquisiten Schusstechnik - für seinen Klub Tottenham Hotspur und die Nationalelf hat er 42 seiner 48 Elfmeter verwandelt. Tausendfach geübt, hielt sich Kane an den einstudierten Ablauf beim Strafstoß: Präparation der Schuhe, Empfangnahme des Balls, Säubern des Elfmeterpunkts, Platzierung des Balls auf den Elfmeterpunkt, Richten von Trikot, Hose und Stutzen, Abzählen des Anlaufs, tiefes Durchatmen. Noch mal tiefes Durchatmen und dann den Ball ins Toreck setzen.

Aber selbst wenn Kane schon in der Steinzeit angefangen hätte, die Ausführung von Elfmetern zu trainieren, wäre diese Situation wohl nicht simulierbar gewesen - denn genau im selben Stadion hatte Trainer Southgate vor einem Vierteljahrhundert als bisher letzter Engländer in einem Turnierspiel einen Strafstoß verschossen. Die Geschichte ist bekannt: Die Three Lions unterlagen bei der Heim-EM 1996 im Halbfinale gegen Deutschland - im Elfmeterschießen.

Die Macht dieser Erinnerung holte jeden schon deshalb ein, weil Southgate am Mittwochabend am Seitenrand stand und oben auf der Ehrentribüne der alte Held Paul Gascoigne weilte, der damals das englische Team geprägt hatte. Und als wäre sich Kane über jedes Detail der damaligen Tragödie im Klaren gewesen, unterlief ihm einer der schwächsten Elfmeter seiner Laufbahn: halbhoch, halbmittig, so kraftlos, dass Dänemarks glänzender Torwart Kasper Schmeichel, Sohn der Torhüterlegende Peter Schmeichel, sogar versuchte, den Ball festzuhalten anstatt ihn einfach nur zur Seite abzuwehren.

Weil Schmeichel der Ball dabei aus den Händen glitt, schob ihn Kane im Nachschuss mit allerletzter Kraft aus kurzer Distanz ins Tor (104. Minute). Sein zehnter Turniertreffer für England, womit er zu Rekordhalter Gary Lineker aufschloss.

England v Denmark  - UEFA Euro 2020: Semi-final

Der Nachschuss ist drin: Kasper Schmeichel parierte den ersten Versuch, den zweiten Versuch versenkte Harry Kane zum 2:1.

(Foto: Laurence Griffiths/Getty Images)

Das sagenumwobene Wembley erlebte eine unvergleichliche Gefühlsexplosion, die man tatsächlich erleben muss, weil sie sich mit Worten nicht beschreiben lässt. Die Atmosphäre war nicht ohrenbetäubend und auch nicht rauschhaft oder schwindelerregend, sondern mehr als das, sogar viel mehr. Vielleicht glich die Lautstärke einem Torschrei aller Engländer zusammen auf dieser Welt, wobei lediglich etwa 65 000 Zuschauer im Stadion mit dabei sein konnten.

Englands Presse ruft: "Kane you believe it?"

Durch das hart erkämpfte 2:1 nach Verlängerung gegen das Überraschungsland Dänemark hat England erstmals in der Historie ein EM-Finale erreicht und trifft am Sonntag auf Italien. "Kane you believe it?" fragte ein Boulevardblatt auf seiner Titelseite, um die Antwort nach einmaligem Umschlagen zu liefern: "Ja, kneifen Sie sich selbst - der Fußball kommt wirklich nach Hause!" Das sei einer der "stolzesten Momente" seines Lebens, sagte Kane, der ebenso mitgenommen wirkte wie Southgate, der gestand: "Ich weiß nicht, was ich denken soll. Ich bin so stolz auf die Spieler. Ich wusste, dass wir es schaffen, aber ich wusste auch, dass es qualvoll werden würde. Es ist ein wundervoller Abend für unsere Fans, für unser Volk, für unser ganzes Land."

England stehe im Finale - in einem Finale! -, stammelte die Times, und das seien die seltsamsten, seltensten und schönsten Worte, die sich schreiben, lesen und vorstellen ließen. Für das Massenblatt Sun war es "das vermeintlich schönste Gefühl" der Welt, die Schlagzeile enthielt eine Wortspielerei in Referenz zu den Dänen: "We have dane it!" - wir haben es geschafft.

Der Überschwang und die Erleichterung der englischen Spieler und Trainer verdeutlichte, wie umfänglich die Nervosität vor der Partie gewesen war, in der es für die Mannschaft viel mehr zu verlieren als zu gewinnen gab, obwohl alle Beteiligten versucht hatten, sich das Gegenteil einzureden. Als klarer Favorit gegen Dänemark erwartete das Fußballvolk (und ebenso England von sich selbst) das Weiterkommen. Jedes andere Resultat wäre einer Blamage gleichgekommen, noch dazu vor eigenem Publikum. Niemand möchte sich ausdenken, was wohl passiert wäre, wenn Schmeichel den Ball beim Elfmeter hätte sichern können - und die Dänen das Spiel danach, womöglich im Elfmeterschießen, gewonnen hätten.

Die Details des Spiels interessieren auf der Insel schon kurz danach kaum noch

Unter diesem Aspekt war es nachvollziehbar, dass sich England in diesem Aufeinandertreffen nur um eines scherte: um den Sieg. Der herrliche Führungstreffer der Dänen durch Mikkel Damsgaard nach einer halben Stunde? Der damit verbundene erste Gegentreffer für England nach 691 Minuten? Das Eigentor des Dänen Simon Kjær zum Ausgleich in der 39. Minute? Der zweifelhafte Elfmeter?

Dass sich bei der Entstehung des Elfmeters auch noch in unmittelbarer Spielnähe ein zweiter Ball auf dem Platz befand? Die Ein- und Wiederauswechslung des Spielmachers Jack Grealish? Die Umstellung auf eine Fünferabwehrkette in der Endphase, obwohl Dänemark die zweite Halbzeit der Verlängerung in Unterzahl absolvierte, nachdem Mathias Jensen verletzt aufgeben musste und das Wechselkontingent ausgeschöpft war? Fand sich auf der Insel in den Tageszeitungen nicht mal im Kleingedruckten wieder.

Wer interessiert sich an einem geschichtsträchtigen Abend schon für die Chronologie eines Spiels, wenn es hauptsächlich darum geht, das Schicksal gefügig zu machen, das ein halbes Jahrhundert immer auf Seiten des Gegners zu stehen schien?

Hängen bleibt für England nur, dass Kane getroffen und Southgate alles richtig gemacht hat. Und natürlich das Finale am Sonntag.

© SZ/schm/bek
Zur SZ-Startseite
Fußball EM - Spanien - Italien

Felix Brych bei der EM 2021
:Abpfiff in eigener Sache

Eine ergreifende Geste von Giorgio Chiellini, Jubel von der englischen Presse: Der deutsche Schiedsrichter Felix Brych tritt würdig von der europäischen Bühne ab.

Lesen Sie mehr zum Thema

Süddeutsche Zeitung
  • Twitter-Seite der SZ
  • Facebook-Seite der SZ
  • Instagram-Seite der SZ
  • Mediadaten
  • Newsletter
  • Eilmeldungen
  • RSS
  • Apps
  • Jobs
  • Datenschutz
  • Kontakt und Impressum
  • AGB