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Compliance im Fußball:Ein Fifa-Treffen wie eine Karnevalssitzung

FIFA's President Infantino walks over a pitch in Zurich

Fifa-Präsident Gianni Infantino.

(Foto: REUTERS)

Ein Compliance-Gipfel ausgerichtet von Gianni Infantino? Was kabarettreife Unterhaltung angeht, macht dem Weltverband so schnell niemand etwas vor.

Kommentar von Thomas Kistner

Karneval fällt nun fast überall aus; nur in Zürich, da fand am Montag ein Kappenabend statt. Helden in der Bütt: Loretta Lynch und Gianni Infantino. Der Boss des Fußballweltverbands, dem in der Schweiz die Strafjustiz nachspürt, veranstaltete ausgerechnet einen - Tusch, Tschingdarassa! - Compliance-Gipfel, bei dem er reihenweise Schenkelklopfer wie den raushaute: Sollte irgendjemand auf der Welt meinen, er könne bei WM-Bewerbungen "den Fußball missbrauchen, dem sage ich klipp und klar: Verlassen Sie den Fußball! Jetzt!"

Tusch! Tschingbumm!

Leider wurde der präsidiale Kalauer nicht mit Donald Trumps Tweet vor der WM-Vergabe 2026 garniert, der jedem Land, das nicht für die USA stimme, den Entzug der Unterstützung angedroht hatte. Klar, dass so eine Warnung fruchtete. Kürzlich hat Infantino mal wieder im Weißen Haus vorbeigeschaut. Eine Rettungsmission in eigener Sache, denn Johnny, wie er dort respektlos genannt wird, traf Trumps Justizminister William Barr. Mit dem bizarren Date wollte er Einfluss auf sein Strafverfahren zuhause nehmen: Seht her, in den USA treffe ich doch auch den Chefankläger! Der Unterschied zwischen dem von der Fifa zelebrierten Treff mit Barr und den geheim eingefädelten Dates mit Bundesanwalt Michael Lauber liegt unter anderem darin, dass Letzterer deshalb sein Amt verlor: Weil sich beide an ein Meeting gar nicht mehr erinnern wollen, und weil der Verdacht gut unterfüttert erscheint, dass bei diesen Treffen unrechtmäßig auf Fußball-Strafverfahren eingewirkt wurde. Darunter war ja sogar ein Date, das sich um einen von Infantino signierten TV-Vertrag drehte.

Während also die von der Fifa gelebte Compliance die Justiz beschäftigt, hielt Infantino flammende Elogen auf seine Amtszeit, deren satirische Höhen darin lagen, dass sie gar nicht als Satire gedacht waren. Aber dass ab und zu, Wolle mern reilasse?, der Staatsanwalt vorbeischaut: Nun, das kennen ja auch Infantinos werte Kollegen, wie die Deutschen vom DFB.

Das närrische Compliance-Treiben gipfelte im Auftritt von Loretta Lynch, die 2015 als US-Justizministerin die FifaGate-Prozesse auslöste und dem Milieu als Engel der Apokalypse erschienen war. Heute singt sie Johnnys Loblieder, was nur unbedarfte Gemüter verwirren mag. Der Witz: Lynch ist heute Partnerin in just jener US-Kanzlei, die die Fifa in den von Lynch losgetretenen Verfahren vertritt. So sieht Compliance aus in der verfilzten Grauzone von Fußball und Justiz. Dort, wo ganz besonders das Ermittlungsmotto der einstigen US-Chefanklägerin gilt: Folge dem Geld. Tataa. Tschingbumm.

© SZ vom 14.10.2020/tbr
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