Deutsche Nationalmannschaft Im Fall Özil ist Haltung gefragt - gerade vom DFB

Der Verband darf seinen gesellschaftspolitischen Auftrag nicht nur an PR-Agenturen auslagern. Der Manager und sein Präsident müssen sich den schmerzhaften Debatten stellen.

Kommentar von Ralf Wiegand

Ein solches Politikum hat der deutsche Fußball selten erlebt. Mehr Zeit als sonst Angela Merkel in einer Sendung namens "Was nun, Frau Bundeskanzlerin?" hat das Zweite Deutsche Fernsehen (ZDF) dem Manager der deutschen Fußball-Nationalmannschaft eingeräumt, um seine Sicht auf das Desaster zu Sotschi darzulegen. Vor allem durfte Oliver Bierhoff, 50, korrigieren, was tags zuvor angeblich falsch verstanden worden war. Da wiederum hatte Bierhoff die Welt genutzt, um in einem Interview seine Sicht auf den Fall Mesut Özil darzulegen.

Dies ist ihm grundlegend misslungen, Bierhoff wollte etwas geraderücken. Den hundertfach gezogenen Kausalzusammenhang "Özil - Erdoğan-Foto - schlechte Stimmung - WM-Aus" habe er mit seiner Aussage nicht anbieten wollen. Die Aussage war gewesen, man hätte vielleicht sportlich besser auf Özil verzichtet.

Schweigen, reden, korrigieren - es ist das klassische Rumgeiere, das man aus der Politik kennt, wenn der Kern der Sache nicht benannt, die ganze Geschichte nicht erzählt werden darf, weil, um es mit dem legendäre Zitat des ehemaligen Bundesinnenministers Thomas de Maizière zu sagen, Teile davon die Bevölkerung verunsichern könnten. Will heißen: Die Lage ist zu komplex, um sie an den Stammtischen ausführlich zu erörtern. Und die Stammtische, die längst ins Internet abgewandert sind und sich heute Facebook oder Twitter nennen, sind nun mal die Peergroup des Fußballs.

Bierhoff hat ein komplexes Problem unzulässig vereinfacht

Fatal ist, dass sich an die Stammtische jeder setzen kann, auch wenn der da gar nicht erwünscht ist. Es herrscht Meinungsfreiheit in diesem Land, und am brutalsten reizen diejenigen die Grenzen der Meinungsfreiheit aus, die ständig jammern, dass sie ihnen genommen werden soll. Die Debatte um Özil, der sich wie sein Mitspieler Iİlkay Gündoğan gemeinsam mit dem türkischen Präsidenten Erdoğan hatte porträtieren lassen, ist schon früh von Rechten gekapert worden. Da ging es bald nicht mehr darum, ob deutsche Nationalspieler mit türkischen Wurzeln einem Demokratiefeind wie Erdoğan ein Trikot überreichen und warum sie das vielleicht getan haben und warum man das sehr falsch finden kann. Es ging sogleich darum, ob sich die deutsche Nationalmannschaft solche Türken überhaupt leisten muss.

Die Lage ist ähnlich kompliziert wie etwa die Gefühlswelt der Kosovo-stämmigen Spieler in der Schweizer Nationalmannschaft im Spiel gegen Serbien, in deren Jubel sich Sport und Politik zu Gesten vermischten. Vereinfachung ist immer dann gefährlich, wenn Trennschärfe verlangt ist. Nur: Wer hört schon so lange zu? Also kritisiert man besser gar nicht, oder man muss die Debatte aushalten können, weil man die Argumente kennt, die zwischen dem einen und dem anderen stets zu trennen vermögen.

Deswegen wirkt die Nennung eines einzelnen Namens wie dem von Mesut Özil so stark: Es ist eine unzulässige Vereinfachung eines komplexen Problems.

Der Deutsche Fußball-Bund (DFB) wollte keine Debatte um Özil aushalten. Gündoğan hat sich gestellt, es hat ihm nicht geholfen, er wurde ausgepfiffen im Test gegen Saudi-Arabien, so wie auch Özil im Test gegen Österreich zuvor Pfiffe zu hören bekommen hatte. Özil hat man aus dieser frustrierenden Erkenntnis heraus in seinem inneren Rückzug gewähren lassen. Dann ging das rechte Geplärre auch schon los. Spätestens da hätte der Verband, der größte Sportfachverband der Welt, eine durch und durch politische Organisation, den Ball aufnehmen müssen und fragen: Warum habt ihr gepfiffen? Weil zwei deutsche Nationalspieler sich falsch verhalten - oder weil zwei eurer Meinung nach falsche Spieler, nämlich keine "richtigen Deutschen", in der Nationalmannschaft spielen? Niemand aus dem DFB muss sich um Özil scharen, um ihn für das Foto mit dem türkischen Präsidenten in Schutz zu nehmen. Aber alle müssen sich vor Özil stellen, wenn er für seine Herkunft attackiert wird. Differenzierung ist gefragt.

Die Saat der Rechten ist bereits aufgegangen

Wenn solche schwierigen Diskussionen aber nicht mehr geführt werden aus schierer Furcht, sie könnten von interessierter Seite ausgenutzt werden, von den Rechten, dann zeigt das nur, wie deren Saat schon aufgegangen ist. Wie sollte Oliver Bierhoff im Falle des schweigsamen, einer Sphinx ähnelnden Mesut Özil noch ernsthaft darüber referieren können, dass möglicherweise auch bei deutschen Nationalspielern verschiedene Härtegrade der Integration vorliegen können? Wie sollte er zugeben können, dass für eine Fußballmannschaft, auch die Top-Elf des ganzen Landes, vor allem die Qualitäten der Spieler auf dem Rasen zählen, nicht am Rednerpult? Dass es entscheidend ist, was ein Spieler kann und schon längst nicht mehr, woher er kommt? Dass die Nationalelf, obwohl sie Nationalelf heißt, in gewisser Weise auch längst eine Internationalelf ist, wofür sich der DFB zurecht gratulieren lassen kann? Muss man deswegen Globalisierungserscheinungen wie zum Beispiel komplexer werdende Biografien, die der Rest der Gesellschaft ebenso spürt, ignorieren? Spieler, die mit ganzem Herzen in dieser Mannschaft spielen, während dieses noch für ihr Herkunftsland schlägt: Das ist halt so. Und das ist gut so. Und das Foto mit Erdoğan war eine dumme Aktion - aber aus anderen Gründen.

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Diese Debatte offensiv zu führen, ist schwieriger in einer Welt, die schon dann in bester Ordnung ist, wenn man ein Tor mehr schießt als der Gegner. Kaum ein Sport simplifiziert das Leben ja konsequenter als der Fußball. Wichtig ist auf dem Platz, für den Rest kann man bei den TV-Übertragungen einen Werbespot mit den Spielern aus Migrationsfamilien schalten. Der DFB verliert aber extrem an Glaubwürdigkeit, wenn er all sein gesellschaftspolitisches Engagement an PR-Agenturen delegiert.

Der DFB, Bierhoff vor allem und der seltsam unsichtbar gewordene Präsident Reinhard Grindel, der öfter den "Spieler des Tages" vor Kameras kürt, als sich harten sportpolitischen Debatten zu stellen - sie sollten nicht länger so tun, als würde das echte Leben in einen Slogan passen. Das tut es genauso wenig, wie für den komplexen Sachverhalt wie die Foto-Affäre zwei Antworten in einem Tageszeitungsinterview ausreichen. Für Haltung muss man sich auch manchmal in den Wind stellen, aushalten und Kontra geben. Man darf sich von denjenigen, die im Namen der Meinungsfreiheit die Meinungsfreiheit abschaffen wollen, nicht aus der Pflicht zum offenen Wort nehmen lassen. Sonst ist mehr verloren gegangen als nur zwei Spiele in der WM-Vorrunde.

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