Champions League:Frankfurt chancenlos - aber das ist nur Nebensache

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Es wurde noch hässlicher als befürchtet: Hunderte Frankfurt-Hooligans marodieren durch Neapel und hinterlassen eine Spur der Verwüstung. Ehe die Eintracht bestraft wird, scheidet sie durch ein 0:3 im Achtelfinale aus.

Von Thomas Hürner, Neapel

Nun ist also doch passiert, was die Neapolitaner befürchtet hatten, und zwar mit geballter Wucht: Das Spiel, das ein ganz besonderes für die Frankfurter Eintracht werden sollte, ein kleines Fußballwunder bestenfalls, verlor erheblich an Relevanz und Glanz. Ja, gespielt wurde noch, und die Eintracht hatte keine Chance gegen das brillant aufspielende Team der SSC Napoli: Am Ende stand es 0:3. Zwei Treffer von Victor Osimhen (45.+2./53.) und ein Elfmeter von Piotr Zielinski (64.) besiegelten das Aus der Eintracht in der Champions League. Doch die Partie im Stadio Diego Armando Maradona, gelegen im Stadtteil Fuorigrotta im Westen der Stadt, wo sich normalerweise die Emotionen der Bewohner Neapels ballen - sie war am Mittwoch nur noch eine Art Nebenschauplatz.

Nach dem Anpfiff war von den Ereignissen des Tages nicht viel zu spüren, dafür lieben die Neapolitaner ihre SSC zu sehr, sie träumen groß und sie träumen laut. Vor den Einlasstoren jedoch, an den Imbissbuden und in der Metro zum Stadion hatte es noch rege Diskussionen gegeben: Cos'è successo? Was ist passiert? Und vor allem: Wie konnte es so weit kommen?

Die Fragen der Neapolitaner waren eher rhetorischer Natur, sie drückten Fassungslosigkeit und Unverständnis aus, denn von den Vorfällen in der Stadt hatten sie bereits über die aufgeploppten Eilmeldungen auf ihren Handys erfahren: von den schweren Ausschreitungen, die sich im Zentrum der Stadt zutrugen, von den fliegenden Stühlen und Feuerwerkskörpern, von den zertrümmerten Läden und womöglich auch von Verletzten. Der Corriere dello Sport, der bellizistischen Sprache nicht unverdächtig, verglich die Szenerie mit einem "Guerillakrieg".

Und in der Tat: Wer am Nachmittag an der Piazza del Gesù Nuovo von Neapel vorbeikam, bekam Verstörendes zu sehen, sobald hinter den Rauchschwaden etwas zu erkennen war - und beteiligt waren, daran gibt es nach Meldungslage keinen Zweifel, mehrere Hundert Fans von Eintracht Frankfurt. "Diese Gewalt heute Abend ist aufs Schärfste zu verurteilen. Gewalttäter und Chaoten machen den Sport kaputt", twitterte Bundesinnen- und Sportministerin Nancy Faeser.

Wer die Schuld an dem Chaos trägt, wer provozierte, wer die Lage womöglich eskalieren ließ, all das wird noch abschließend zu klären sein. Klar ist aber: Der Präfekt von Neapel, der Statthalter des Innenministeriums in der Provinz, war bereits vorige Woche zu dem Schluss gelangt, dass die Fans der Eintracht besser nicht nach Neapel reisen sollten, da andernfalls "Gefahren für den Schutz der öffentlichen Ordnung und Sicherheit" drohten. Als Grund wurden Ausschreitungen in Frankfurt rund um das Hinspiel und mögliche Racheaktionen der neapolitanischen Fans beim Rückspiel genannt. Der Verkauf der 2700 Eintrittskarten für Gästefans wurde deshalb verboten - woraufhin sich ein juristisches Hickhack ergab, nach dem nur Menschen mit Wohnsitz in Frankfurt vom Spiel ausgeschlossen waren.

Rund 600 gewaltbereite Hooligans und Ultras aus Deutschland vermiesten der Eintracht das Fest

Die Eintracht verzichtete aus Protest auf ihr Kartenkontingent und riet aufgrund der Gefahrenlage dringend von Reisen nach Neapel ab, doch der Besucherandrang war trotzdem groß: Schon am Dienstag bevölkerten Eintracht-Fans die Bars und Cafés, es handelte sich um jenen Großteil der Anhängerschaft, der sich einfach nur an den europäischen Fußballfesten erfreut, die ihr Klub ihnen in den vergangenen Jahren so zahlreich beschert hat. Doch auch der andere Teil erschien zur Veranstaltung: rund 600 gewaltbereite Hooligans und Ultras aus Deutschland, die ihre Reise offenkundig aus anderen Gründen angetreten hatten.

Einige dieser Anhänger hatten dem Vernehmen nach in einem Hotel nicht weit vom Mannschaftshotel entfernt übernachtet. Am Mittwochmittag sammelten sie sich in der Nähe des Hafens für einen gemeinsamen Marsch zur Piazza del Gesù Nuovo im historischen Zentrum von Neapel. Sie wurden begleitet von Einsatzkräften der Polizei und der Carabinieri, ein Helikopter kreiste über dem Geschehen. Bei dem Marsch kam es zunächst zu keinen Zwischenfällen, aber die Behörden hatten da eine Vorahnung und trafen erste Vorbereitungen: das Personal in den Notaufnahmen wurde erhöht, auch zusätzliche Rettungskräfte und Sanitäter wurden in die Innenstadt beordert.

Gellendes Sirenengeheul gab dann am Nachmittag Aufschluss darüber, dass allmählich der Ausnahmezustand in Neapels Zentrum einkehrte. Die Randale hatte begonnen, überall waren Vermummte unterwegs, und ihre Krawalllust riss eine Schneise der Verwüstung durch die Gassen und Geschäfte. Nach allem, was man weiß, hatten die Frankfurter dabei Unterstützung von etwa 250 Fans von Atalanta Bergamo - die Ultras beider Klubs sind seit vielen Jahren alliiert, und in Chatgruppen habe es laut Berichten auch Hinweise darüber gegeben, dass sie eine gemeinsame Sache planten. Sie provozierten unter anderem mit Schmähgesängen gegen die Napoli-Fans und gegen die Einwohner der Stadt. Und sie stießen, auch das gehört zur Wahrheit, auf eine Gegenpartei, die ebenfalls keinen Spaß versteht. Neapolitanische Ultras, heißt es, seien aus den Nachbarvierteln auf die Frankfurter zugestürmt, mit Stöcken und Pyrofackeln in der Hand. Es war der unrühmliche Höhepunkt der Krawalle.

Eintracht-Vorstand: "Ausschreitungen, die wir seit dem Tag der Auslosung befürchten mussten"

"Es ist klar, dass das niemand sehen möchte. Es sind die Ausschreitungen, die wir seit dem Tag der Auslosung befürchten mussten", sagte der für Fan-Themen zuständige Eintracht-Vorstand Philipp Reschke vor dem Anpfiff der Partie. Es schien "ein bisschen so", meinte er, "dass sich die Gruppen, die sich gesucht haben, auch gefunden haben" - und ergänzte: "Das Wichtigste ist, dass es keine Verletzten gibt. Weder auf Polizeiseite noch bei den beteiligten Fangruppen." Letzteres deckte sich nicht mit den Informationen der italienischen Behörden: Verletzungen habe es zuhauf gegeben, glücklicherweise aber keine schweren.

Gegen 17.40 hatte die Polizei die Lage dann unter Kontrolle gebracht, die Randalierer aus Deutschland wurden mit von der Stadtverwaltung zur Verfügung gestellten Bussen abtransportiert, in denen sie von neapolitanischen Ultras mit Flaschen und Steinen attackiert wurden. Die Nacht verbringen sollte der unrühmliche Teil der Eintracht-Anhänger in einem Hotel, bewacht von zahlreichen Sicherheitskräften. In Neapel war die gesamte Nacht eine erhöhte Sicherheitsstufe angekündigt.

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