Deutschland bei der Eishockey-WM:Berliner Weiße mit Schuss

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Deutschland bei der Eishockey-WM: Leo Pföderl (Mitte) wird für das entscheidende Tor gegen Frankreich gefeiert, die Vorlage kam von Marcel Noebels (links).

Leo Pföderl (Mitte) wird für das entscheidende Tor gegen Frankreich gefeiert, die Vorlage kam von Marcel Noebels (links).

(Foto: ActionPictures/Imago)

Drittes Spiel, zweiter Sieg: Die deutsche Eishockey-Mannschaft kommt dem WM-Viertelfinale mit einem 3:2 gegen Frankreich näher. Der Ausfall eines NHL-Profis könnte aber noch schwer wiegen.

Von Johannes Schnitzler, Helsinki

Für Matthias Plachta, Stürmer der Adler Mannheim, hatte der Montag erfreulich begonnen: mit einem eigenwillig intonierten, aber von Herzen kommenden Ständchen der Kollegen zu seinem 31. Geburtstag: Hyvää syntymäpäivää, Plachti! Gefeiert werde "vielleicht heute Abend, dann haben wir zwei Tage frei", meinte Plachta, und natürlich hoffte er, dass sie dann auch drei Punkte mehr in der Tasche haben würden nach dem dritten Gruppenspiel bei der Eishockey-Weltmeisterschaft in Finnland gegen Frankreich. Aber die Franzosen hatten nicht viele Geschenke mitgebracht. Nach zähem Kampf gewann die deutsche Mannschaft gegen den Außenseiter 3:2 (2:1, 0:1, 1:0).

Gleich die erste Chance nutzte der Düsseldorfer Daniel Fischbuch im Powerplay zur frühen Führung (3.), es war ein Aperitif so recht nach dem Geschmack des DEB-Teams. So konnte es doch weitergehen. Oder?

Genau davor hatte Bundestrainer Toni Söderholm gewarnt: Zu glauben, dass es nach dem ersten Turniersieg (2:1) gegen die Slowakei einfach so weitergehen würde. Gegen Frankreich, einen der beiden Nachrücker für die suspendierten Teams aus Russland und Belarus, werde es vor allem darauf ankommen, Geduld zu bewahren und wieder als Mannschaft geschlossen zu agieren. Er habe durchaus die Sorge gehabt, dass sein Team nervös werden könnte, sagte er hinterher: "Aber die Jungs haben erkannt, was sie korrigieren müssen."

Niederberger, der zweite deutsche Torwart, hat beim Ausgleich keine Chance

Allzu viel Geduld schienen sie erst einmal nicht aufbringen zu müssen: In der vierten Minute hatte Stefan Loibl den nächsten Partyböller in der Hand. Aber Sebastian Ylönen, Sohn des ehemaligen Augsburger Torhüters Petri Ylönen, stoppte das Unterzahl-Break des künftigen Mannheimers.

Im deutschen Tor stand erstmals bei diesem Turnier Mathias Niederberger, Schlussmann beim deutschen Meister Eisbären Berlin und zuletzt bei den Olympischen Spielen im Februar und bei der WM 2021, als die DEB-Auswahl ins Halbfinale einzog, zwei Mal die Nummer eins. NHL-Torhüter Philipp Grubauer (Seattle), gegen die Slowakei mit 28 Paraden der Sieggarant, bekam von Söderholm eine Pause. "Zu wissen, dass der nächste, der reinkommt, auch ein Top-Torwart ist, ist natürlich ein super Gefühl", hatte Kapitän Moritz Müller versichert.

Aber auch Niederberger konnte wenig tun, als Alexandre Texier (Columbus), aktuell der einzige NHL-Profi im Kader von Philippe Bozon, ihm die Scheibe im zweiten Powerplay der Franzosen mit einer Direktabnahme ins Netz pfefferte (15.) - eine Spezialität, wie sie Plachta sonst gerne serviert, nicht nur zu Geburtstagen. Es wurde nun lauter in der Helsingin Jäähalli. Erst teilten die Franzosen ein paar handfeste Checks aus. Dann jubelten wieder die deutschen Fans: Alexander Ehl fälschte einen Chip von Dominik Bittner zum 2:1 (18.) ab. Die nominell vierte Reihe hatte damit ihren ersten Turniertreffer. So konnte es jetzt aber wirklich weitergehen. Oder?

Noebels auf Pföderl - eine Berliner Kombination führt zum Siegtor

Das deutsche Team drängte nach der ersten Pause auf den dritten Treffer. Marc Michaelis' Bauerntrick rutschte aber auch nach mehrminütiger Videoüberprüfung nicht über die Linie, Moritz Seider vergab aus ähnlicher Position wie beim 3:5 gegen Kanada, als er lieber abgespielt hatte als zu schießen und sich danach über sich selbst geärgert hatte: "Natürlich muss das Ding über die Linie." Diesmal schoss er, das Ergebnis blieb dasselbe.

Zu diesem Zeitpunkt war NHL-Profi Tim Stützle bereits in die Kabine gehumpelt. Der 20-Jährige war im ersten Drittel hart angegangen worden, hatte sich dafür mit einem Stockschlag revanchiert, der zur Strafe und letztlich zum Gegentor führte, und kam nicht mehr zurück. Zu Stützles Verletzung gab es vom DEB am Abend zunächst keine endgültige Information, ebenso wenig zu einer eventuellen Nachreise der in den AHL-Playoffs ausgeschiedenen Leon Gawanke und Lukas Reichel. Zu allem Überfluss glichen Les Bleus in der 32. Minute durch Hugo Gallet zum 2:2 aus und erwiesen sich als zunehmend lästige Partycrasher. "Die muss man erst mal schlagen", hatte Kapitän Müller weise vorhergesagt.

20:11 Torschüsse für die deutsche Mannschaft, aber 2:2 Tore: So ging es ins letzte Drittel. Wieder gehörte der Start dem DEB-Team, und diesmal versuchten zwei Experten, die Feier wieder in Gang zu bringen: Zuspiel von Meister-Eisbär Marcel Noebels auf Meister-Eisbär Leo Pföderl, eine Berliner Traumkombination wie Weiße mit Schuss, brachte das 3:2 (46.), aus den Boxen forderten Queen "Don't stop me now". Es brauchte aber noch ein wenig Geduld und ein paar beherzte Eingriffe Niederbergers. Dann durfte die Mannschaft geschlossen jubeln.

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