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Frankreich gegen Portugal:Drei Elfmeter und der Schrecken der Großleinwand

Am Ziel: Cristiano Ronaldo steht mit Portugal im Achtelfinale.

(Foto: Laszlo Balogh/AFP)

Das 2:2 zwischen Frankreich und Portugal entfaltet seine Dramatik im Fernduell mit den Ereignissen in München. Am Ende sind beide Mannschaften zufrieden - nur die ungarischen Fans tragen ihren Schmerz in die Nacht.

Von Claudio Catuogno, Budapest

Frankreich gegen Portugal bei der EM 2021

Drei Elfmeter und der Schrecken der Großleinwand

Das 2:2 zwischen Frankreich und Portugal entfaltet seine Dramatik im Fernduell mit den Ereignissen in München. Am Ende sind beide Mannschaften zufrieden - nur die ungarischen Fans tragen ihren Schmerz in die Nacht.

Zehn Minuten waren gespielt in der Puskás-Arena, die Stimmung war von Anfang an tadellos gewesen, singende Franzosen, singende Portugiesen, singende Ungarn, und keine rechtsnationalen Hooligans weit und breit. Ungarns Elf spielte diesmal ja gar nicht mit in Budapest, sondern gleichzeitig im Münchner Unwetter gegen Deutschland. Gut zehn Minuten waren also vorbei in diesem Gruppenfinale zwischen Weltmeister Frankreich und Europameister Portugal, da schien das Stadion plötzlich völlig euphorisiert zu sein von dem Ballgeschiebe auf dem Rasen. War schon etwas passiert?

Die Auflösung gab es auf der Großleinwand: "Ungarn: 1, Deutschland: 0". Aus Sicht der anwesenden Nationen lief also alles auf einen prima Abend hinaus. Aber manchmal kann man sich auch in falscher Sicherheit wiegen. Und manchmal entfaltet sich die Dramatik eines solchen Spiels erst nach und nach. Während die Franzosen schon fürs Achtelfinale qualifiziert waren, war für die Portugiesen noch die ganze Bandbreite drin, vom ersten bis zum letzten Tabellenplatz.

So viele Tore hat Ronaldo noch bei keiner EM geschossen

Es dauerte dann aber nicht lange, bis es auch im Puskás-Stadion etwas zu bejubeln gab. Wobei vor der Freude der Schrecken stand: Frankreichs Torwart Hugo Lloris kam nach einer Freistoßflanke aus seinem Tor geflogen und traf Danilo Pereira mit der Faust im Gesicht. Pereira konnte weiterspielen, und Cristiano Ronaldo trat zum fälligen Elfmeter an, traf zur Führung (31.) - und feierte damit sein viertes Tor bei diesem Turnier. So viele hat er noch bei keiner EM geschossen. Und diese hier schien für die Portugiesen ja gerade erst loszugehen - oder etwa nicht?

Wenn man den paneuropäischen Taschenrechner rausholte, sah es zumindest sehr gut für sie aus, sie setzten sich an die Spitze der Gruppe F. Und noch schlechter sah es damit für die Deutschen aus, die bei einer eigenen Niederlage gegen Ungarn auf einen Sieg der Franzosen hoffen mussten, um sich als Dritter ins Achtelfinale zu retten; wegen des gewonnenen direkten Vergleichs mit Portugal.

Es blieb dann nicht bei diesem 1:0, das Spiel hielt noch weitere Geschichten bereit. Zunächst einmal den ersten Treffer des Stürmers Karim Benzema, 33, seitdem der Nationaltrainer Didier Deschamps ihn im Mai aus seiner fast sechs Jahre währenden Verbannung zurückgeholt hat. Kurz vor der Pause war das, da war Kylian Mbappé im portugiesischen Strafraum in Nélson Semedo hineingestürmt, was niemanden wundern muss, denn Mbappé ist ja ein Stürmer. Über den folgenden Strafstoß wunderten sich hingegen manche, doch der Videoschiedsrichter war einverstanden. Und tatsächlich: Nicht Antoine Griezmann, Frankreichs eigentlicher Elfmeter-Beauftragter, nahm sich den Ball, sondern Benzema. Letztes Tor für die Bleus: im Oktober 2015. Letzter Elfmeter für die Bleus: im Vorbereitungsspiel gegen Wales - verschossen.

Die Frage, wann (und ob?) bei Benzema bei dieser EM der Knoten platzt, war zuletzt immer ungeduldiger intoniert worden, insofern schoss der Angreifer von Real jetzt quasi zwei Tore in einem. Das 1:1 gegen Portugal, und den vorläufigen Siegtreffer gegen alle Zweifel.

Und Portugal? Plötzlich Gruppenletzter!

Gleich nach der Pause sollte sich zeigen, dass sich das gruppentherapeutische Knotendurchschneiden gelohnt hatte: Ein Pass von Paul Pogba auf Benzema, der traf schon wieder, und nach langer Abseits-Überprüfung gab es auch hier die offizielle Anerkennung. 2:1 jetzt also für Frankreich. Und Portugal? Plötzlich Gruppenletzter!

Bei den Portugiesen hatte Trainer Fernando Santos nach dem enttäuschenden 2:4 gegen die Deutschen zwei Wechsel im Mittelfeld vorgenommen: Neben William Carvalho musste Bruno Fernandes erst mal auf die Bank, dafür rückten João Moutinho und der ehemalige FC-Bayern-Junior Renato Sanches in die Startelf, der von Beginn an viel Einfluss aufs Spiel nahm. Deschamps hatte seine Elf wie erwartet auf drei Positionen verändert: Corentin Tolisso, Jules Koundé und Lucas Hernández kamen für Adrien Rabiot, Benjamin Pavard und Lucas Digne. Allzu viel ableiten sollte man daraus aber nicht, die schon qualifizierten Franzosen konnten guten Gewissens einige Stammkräfte schonen.

Und die Portugiesen haben, wenn es darauf ankommt: Ronaldo. Erst schoss er dem jungen Koundé im Strafraum den Ball an die Hand (59.), und dann den dritten Elfmeter der Partie sicher ins Tor. 2:2. Die Deutschen? Lagen derweil 1:2 gegen Ungarn zurück. Frankreich ist weiter, Portugal ist weiter. Kein Grund mehr, sich noch wehzutun, zumindest zwischen den beiden Mannschaften auf dem Feld.

Nur auf den Tribünen macht sich am Ende der Schmerz breit. Noch einmal die Großleinwand: "Ungarn: 2, Deutschland: 2". Alle weiter. Außer Ungarn.

Korrektur: In einer früheren Version dieses Artikels wurde fälschlicherweise von einem Duell zwischen "Weltmeister Frankreich und Europameister Ungarn" geschrieben. Amtierender Europameister von 2016 und Gegner der Franzosen im Spiel war natürlich Portugal.

© SZ/jki/fhas/cat
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