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DFB-Steueraffäre:Razzia im Kleiderschrank

v.l. Dr. Rainer KOCH (GER, DFB Vizepraesident), Fritz KELLER (GER, DFB Praesident), auf der Tribuene, Fussball Laendersp

Redebedarf: DFB-Chef Keller (rechts) und Vizepräsident Koch.

(Foto: Anke Waelischmiller/Imago)

Die Steuer-Durchsuchung beim DFB wirkt überzogen, doch Präsident Keller findet dieses Vorgehen in Ordnung. Der Verband lässt führende Funktionäre im Regen stehen. Läuft da ein Machtkampf?

Von Thomas Kistner, Klaus Ott und Jörg Schmitt, Frankfurt

Die Ermittler, die vor einer Woche die Privatwohnungen mehrerer Fußball-Funktionäre durchsuchten, gingen offenbar sehr beflissen zu Werke. Sogar die Unterwäsche seiner Ehefrau hätten die Fahnder durchwühlt, empört sich ein Betroffener über die Steuerrazzia. Die Stimmung war mächtig geladen im Deutschen Fußball-Bund (DFB), nachdem 200 Ermittler und Polizisten die Frankfurter Verbandszentrale sowie die Wohnsitze von sechs heutigen und ehemaligen Topfunktionären durchsucht hatten. Die einen tobten wegen der Razzia.

Die anderen, zu denen auch Präsident Fritz Keller gehörte, sorgten sich, dass das ohnehin lädierte Image weitere Schrammen bekommt. Der DFB stand ja nun erneut als Haufen da, der es nicht schafft, seine Altlasten zu bereinigen. Und dann goss Karl-Heinz Rummenigge, Vorstandschef von Bayern München, am Wochenende mit einer Grundsatzkritik am Verband noch mehr Öl ins Feuer.

Was da gerade in Fußball- und Justizkreisen abläuft, ist eine ziemlich schräge Nummer. Die Steuerrazzia jedenfalls wirkt stark überzogen. Immerhin hatte der DFB der Staatsanwaltschaft längst viele Akten vorgelegt, sich mit dem Fiskus geeinigt und die geforderten 4,7 Millionen Euro bezahlt. Doch statt das öffentlich darzulegen und die eigenen Leute in Schutz zu nehmen, legte DFB-Präsident Keller kräftig nach. Er begrüße die Durchsuchungen ausdrücklich, ließ er mitteilen. In Verbandskreisen verbreiten nun viele das Gerücht, er wolle die Razzia nutzen, um Alt-Funktionäre und langgediente Führungskräfte loszuwerden: Vize Rainer Koch, Schatzmeister Stephan Osnabrügge und Generalsekretär Friedrich Curtius zum Beispiel.

In den DFB-Büros finden sich die Fahnder blind zurecht, witzelt ein Insider

Es rumort kräftig in der Zentrale an der Frankfurter Fleck-Schneise, es sieht auch sehr nach einen Machtkampf zwischen dem DFB und der Deutschen Flußball Liga (DFL) aus - und dort allen voran dem Klassenprimus FC Bayern München. Nichts ist mehr normal in diesen Tagen im DFB, abgesehen von der Suche nach geheimen Papieren in der Unterwäsche. Das ist bei solchen Razzien auch durchaus üblich. Dass die Beamten "auch Schränke in den Wohnungen öffnen, um die gesuchten Unterlagen zu finden, dürfte wohl selbstverständlich sein", erklärt die Frankfurter Behörde. Sie ist schon lange hinter dem DFB her. Erst wegen dubioser Geldflüsse um die Fußball-WM 2006 in Deutschland. Jetzt wegen Einnahmen aus der Bandenwerbung bei Länderspielen. In den DFB-Büros finden sich die Fahnder inzwischen blind zurecht, witzelt ein Insider.

Diesmal geht es um die Frage, wie und wo der DFB die Erlöse aus der Bandenwerbung bei Spielen der Nationalelf verbuchte. Einen Teil des Geldes hat er in den Jahren 2014 und 2015, wie früher schon, in der gemeinnützigen wie steuerfreien Vermögensverwaltung bilanziert. Ein neuer, Ende 2013 geschlossener Vertrag mit der Schweizer Sportagentur Infront enthielt aber andere Klauseln als ein früheres Abkommen mit dieser Agentur, so dass fortan alle Einnahmen steuerpflichtig gewesen wären. Der DFB soll dann den Fehler gemacht haben, den neuen Infront-Vertrag dem Fiskus erst viel später vorzulegen. Aus Sicht der Staatsanwaltschaft liegt da eine strafbare Steuerhinterziehung vor. Verantwortlich dafür seien die sechs heutigen und früheren Funktionäre, bei denen in der Vorwoche durchsucht wurde. Koch, Osnabrügge und Curtius sowie Ex-Präsident Reinhard Grindel, der frühere kommissarische Verbandschef Reinhard Rauball und Ex-Generalsekretär Helmut Sandrock.

Der Verdacht der zumindest versuchten Steuerhinterziehung mag vielleicht nicht von der Hand zu weisen sein, doch die Razzia hätte es wohl kaum gebraucht. Nach SZ-Recherchen hat der Steueranwalt des DFB der Staatsanwaltschaft bereits im Februar und März 2019 mehrere Unterlagen zukommen lassen und eine umfassende Kooperation zugesagt. Im März 2019 einigte sich der DFB zudem mit dem Fiskus über das Steuerjahr 2014 und meldete zusätzliche Millionen-Einkünfte für 2015. Mitte 2020, heißt es, wurde alles gezahlt. Die Staatsanwaltschaft soll es vor der Razzia sogar versäumt haben, sich alle Fall-Akten des Fiskus zu holen. Die Ermittler dementieren das nicht, beharren aber darauf, dass die Razzia unumgänglich gewesen sei.

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