Doping:Wurde das Fußball-Problem still entsorgt?

Die russische Regierung nimmt es jedenfalls dankbar auf. Dabei stehen die Beteiligung des FSB und des Sportministeriums außer Frage; der stellvertretende Sportminister Jurij Nagornych musste deshalb sogar gehen. Ist so ein System nicht schon logisch als staatlich gesteuert zu verstehen? Und wie soll so etwas praktisch funktionieren: Ruft da irgendein Mitarbeiter der dritten Ebene mal eben beim Geheimdienst an und bittet darum, Proben zu manipulieren? Entwickelt der Geheimdienst einfach mal so ein komplexes Prozedere, mit dem man die bisher als manipulationssicher geführten Dopingsiegel diskret öffnen und wieder verschließen kann? Macht der Vize-Minister in seinem Haus einfach, was er will - ohne dass sein Chef Witalij Mutko oder sonst ein Regierungsmitglied das mitbekommen?

McLaren tritt stets als unabhängig auf, aber das ist er nur in Maßen

Interessanterweise gibt McLaren selbst die Antwort. Wie auf Seite 63 des Reports, wo es heißt: "Verschiedene Schritte und Maßnahmen wurden eingeleitet (. . .) unter Anleitung und Wissen von Minister Mutko und dem stellvertretenden Minister Nagornych, unter direktem Einbezug des Bundessicherheitsdienstes (FSB)." Minister Mutko, der Geheimdienst FSB - aber kein Staatsdoping? Die Frage ist, was es noch braucht, um ein solches zu konstituieren.

Krisenpunkt zwei, derzeit so wichtig wie die Staatsräson: die Fußball-WM 2018, für Russland das wichtigste Sportereignis der nächsten Dekaden. Im Land ist hierfür der langjährige Sportminister Mutko die zentrale Figur, er firmiert überdies als Chef des Fußballverbandes RFS und sitzt im Vorstand des Weltverbandes Fifa. Trotz des Skandals um sein Ministerium stieg er kürzlich zum Vize-Premier auf. Dabei entschied doch sein Stellvertreter Nagornych über Jahre, welche Proben vertuscht werden sollten. Und im ersten Report findet sich gar ein konkretes Beispiel, wie Mutko selbst eine Anweisung gegeben haben soll. E-Mails zeigten demnach, dass die Entscheidung über die Vertuschung eines Positivbefundes bei einem Erstliga-Kicker von VL gestammt habe - diese Initialen stehen für die englische Transkription von Mutkos Vornamen, Vitaly Leontjevich.

12 Athleten

aus Russland wurden bislang von internationalen Wintersportverbänden provisorisch gesperrt, weil sie im zweiten McLaren-Report auftauchen: Zwei Biathletinnen, sechs Langläufer, vier Bob- und Skeletonfahrer. In Alexander Legkow ist mindestens ein Medaillengewinner von Sotschi 2014 darunter; der Langläufer verpasst damit die am Samstag beginnende Tour de Ski. Insgesamt sollen mehr als 1000 Sportler vom Systembetrug profitiert haben.

Bei der Präsentation seines ersten Reports forderte McLaren das Fifa-Ethikkomitee sogar zu Ermittlungen in Sachen Mutko auf; die Wada gab eine Pressemitteilung heraus. Die Fifa-Ethiker baten den Kanadier sogleich, ihnen die Beweise und Dokumente zu übersenden. Doch McLaren rührte sich nicht, auch auf wiederholte Bitten. Im August erwiderte er auf die SZ-Anfrage, warum die Fifa-Ethiker noch immer kein Mutko-Material vorliegen haben: "Ich bin nicht sicher, was wir tun werden, wir müssen unser Material auswerten und dann entscheiden." Bis heute, Wochen nach Herausgabe des zweiten Reports, haben die Ethiker nichts erhalten. Wurde das Fußball-Problem inklusive der lauthals geforderten Mutko-Ermittlung still entsorgt? Der Eiertanz um Moskaus Vizepremier irritiert umso mehr, als auch die im zweiten Report publizierte Datenbank die Verdachtslage stark auf den Fußball lenkt. 33 Fälle sind dokumentiert. Und alarmierend: Betroffen sind neben Erstliga-Profis auch U17- und U21-Jugendspieler. Genannt wird etwa der Wirkstoff Arimistan, gefunden kurz vor Beginn der EM-Qualifikation 2014. Auch tauchen in einem Mail-Konvolut fünf Mal die Initialen VL auf, zu lesen ist unter anderem "Das ist die Entscheidung von VL" oder "Das ist besprochen mit VL". Die Passagen klingen eindeutig. Dennoch prangert McLaren Mutkos Rolle nicht offensiv an, er relativiert sie sogar: Es gebe keine Beweise, dass er von der Verschwörung gewusst habe.

Punkt drei: das Nationale Olympische Komitee Russlands (ROK). Die angebliche Reinheit dieses Gremiums im Zentrum allen Sports diente dem IOC dazu, das russische Team unter russischer Flagge in Rio starten zu lassen; zum Entsetzen der internationalen Sportwelt und der Anti-Doping-Kämpfer. Der Dreh: Das ROK sei nicht am Dopingkonstrukt beteiligt gewesen. Das war eine höchst eigenwillige Bewertung von McLarens erstem Report, zumal Vize-Minister Nagornych Teil des NOK war. Bericht zwei fiel auch diesbezüglich zurückhaltender aus, es gebe "keine Beweise", dass das Gremium involviert war. Dem IOC steht die Argumentationskette also weiter zur Verfügung - etwa, wenn es um die Winterspiele 2018 in Korea geht.

Der Report offenbart eine bizarre Konstruktion: Einzelne Sportler und Verbände müssen Sanktionen fürchten. Zugleich bleiben die Eckpfeiler - Staat, Fußball-WM, ROK - geschützt. So entsteht hinter dem schockierenden Betrugsbild ein noch beklemmenderes Szenario. Eines, das die Sinnlosigkeit zeigt, wenn der Sport selbst seine Ermittler beruft. Zwar trat McLaren als unabhängig auf, als "Independent Person". Aber das ist er nur in Maßen. Er war über Jahre Richter am obersten Sportgerichtshof Cas; beauftragt wurde er von der Wada, die schon 2012 von der Diskuswerferin Darja Pischtschalnikowa auf systematische Missstände in Russland hingewiesen worden war (wie auch das IOC). Die Wada schickte die brisante Mail an die russische Anti-Doping-Agentur weiter. An die Funktionäre, die von der Athletin der Vertuschung bezichtigt wurden.

Am Kern des Problems rührt auch McLarens Report nicht. Die Fußball-WM unter Mutkos Regie ist nicht gefährdet; die Welt darf auf Russlands runderneuertes Team gespannt sein. Große Hoffnung ruht dann auf Juniorenauswahlspielern von gestern.

© SZ vom 31.12.2016
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