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WM 2006:Fifa bezeichnet Beckenbauer-Millionen als "Bestechungsgeld"

Franz Beckenbauer wird 75

Franz Beckenbauer.

(Foto: dpa)

Die Fifa-Ethikkommission legt einen erstaunlich eindeutigen Untersuchungsbericht zur Sommermärchen-Affäre vor - und suggeriert, sie habe das dunkle Geheimnis um die zehn Millionen Franken, die in Katar landeten, gelöst.

Von Johannes Aumüller und Thomas Kistner

Das Ethikkomitee des Fußball-Weltverbandes Fifa ist in den vergangenen Jahren nicht gerade durch strenges Durchgreifen aufgefallen. Wurde ein Funktionär suspendiert, war der in der Regel nicht mehr im Amt oder seine Bedeutung in der Kickerwelt kaum messbar. An die Schwergewichte der Branche traute sich die Chefermittlerin Maria Claudia Rojas nicht heran, schon gar nicht an Gianni Infantino, den Fifa-Boss. Ihm erteilten die Aufpasser sogar einen Freifahrtschein, obwohl in der Schweiz gerade ein Sonderstaatsanwalt gegen ihn ermittelt.

Aber jetzt hauen die Fifa-Ethiker auf die Pauke: ausgerechnet in der Sommermärchen-Affäre, die sich um dubiose Millionentransaktionen rund um die deutsche Fußball-WM 2006 dreht. Neue, der SZ vorliegende Dokumente zeigen, dass die Ethiker den Verwendungszweck für den entscheidenden Zahlungsstrom des WM-Skandals gefunden haben wollen. Bei diesem Geldfluss handelt es sich um jene zehn Millionen Franken, die der deutsche WM-Chef Franz Beckenbauer im Jahr 2002 von Ex-Adidas-Chef Robert Louis-Dreyfus geliehen bekam, und die auf komplizierten Wegen beim Skandalfunktionär Mohammed bin Hammam in Katar landeten. Die zehn Millionen, schreibt die Chefin der Ethik-Ermittlungskammer, seien "Bestechungsgeld" gewesen.

Das ist bemerkenswert. Nicht nur, dass die Ethiker so tun, als hätten sie das Sommermärchen-Rätsel gelöst, dem so viele Strafermittler auf der ganzen Welt nachgehen, und endlich den dunklen Verwendungszweck für die Millionenflüsse aufgedeckt. Sie drohen damit implizit auch Beckenbauer und anderen ehemaligen Funktionären des Deutschen Fußball-Bundes (DFB) Strafen durch den Weltverband an. Denn Bestechung kann ja gerade die Fifa nicht als Kavaliersdelikt abtun.

Die fulminante Darstellung findet sich in einem Untersuchungsbericht, den die Ethik-Ermittler unter Rojas kürzlich fertiggestellt und an die rechtsprechende Kammer übersandt hatten. Deren Chef Vasilios Skouris ließ die Causa auch rasch zu.

Vor viereinhalb Jahren, kurz nach Ausbruch der WM-Affäre, hatte die Untersuchungskammer, damals unter einem anderen Vorsitz, Ermittlungen gegen Beckenbauer und andere Präsidiumsmitglieder des früheren WM-Organisationskomitees (OK) begonnen. Nun legt die Ermittlungskammer ein klares Ergebnis vor: Die Millionen hätten der Bestechung gedient - aber nicht für einen Stimmkauf bei der knappen WM-Vergabe nach Deutschland, sondern für den Erhalt eines Fifa-Zuschusses von 250 Millionen Franken.

Beckenbauer, heißt es unverblümt im Report, habe das von Louis-Dreyfus gewährte Darlehen genutzt, um "ein Bestechungsgeld an Mohamed bin Hammam im Austausch gegen die Gewährung des genannten finanziellen Zuschusses an das WM-OK" zu bezahlen. Der Katarer war als Mitglied der Fifa-Finanzkommission damals zuständig für die Gewährung dieses Zuschusses. Es habe "Bestechungshandlungen" und ein "Bestechungssystem" gegeben, heißt es weiter.

Bin Hammam, Beckenbauer sowie dessen langjähriger Schattenmann Fedor Radmann seien die "Haupttäter" bei der Ausführung der Bestechung gewesen. Beckenbauer und Radmann waren es, die damals viele Gespräche rund um den Zuschuss führten; und sie hätten mit Bin Hammam das 2002 gezahlte Bestechungsgeld ausgehandelt. Die WM-OK-Mitglieder Wolfgang Niersbach, Horst R. Schmidt und Theo Zwanziger, die erst später von der Überweisung erfuhren, seien "in das Bestechungssystem involviert" gewesen, weil sie sich dazu bereit erklärten, sich um die Begleichung von Beckenbauers Millionen-Privatkredit bei Dreyfus zu kümmern. Das wurde letztlich bewerkstelligt, indem im April 2005 der DFB als angeblichen Beitrag für eine WM-Gala 6,7 Millionen Euro an die Fifa zahlte - und diese das Geld am selben Tag an Louis-Dreyfus überwies.

Bestechung, Bestechungsgeld, Bestechungssystem: Es ist bemerkenswert, wie konsequent die Ethiker mit diesen Begriffen hantieren. Das Fifa-Ethikreglement fasst den Begriff "Bestechung" weiter als dies etwa das deutsche Strafrecht tut. Nur: Beweise dafür legt die Kammer im Untersuchungsbericht nicht vor. Bleibt die Frage, wie haltbar ihre Darstellung ist.

Das Fifa-Gremium ist ja nicht die einzige Institution, die sich seit 2015 mit dem Zehn-Millionen-Mysterium auseinandergesetzt hat. Der DFB setzte anfänglich die Kanzlei Freshfields ein, die nicht wirklich weiterkam; aktuell lässt er diesen Vorgang noch einmal von der Berliner Beratungsfirma Esecon durchleuchten. Die Schweizer Bundesanwaltschaft forschte ebenso wie die Staatsanwaltschaft in Frankfurt, und weder in der Anklageschrift des inzwischen wegen Verjährung eingestellten Berner Verfahrens noch in der Anklage der Frankfurter wird der Verwendungszweck als geklärt betrachtet.

Letztlich war es Beckenbauer selbst, der die Version, die zehn Millionen hätten als Grundlage für den Organisationszuschuss fließen sollen, immer vortrug - nur hat er die Zahlung an bin Hammam nie als "Bestechung" deklariert, sondern als "Provision", die von der Fifa-Finanzkommission gefordert worden sei.

Doch die Funde der Strafermittler legen, anders als die Arbeit der Fifa-Ethiker, eines nahe: dass es sich bei den zehn Millionen gerade nicht um Geld gehandelt habe, mit dem sich die Deutschen einen Organisationszuschuss sichern wollten. Dafür spricht fast alles, beginnend bei der Frage, warum Beckenbauer aus seinem Privatvermögen einen Millionenkredit aufnehmen sollte, um einem superreichen Katarer Schmiergeld für einen Organisationszuschuss zu überweisen. Zudem war zum Zeitpunkt der Überweisung der 250-Millionen-Zuschuss für den DFB schon vertraglich fixiert und sogar die erste Rate in Höhe von 25 Millionen Franken geflossen. Man hätte die zehn Millionen einfach damit verrechnen können. Stattdessen gab es einen verschlungenen Ablauf, mit dubiosen Verträgen, der Zwischenschaltung einer Schweizer Kanzlei und einer Stückelung des Betrags in diverse Tranchen. Warum der enorme Aufwand?

Die Aktenlage legt einen ganz anderen Verwendungszweck nahe. Demnach ist am wahrscheinlichsten, dass das Geld in ein TV-Rechte-Geschäft im Umfeld der Gründung der Agentur Infront floss, die in jenem Sommer 2002 auf den Trümmern des insolvent gegangenen Kirch-Konzerns errichtet wurde, und die das Kronjuwel der Fifa erhielt: die Senderechte an der WM 2006. Dafür spricht insbesondere eine interne Notiz von Dreyfus' Bankberaterin zum Zweck des Kreditkontos: Der Kunde habe einem Geschäftsfreund zehn Millionen Franken geliehen, um TV-Rechte aus dem Nachlass der Kirch-Gruppe zu erwerben. Und zwar dem Geschäftsfreund F. B., wie sich aus der Benennung des Kontos ergibt. F. B. wie Franz Beckenbauer.

Insofern ist es erstaunlich, mit welcher Eindeutigkeit die Ethiker nun zu der Conclusio kommen, es habe sich um "Bestechungsgelder" für die Erlangung des Organisationszuschusses gehandelt.

Ein Anwalt Beckenbauers lässt eine Anfrage zu dem Vorgang sowie den Vorwürfen der Ethiker unbeantwortet. Niersbachs Rechtsbeistand will keine Stellungnahme abgeben. Auch Zwanzigers Anwalt will sich in der Sache nicht äußern, ergänzt aber: "Sollte, wer auch immer, behaupten, dass Herr Dr. Zwanziger ,in ein Bestechungssystem involviert' sei, ist dies als infame Unterstellung auf das Schärfste zurückzuweisen." Schmidts Anwalt sagt, der Bestechungsvorwurf gegen seinen Mandanten sei "nicht nachvollziehbar". Als Schmidt 2003 von der Zahlung erfuhr, so schreibt er in einem Statement an die rechtsprechende Ethik-Kammer, seien "entsprechend den von Ihnen getroffenen Feststellungen" bereits alle Zahlungen an bin Hammam geleistet gewesen. "Damit war die angelastete Bestechungshandlung - soweit es sich überhaupt um eine solche handelt - final abgeschlossen", heißt es weiter. Zudem habe Beckenbauer stets glaubhaft versichert, dass mit dem Darlehen eine vom Fifa-Finanzausschuss geforderte Provision beglichen worden sei.

Bin Hammam, der von den Fifa-Ethikern aus anderen Gründen längst lebenslang gesperrt ist, erklärte schon vor geraumer Zeit im ZDF, dass er zwar die zehn Millionen Franken bekommen habe, dies aber nichts mit der Fußball-WM 2006 zu tun gehabt habe - und dass alles ganz anders sei, als man bis heute glaube. Radmann lässt mitteilen, dass ihm die Bewertungen der Ethiker nicht bekannt seien und er dazu nicht gehört wurde. Zudem seien sie falsch: "Mein Mandant bestreitet bekanntlich solche gegen seine Person gerichteten Verdachtsthesen seit Langem und substantiiert", so Radmanns Anwalt.

Wie geht das nun durch die Fifa-Instanzen? Gegen Radmann, der über Jahre Beckenbauers Schatten und der größte Strippenzieher des deutschen Fußballs war und der auch bis Juni 2003 im OK gesessen hatte, eröffneten die Ethiker nie ein Verfahren. Niersbach muss auch nichts mehr befürchten. Das Ethik-Verfahren gegen ihn musste nach Ausbruch der WM-Affäre 2015 rasch geführt werden, weil er noch hohe Ämter (DFB-Präsident, Fifa-Vorstand) innehatte. Bei der gegen Niersbach verhängten Ein-Jahres-Sperre war von Bestechung jedoch keine Rede; es ging um einen Verstoß gegen die Anzeigenpflicht, weil er frühe Hinweise auf die Millionenzahlung nicht weitergegeben habe.

Gegen die anderen damaligen Funktionäre aber ist das Verfahren noch nicht beendet - aufgrund des Bestechungsvorwurfes drohen nun Strafen durch die rechtsprechende Ethikkammer. Schmidts Anwalt erklärt, dass die Vorwürfe ohnehin verjährt seien. Beckenbauer, der Mann, der alles wissen müsste und laut Untersuchung der Ethiker als "Haupttäter" firmiert, hat noch immer Ämter im Fußball inne; er ist etwa Ehrenpräsident des FC Bayern. Der hat ihm soeben erst ein Fest zu seinem 75. Geburtstag bereitet.

Chefermittlerin Rojas wiederum teilt in ihrem Untersuchungsbericht mit, dass im Ethik-Reglement der Grundsatz "in dubio pro reo" (Im Zweifel für den Angeklagten) nicht gelte. Zur Anwendung komme ein Beweismaß, "das das zivilrechtliche Beweismaß der bloßen Wahrscheinlichkeit übersteigt, aber unter dem strafrechtlichen Beweismaß des strikten Beweises liegt". Heißt übersetzt: Wenn die Fifa streng sein will, kann sie auch streng sein. Offenbar ist das Reglement da biegsam genug, um etwa Infantino in Ruhe zu lassen, aber anderen rigoros nachzusetzen.

Unabhängig vom konkreten Fortgang des Fifa-Verfahrens ist dies ein starkes Signal an Beckenbauer und andere, dass das Thema WM-Affäre noch lange nicht vorbei ist. Zuletzt hatte da viel Entspanntheit vorgeherrscht. In einem großen Geburtstagsinterview mit der Bild präsentierte Beckenbauer vergangene Woche gar die These, er sehe, "dass mittlerweile akzeptiert wird, dass da nichts war". Kurz darauf verriet der einstige Bayern-Präsident Uli Hoeneß bei Sport1 überraschend: "Ich weiß sehr sicher, dass das Geld nicht zum Stimmenkauf verwandt wurde."

Da dürfte nicht nur DFB-Chef Fritz Keller hellhörig geworden sein, der Hoeneß prompt bat, diese Erkenntnisse doch mit dem DFB und dessen Privatermittlern zu teilen - sondern auch die Frankfurter Justiz. Denn während in der Schweiz das Verfahren verjährt ist, ist es in Deutschland noch anhängig. Wann es zu einer Verhandlung kommt, ist offen. Und erst recht, wie die Richter diese Zahlung, um die sich alles dreht, einschätzen.

© SZ vom 19.09.2020
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