Deutschland bei der Eishockey-WM:Das alte Ehepaar geht voran

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Deutschland bei der Eishockey-WM: Spalier für den Siegtorschützen: Stürmer Leo Pföderl nimmt die Gratulationen der Kollegen zum 3:2 gegen Frankreich entgegen.

Spalier für den Siegtorschützen: Stürmer Leo Pföderl nimmt die Gratulationen der Kollegen zum 3:2 gegen Frankreich entgegen.

(Foto: Action Pictures/Imago)

Bei Olympia ließ das deutsche Eishockeyteam jede Geschlossenheit vermissen. In Finnland tritt es nun harmonisch auf - das liegt auch an der speziellen Beziehung des Sturmduos Pföderl/Noebels.

Von Johannes Schnitzler, Helsinki

Berlin war eine Wolke, eine Wolke aus dampfendem Schweiß. Aus dem Dunst heraus strahlte Marcel Noebels wie die Viktoria auf der Siegessäule und sagte, nein, hauchte fast in die ihm entgegengereckten Aufnahmegeräte: "Ich bin sehr glücklich darüber, dass der Leo und ich uns gegenseitig so gut finden. Wir machen uns das Leben leicht." Es klang wie eine Liebeserklärung des Stürmers von den Eisbären Berlin an seinen Vereins- und Nationalmannschaftskollegen Leo Pföderl, dem er das entscheidende 3:2 zum zweiten Sieg des deutschen Teams bei der Eishockey-Weltmeisterschaft in Finnland aufgelegt hatte. In beiden Sätzen muss man sich allerdings die Ortsangabe "auf dem Eis" mitdenken. Zwar verstehen sich Noebels und Pföderl auch privat glänzend. Aber Noebels sprach am Montagabend ausschließlich über das Berufsleben.

Trotzdem sind die beiden Wahlberliner - der eine, Noebels, 30, aus Tönisvorst bei Krefeld am Niederrhein, der andere, Pföderl, 28, aus Gaißach bei Bad Tölz an der Isar - mehr als eine Zweckgemeinschaft. Seit 2019, als Pföderl aus Nürnberg an die Spree wechselte, bilden die beiden eines der besten deutschen Angriffsduos. Zuletzt wurden sie zweimal nacheinander gemeinsam deutscher Meister, Noebels wurde 2020 und 2021 zum besten Spieler der DEL gewählt. Für Eishockeyverhältnisse könnte man sie als altes Paar bezeichnen. Noebels sagt: "Leo und ich harmonieren sehr gut, wir reden viel, auch wenn's mal nicht so gut läuft, und suchen gemeinsam nach Lösungen."

Bei dieser WM haben sie nach der Auftaktniederlage gegen Kanada (3:5) sowohl gegen die Slowakei (2:1) als auch gegen Frankreich jeweils das entscheidende Tor koproduziert. Pföderl hat in drei Spielen zwei Treffer und drei Vorlagen gesammelt und damit bereits seine Bilanz von der WM 2021 eingestellt - damals nahm er sich dafür zehn Spiele Zeit. Noebels, vor einem Jahr mit acht Scorerpunkten einer der Hauptverantwortlichen für den Halbfinaleinzug, sagt: "Am Ende ist es egal, wer von uns das Tor schießt." Hauptsache, drin.

Wie es bei alten Paaren oft ist, wird dann auch mal gegen den Partner gelästert: "Ich musste ja ziemlich lange warten, der Leo hat etwas länger gebraucht, bis er zum Tor gegangen ist", schilderte Noebels ihren Konter zum Siegtor gegen Frankreich, eine Kombination, wie sie die beiden für die Eisbären fast schon automatisiert haben. "Eigentlich wusste ich schon, als ich die Scheibe bekommen und ihn noch im Augenwinkel gesehen habe, was meine Aufgabe ist", sagte Noebels. "Und wenn ich Leo die Scheibe gebe, kommt oft etwas Gutes dabei raus."

Bundestrainer Toni Söderholm, mit Superlativen für einzelne Spieler eher sparsam, setzte sogar zu einer Art ultimativer Lobhudelei an: "Es war ein sehr wichtiges Tor zu einem sehr wichtigen Zeitpunkt von zwei sehr guten Eishockeyspielern, die einander sehr gut kennen auf dem Eis."

"Wir sind ja auch ein bisschen für die Tore da" , sagt Pföderl

Noebels und Pföderl sind zwei von fünf Spielern vom Meister Eisbären Berlin in Söderholms WM-Auswahl, und sie schlüpfen exakt in die Rollen, die der Trainer für sie vorgesehen hat. Jonas Müller und Kai Wissmann stehen stabil in der Abwehr, wobei vor allem WM-Debütant Wissmann mit seiner abgeklärten Spielweise beeindruckt; Torwart Mathias Niederberger, bei den beiden vorangegangenen Turnieren die deutsche Nummer eins, akzeptiert seinen Platz hinter NHL-Goalie Philipp Grubauer, war aber in seinem ersten Einsatz am Montag "sehr stark", wie Söderholm fand, "vor allem im dritten Drittel hatte er einige wichtige Paraden".

Die frühe Führung durch Daniel Fischbuch (3.) und das 2:1 durch Alexander Ehl (18.), zwei Spielern aus der nominell dritten und vierten Reihe, hatten die Franzosen jeweils ausgeglichen, und sie machten weiter Druck. "Wir wussten, dass das wohl ein Ein-Tor-Spiel wird", sagte Noebels. "Jede Mannschaft will zeigen, dass sie zu Recht hier ist", gerade die Franzosen, die als eines von zwei Teams für die ausgeschlossenen Mannschaften aus Russland und Belarus ins Tableau nachgerückt sind. Aber Niederberger hielt stand, und Noebels und Pföderl sackten letztlich die Punkte ein (46.). "Wir sind ja auch ein bisschen für die Tore da", sagt Pföderl.

Standen die beiden bei Olympia sinnbildlich für ein Team, das sich verloren hatte (gemeinsame Bilanz: vier Spiele, eine Vorlage), so haben sie sich in Helsinki offenbar wiedergefunden - trotz oder gerade wegen der anstrengenden DEL-Playoffs, vor denen sich Pföderl noch an der Hand verletzt hatte. Der Meistertitel habe neue Kräfte freigesetzt: "Wir haben super gefeiert", erzählt Pföderl. "Jetzt haben wir hier eine super WM, da geht man sehr, sehr gerne raus und spielt Eishockey. Und wenn man dann einen reinhaut, gibt das Energie."

Ob Tim Stützle gegen Dänemark und Italien spielen kann, ist fraglich

Am Dienstag hatten die Nationalspieler frei zur Regeneration, am Mittwoch beginnt die Vorbereitung auf die Partien am Donnerstag gegen Dänemark und Freitag gegen Italien (jeweils 15.20 Uhr). Ob Tim Stützle dann wieder mit aufs Eis kann, war am Dienstag noch sehr fraglich. Der 20-jährige NHL-Profi von den Ottawa Senators schied gegen Frankreich nach einem Check gegen sein Knie schon im ersten Drittel verletzt aus, die Diagnose steht aus. "Er ist bei unserer medizinischen Abteilung in sehr guten Händen", sagte DEB-Sportdirektor Christian Künast am Dienstag. Man müsse die nächsten Tage abwarten.

Deutschland bei der Eishockey-WM: Frühes Aus gegen Frankreich: Ob NHL-Profi Tim Stützle im nächsten Spiel schon wieder auflaufen kann, ist ungewiss.

Frühes Aus gegen Frankreich: Ob NHL-Profi Tim Stützle im nächsten Spiel schon wieder auflaufen kann, ist ungewiss.

(Foto: Antti Aimo-Koivisto/Lehtikuva/Imago)

"Es ist sehr bitter, wenn du einen Spieler so früh verlierst, egal welcher Spieler es ist", sagte Toni Söderholm. "Wir brauchen alle Kräfte." Umso intensiver bemüht sich der DEB um den ehemaligen Eisbären-Profi Lukas Reichel, 20, und den gebürtigen Berliner Leon Gawanke, 22, die mit ihren Teams aus den AHL-Playoffs ausgeschieden sind. "Wir sind im Austausch, wie schnell wir sie holen könnten, wenn alle grünes Licht geben", sagte Söderholm.

Marcel Noebels würde sich über die Verstärkung freuen, gemeinsam mit ihm und Pföderl bildete Reichel bei der WM 2021 die gefährlichste Reihe. "Luki, der uns ja auch sehr gut kennt, und Leon, ein Berliner und ein halber: Die würden uns sehr guttun." So sieht das auch Pföderl, wenngleich sie sich auch mit ihrem derzeitigen Sturmpartner Marc Michaelis gut ergänzten: "Er ist ein sehr schlauer Spieler, der sehr gut bei uns reinpasst, ähnlich wie der Luki letztes Jahr." Einigkeit also wieder einmal bei Noebels und Pföderl. Nachfrage: Gibt es eigentlich etwas, was das Einvernehmen stören könnte? Noebels lacht: "Wenn der Leo mit seinem Bairisch loslegt."

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