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Deutschland erreicht das EM-Achtelfinale:Goretzkas großes Herz

Ein Tor mit sehr viel Gewicht: Die deutsche Elf erkämpft sich beim 2:2 gegen Ungarn das Achtelfinale in Wembley gegen England - Bundestrainer Löw muss aber einiges erklären.

Aus dem Stadion von Martin Schneider

Das Herz. Leon Goretzka formte es aus seinen Fingern und seinen Daumen und er zeigte es in Richtung des ungarischen Fanblocks. Dort standen schwarzgekleidete Männer, die vorher, so berichtete es später die Münchner Polizei, dem Nachbarblock mit deutschen Fans erst schwulenfeindliche Beleidigungen entgegengeschleudert und dann versuchten hatten, ihn zu stürmen. Die Polizei verhinderte es. Auch sonst tritt man vielen Mitgliedern der ungarischen Gruppe nicht zu nahe, wenn man sie als rechtsextrem bezeichnet. Denen zeigte Goretzka also am Mittwochabend diese Geste, die einen Schlusspunkt unter die Debatte um Symbole und Zeichen und die Arena, die nicht in Regenbogenfarben leuchten durfte, setzte. Goretzka nahm sich ein Herz. Wortwörtlich und im doppelten Sinne.

Denn der Mittelfeldspieler hatte kurz davor in der 84. Minute das Tor zum 2:2 geschossen. Ein Tor, das seine Mannschaft gerade so noch im Turnier hält, das Bundestrainer Joachim Löw das zweite Vorrundenaus bei einem großen Turnier nacheinander und damit einen blamablen Abschied als Bundestrainer erspart hat - und der deutschen Nationalmannschaft nebenbei ein Achtelfinale im legendären Wembley-Stadion gegen England beschert.

Ziemlich viel Gewicht für ein Tor. "Ich weiß gar nicht mehr genau, wer mir den Ball in den Sechzehner spielt", erzählte der Torschütze selbst. "Aber ich habe eine schwierige Position, weiß nicht genau, was in meinem Rücken passiert und will ihn deswegen ablegen auf Timo", schilderte Goretzka später die Entstehung aus seiner Sicht und meinte damit Timo Werner: "Der versucht es mit einem Torschuss, der wird abgefälscht, dann fällt der Ball mir vor die Füße und dann nur noch rein damit."

"Es war nichts für schwache Nerven", sagte Bundestrainer Löw

Dass Goretzka ausgerechnet gegen Ungarn aus dem Hintergrund hätte schießen müssen und schoss, das war schon unmittelbar nach dem Spiel zu lesen und der Vollständigkeit halber sei ergänzt, dass es der 18-jährige Jamal Musiala war, der den Ball reinspielte, den Löw zweimal auf die Tribüne setzte und der nach seiner Einwechslung mit einem Körperwackler schaffte, woran die deutsche Mannschaft 84 Minuten lange scheiterte: Irgendwie ein Loch in diese ungarische Abwehr zu reißen.

Es dauerte lange, bis die Emotionen in der Arena abgeklungen waren und es roch noch nach nassem Gras, als Joachim Löw zum ZDF-Mikro ging. Ein paar Fans standen noch in der Kurve, sie hatten ein Bettlaken mit "Jogi, högschsde Konzentration" beschriftet, sie beklatschten und bejubelten den Bundestrainer, der sich sichtlich über den Zuspruch freute. "Es war nichts für schwache Nerven", sagte Löw, um dann die Frage aller Fragen zu beantworten: Wie konnte es so weit kommen, dass seine Mannschaft nach dem stellenweise begeisternden 4:2 gegen Portugal wieder bloß ein paar Minuten vom Turnier-Aus entfernt stand?

Wie konnte das sein, Herr Löw? "Die sogenannten Kleinen hauen alles rein, es war nicht einfach", sagte der Bundestrainer: "Wir haben Fehler gemacht, aber gefightet, bis der Ausgleich gefallen ist." Joshua Kimmich brachte es später prägnanter auf den Punkt. "Am Ende haben wir zum Glück Moral gezeigt", sagte er und darauf konnte man es durchaus runterbrechen: Glück und Moral. Wobei es Auslegungssache ist, wie viel Glück und wie viel Moral man gelten lassen will.

Löw hatte taktisch wieder auf das gleiche System vertraut, musste nur verletzungsbedingt Thomas Müller ersetzen und entschied sich zur Überraschung mehrerer Beobachter für Leroy Sané und nicht für Goretzka in der Startelf. Die Ungarn hatten ganz offensichtlich das Portugalspiel analysiert und legten darum sehr großes Augenmerkt aufs Verteidigen der zuvor so effektiven Flügelzange Gosens/Kimmich. Das bremste das deutsche Offensivspiel merklich, war aber noch keine Katastrophe, ganz im Gegensatz zum Gegentor nach elf Minuten.

Wenn man als ambitionierterer Fußballtrainer seiner Mannschaft zeigen will, wie man einen Ballverlust im Zentrum nicht verteidigt, man würde kaum ein besseres Video finden als dieses Tor von Adam Szalai, der am Ende einer beeindruckenden Fehlerkette per Kopf traf. Gündogan, Kroos, Gosens, Rüdiger, wieder Kroos und letztendlich Hummels und Ginter verpassten den Zugriff, wieder lag das deutsche Team damit hinten, auch im dritten EM-Spiel.

Ein Gegentor als geschlossene Mannschaftsleistung, das man sich so als Spitzenteam niemals fangen darf und das nur noch vom zweiten Gegentor übertroffen wurde. Das war genau so mies verteidigt, fiel aber zusätzlich nur zwölf oder 15 Sekunden, da schwankten die Angaben, nachdem Löws Team in der 66. Minute den ersehnten Ausgleich durch Kai Havertz geschafft hatte. "Ganz, ganz billig", nannte Kimmich das zwischenzeitliche 1:2. "Das darf uns nicht passieren, vor allem auch in der Art und Weise."

Welchen Plan Löw mit Sané hatte, das muss noch gesondert erörtert werden

Es war übrigens tatsächlich das erste Pflichtspiel zwischen beiden Ländern seit dem WM-Finale von Bern 1954 und dazu passend schüttete es zwischenzeitlich, als wäre die Arena eine riesige Duschkabine. Im Wankdorfstadion wurde damals der Boden tief, Adi Dassler schraubte längere Stollen an, die Deutschen hatten einen Vorteil, aber in modernen Stadien gibt es Drainagen, das Wasser fließt einfach ab und deswegen taugte der Schauer, wenn auch sintflutartig, nicht wirklich als Erklärung für den deutschen Auftritt.

Löw hatte dieses Spiel zumindest in seinen Grundzügen vorhergesehen. "Zäh" würde es werden, hatte der Bundestrainer prophezeit, doch um die Schwierigkeit wissen und sie beseitigen, das sind zwei unterschiedliche Dinge. Bis auf einen Kopfball an die Latte von Hummels in der ersten Halbzeit wirkten viele Angriffe wenig durchdacht, und welchen Plan Löw mit Sané hatte, das muss vielleicht noch mal gesondert erörtert werden. "Uns ist mit dem Ball nicht viel eingefallen", gab Kimmich zu, seiner Meinung nach war aber vor allem das nicht stattfindende Gegenpressing - also die schnelle Rückeroberung nach Ballverlust - entscheidend für die schwache Leistung.

Das Tor zum 1:1 durch Havertz fiel dann auch nach einem Patzer von Ungarns Torwart Peter Gulacsi - er sprang unter einer Kimmich-Flanke durch. "Wir hatten draußen immer das Gefühl, dass wir in der Lage sind, ein Tor zu machen", sagte Löw und die These ist nicht so steil, zu behaupten, dass dieses Gefühl möglicherweise nicht das dominierende im Münchner Norden war.

Als in der Arena schon die Tore abgebaut und die letzten Rasenlöcher geflickt wurde, da wurde Kimmich als letzter Diensthabender auf der virtuellen Pressekonferenz noch gefragt, wie er diese doch sehr unterschiedlichen Auftritte der Mannschaft, das 0:1 gegen Frankreich, das 4:2 gegen Portugal und das 2:2 gegen Ungarn nun eigentlich bewerte. "Ja, schwierig", sagte Kimmich. "Das heute war ein gewisser Stimmungsdämpfer", meinte er: "Es ist ein bissl ein Auf und Ab. Aber ich bin davon überzeugt, dass wir es schaffen, uns zu steigern, und dass es weitere Spiele geben wird, auch über das Spiel gegen England hinaus."

© SZ/ebc/and
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