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Deutschland bei der EM:Erlösung in der 84. Minute

In einer wilden Partie gegen Ungarn scheitern die Deutschen fast schon wieder in der Gruppenphase. Dann erzielt Leon Goretzka das rettende 2:2 fürs Achtelfinale - und schickt eine Botschaft in den ungarischen Fanblock.

Von Philipp Schneider

Dieser Regen. Er fiel nicht vom Himmel, er kam von allen Seiten. Als fege plötzlich ein Monsun über München.

Nicht nur Geschichtskundige wissen, dass es in großen Partien zwischen Ungarn und Deutschland geregnet hat. 1954, beim sogenannten Wunder von Bern, als die Bundesrepublik erstmals Weltmeister wurde, da herrschte bekanntlich Fritz-Walter-Wetter. Am Mittwoch, als seine Mannschaft im letzten Vorrunden-Spiel gegen Ungarn viel zu lange schwamm als spielte, da trug der Bundestrainer Joachim Löw an der Seitenlinie zeitweise ein Handtuch mit sich herum. Er benutzte es, um sich das Wasser vom Gesicht zu wischen, das irgendwie seinen Weg unter die Kapuze seiner Regenjacke gefunden hatte. Und wenn der Regen von unten gegen das Kinn geweht wird, das war klar zu sehen, dann ist das eindeutig kein Jogi-Löw-Wetter.

Aber es passte gut zum Spiel seiner Mannschaft, der die Leichtigkeit des 4:2 gegen Portugal abhanden gekommen war. Es passte zum Ergebnis. 2:2 (0:1) spielte Deutschland gegen Ungarn. Acht Minuten vor dem Schlusspfiff war Löws Mannschaft allerdings noch ausgeschieden, lag 1:2 zurück. Es drohte das nächste Vorrunden-Aus nach der WM 2018 in Russland. Doch dann setzte sich an der Grundlinie das 18-jährige Talent Jamal Musiala durch, der gerade erst eingewechselt worden war. Über Goretzka, der sich kürzlich erst warmgemacht hatte, nahm der Ball den Umweg über Timo Werner, der auch noch nicht lang auf dem Platz stand. Werners Schuss wurde abgeblockt und so gelangte der Ball wieder zu Groetzka. Der Mittelfeldspieler zog ab, mit Wucht, der Ball wurde abgefälscht - aber er schaffte es über die Torlinie. Das 2:2, die Erlösung. Denn weil sich im anderen Gruppenspiel Frankreich und Portugal ebenfalls 2:2 trennten, war Deutschland nun als Tabellenzweiter für ein Achtelfinale gegen England qualifiziert. Mit den Händen formte Goretzka ein Herz und zeigte es in Richtung des ungarischen Blocks.

Dieser pudelnasse Trainer Löw im Regen, er hatte lange Zeit eine zähe Partie moderiert. Und dann tatsächlich noch das Weiterkommen eingewechselt. Um ein Haar aber wäre Deutschland als Gruppenletzter ausgeschieden.

Löw setzt auf die offensivere Alternative - auf Sané

Zwei große Fragen hatten die Partie im Vorfeld begleitet: Was würden sich die weltoffenen Münchner in und vor diesem Stadion, in dem ja leider die Uefa das Hausrecht ausüben durfte, einfallen lassen, um trotz des vieldiskutierten Illuminationsverbots an der Außenhülle der Arena den einen oder anderen Regenbogen erscheinen zu lassen? Sagen wir so: Diesmal gab es keinen Aktivisten wie beim Spiel gegen Frankreich, der sich in bester Absicht und mit trotteligster Ausführung in die Arena gleiten ließ. Aber es gab einige Regenbögen auf Wimpeln, Regenbögen an Hütchen, Regenbogenmasken, Manuel Neuers Regenbogenbinde - und ganz am Schluss noch ein Herzchen von Goretzka. Immerhin.

Die zweite Frage lautete: Wer ersetzt den angeschlagenen Thomas Müller? Löw hatte auf Müllers Position die logische Wahl zwischen zwei Spielern vom FC Bayern: Leroy Sané oder Goretzka. Von beiden wusste er, dass sie sich jeweils einfügen würden in eine Spielzentrale, in der es so oder so wimmeln würde vor Spielern des FC Bayern. Löw hätte in Goretzka die robustere und weniger verspielte Variante wählen können. Er entschied sich für Sané. Möglicherweise berauscht von vier Toren gegen Portugal, entschied er sich für das offensivere Projekt.

Die Spieler der DFB-Elf wussten, dass ihnen ein Unentschieden zum Einzug ins Achtelfinale genügen würde - Ungarn musste gewinnen.

Nicht ganz, aber fast so wild wie gegen Portugal legte Deutschland los. Was daran lag, dass sich Ungarn zunächst mit elf Spielern in der eigenen Hälfte verschanzte. Löw wollte dieses Bollwerk knacken, indem er die Außenverteidiger Robin Gosens und Joshua Kimmich so weit vorrücken ließ, dass sie mit Sané, Gnabry und Havertz eine Fünfer-Angriffsreihe bildeten. Mit Schwung ging es los: Eine weite Flanke von Mats Hummels fand Kimmich auf dem Flügel, der aus spitzem Winkel knapp das Tor verpasste. Fast im Gegenzug war der erste düstere Vorbote des aufziehenden Ungemachs zu beobachten: Hummels klärte mit langem Bein im eigenen Strafraum vor Roland Sallai vom SC Freiburg.

Ungarns Plan war es, das Spiel der Deutschen auf den Flügeln hart zu attackieren - und dann nach Balleroberung blitzschnell umzuschalten. In der elften Minute zeigten die Ungarn, wie simpel sich mit Schnelligkeit Deutschland übertölpeln ließ: Adam Szalai von Mainz 05 leitete den Konter selbst ein, dann kombinierten sich Sallai und Loic Nego durch staunende Mittelfeldspieler in Rückwärtsbewegung- Sallai flankte auf den mitgelaufenen Szalai, der, eingerahmt von den passiven Ginter und Hummels, den Ball zur Führung einköpfte.

Wieder ein Konter. Wie gegen Portugal. Der einzige Unterschied: Diesmal kassierte Deutschland das Gegentor nicht nach einem eigenen Eckball. Und wie gegen Portugal drückte und drängte Löws Mannschaft nun mit Macht aufs gegnerische Tor. Havertz dribbelte sich in den Strafraum, passte rüber zu Gosens, doch der verfehlte den Ball (17.). Nach einem Eckball köpfte Hummels gegen die Latte (25.) - fehlende Motivation ließ sich Löws Truppe wahrhaftig nicht vorwerfen.

Müller lauschte gerade noch dem Wiederanpfiff, als Ungarn schon wieder trifft

Aber die Ungarn waren keine Portugiesen. Sie ließen den Deutschen keine Räume, sie versuchten gar nicht erst, Schönheit in ihr Spiel einzuweben. Lieber bildeten sie zwei Wände. Beide hoch und weiß. Sie gingen körperlich hart zur Sache, unterbrachen immer wieder den Kombinationsfluss der Deutschen. Und kamen doch immer wieder zu gefährlichen Läufen über die Flügel, denen meist nur noch ein Passempfänger in der Mitte fehlte zum Glück.

Nach der Pause brachte Löw zunächst keine frischen Kräfte. Aber er zog Kimmich etwas weiter in Richtung seiner Lieblingsposition im Zentrums des Spiels - und sicherte nun ab mit einer Viererkette mit Matthias Ginter auf der rechten Seite. Als sich die nötige Durchschlagskraft noch immer nicht einstellen sollte, da brachte Löw dann Goretzka für Ilkay Gündogan. Doch die besseren Chancen erspielten sich zunächst wieder die Ungarn. Der unermüdliche Sallai setzte einen Freistoß an die Latte (62.).

Es war bezeichnend, dass der Ausgleich nicht herausgespielt wurde, sondern mit Hängen und Würgen entstand. Nach einer Kroos-Flanke in den Strafraum sprang der sonst tadellose Torwart Gulacsi mit der Faust am Ball vorbei, Hummels köpfte in Richtung Tor - und Havertz drückte ihn mit seiner Wucht über die Linie (66.).

Löw wechselte, er brachte den angeschlagenen Müller für Havertz. Und Müller lauschte gerade erst dem Wiederanpfiff, als die Ungarn einen Treffer vorlegten, der an Rasanz nicht zu überbieten war. Ein langer Ball in die Spitze. Ratlose deutsche Verteidiger. Schon wieder Szalai, dann ein Pass auf Andreas Schäfer, der den pfeilschnellen aber passiven Sané abhängte - und vorbei an Neuer einköpfte, der aus seinem Tor geeilt war (68.).

Dann wechselte Löw - und Jamal Musiala und Leon Goretzka retteten nun auch den Bundestrainer vor einem sehr schmerzlichen Ende nach 15 prallen Jahren als Angestellter des DFB.

© SZ/ska/bkl/and
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