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Reinhard Grindel:Plötzlich steht Özil sportlich in Frage

Wie gesagt: Das war alles vor der Weltmeisterschaft. Nun, ein Vorrunden-Aus später, hat sich die Tonlage radikal gedreht. Grindel fordert die Fans nicht mehr auf, Özil zu unterstützen. Dessen Schweigen sei nicht mehr okay, "die Fans" hätten ja schließlich Fragen, die der Spieler beantworten müsse. Plötzlich steht sogar Özils sportliche Eignung in Frage. Teammanager Oliver Bierhoff sagte in einem Welt-Interview, man hätte überlegen müssen, auf Özil sportlich zu verzichten, ruderte dann aber im ZDF schnell zurück. Einen Tag später erklärte Grindel dann, Özils Zukunft hänge von der "sportlichen Analyse" des Bundestrainers ab.

Mesut Özil ist 29 Jahre alt, er spielt bei einem europäischen Spitzenverein und bei der Weltmeisterschaft war er nicht signifikant schlechter als alle anderen deutschen Spieler, gegen Südkorea tendenziell eher besser. Aus welchen sportlichen Gründen soll seine Zukunft bei der Nationalmannschaft eher in Frage stehen als die von Toni Kroos, Sami Khedira, Mats Hummels, Manuel Neuer, Jérôme Boateng oder Thomas Müller?

"Alle haben sich Mesut Özil rausgepickt. Das geht nicht", sagt Boateng

Diese Information fehlt, wie in der Causa Özil gerade überhaupt viele Sachen einfach nicht gesagt werden. Ein Bekenntnis gegen den Rassismus, der Özil in Teilen entgegenschlägt und den er auch wahrnimmt (siehe Instagram-Post), fehlt von DFB-Seite nach dem Scheitern genauso wie irgendeine Form von Haltung oder unterstützender Geste in Richtung des 92-fachen Nationalspielers. Eine angedeutete Verteidigung gab es bisher nur von Mannschaftskollege Jérôme Boateng. "Alle haben sich Mesut Özil rausgepickt. Das geht nicht", sagte er.

Das erzeugt ein so unvorteilhaftes Gesamtbild, dass sich selbst Parteifreunde distanzieren. Armin Laschet, CDU-Ministerpräsident in Nordrhein-Westfalen, twitterte über das CDU-Mitglied Grindel: "Auf die Idee, dass ein Foto mit Erdogan an der Niederlage gegen den Fußball-Giganten Südkorea Schuld sein soll, können auch nur DFB-Funktionäre nach 3 Wochen Nachdenken kommen."

Und auch Max Hartung fühlte sich dazu genötigt, dem DFB Nachhilfe zu geben. Max Hartung ist Säbelfechter und Vorsitzender der Athletenkommission des Deutsch Olympischen Sportbund (DOSB), er spricht also aus Sportlerperspektive. Als er las, dass Grindel den Druck auf Özil weiter erhöhte, twitterte er: "Ich finde das nicht okay. Als Mannschaft gewinnt man zusammen und man verliert auch zusammen." Eine Selbstverständlichkeit, mit der sich dieser Tage viele im deutschen Fußball schwertun.

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