bedeckt München 20°

Deutsche Nationalmannschaft:Was in der Causa Özil falsch gelaufen ist

WM 2018 - Pressekonferenz Deutschland

Pressekonferenz der deutschen Fußball-Nationalmannschaft in Watutinki: Team-Manager Bierhoff vor einem Poster mit Mesut Özil

(Foto: picture alliance/dpa)
  • Oliver Bierhoff erklärt, Joachim Löw und er hätten womöglich einen Fehler begangen, dass sie Mesut Özil vor der WM nicht heimgeschickt hätten.
  • Dem DFB-Manager wird jetzt vorgeworfen, dass er Özil nachträglich zum Sündenbock für das WM-Scheitern erkläre.
  • Man kann Bierhoffs Äußerung aber auch als Eingeständnis grundlegender Fehler verstehen.

Von Mesut Özil und anderen Hauptdarstellern des Nationalteams war nicht explizit die Rede, als Joachim Löw am Dienstagvormittag in Frankfurt dem Präsidialausschuss des DFB berichtete, warum es seiner Meinung nach schiefgegangen ist beim Turnier in Russland, und was künftig besser werden muss. Löw versicherte, das Gesicht der Nationalmannschaft werde sich wandeln, aber er hat, so sagt ein Teilnehmer der zwei Stunden langen Sitzung, "keinen einzigen Spielernamen genannt". Mit einer Ausnahme: Der Bundestrainer bekannte sich ausdrücklich zu dem Mittelstürmer, mit dem er schon so lange arbeitet. Oliver Bierhoff, sagte Löw, "ist mein wichtigster Mann". Zuletzt hatte es in Berichten geheißen, Manager und Trainer seien durch das Misslingen in Russland entzweit worden.

Einer der wichtigsten Männer in Löws Mannschaft ist bisher allerdings auch immer Mesut Özil gewesen. Es ist sicher keine Übertreibung zu sagen, dass Özil all die Jahre ein Lieblingsschüler des Bundestrainers war, der 29 Jahre alte Spitzentechniker, Präzisionspass-Spezialist und Torvorlagen-Experte aus Gelsenkirchen-Bulmke ist gewissermaßen die Verkörperung von Löws fußballerischen Idealvorstellungen. Löw-Fußball ist Özil-Fußball und umgekehrt, acht Jahre war dieses Prinzip die Grundlage für eine wunderbare Zusammenarbeit. Ob das so bleibt, das weiß man nicht, womöglich wissen es nicht mal die beiden Hauptbeteiligten.

Fußball-WM "Was für eine miese Nummer, Herr Bierhoff!"
jetzt
Netzreaktionen

"Was für eine miese Nummer, Herr Bierhoff!"

Nach den Äußerungen des DFB-Managers hagelt es im Netz Kritik. Sogar Özil-Gegner empfinden Bierhoffs Verhalten als unsportliches Nachtreten.

Es gab beim Auseinandergehen in Frankfurt am vorletzten Donnerstag keine verbindlichen Verabredungen zum nächsten Wiedersehen. Der eine, Özil, strebte nach der verkorksten WM zügig in den Urlaub mit der Freundin, der andere fuhr in die Heimatstadt Freiburg, um über den Fortbestand seines Bundestrainerdaseins nachzudenken. Gerüchte und Mutmaßungen besagten, dass Özil gewillt sein könnte, seine Karriere in der DFB-Elf zu beenden. Nicht wegen sportlicher Differenzen mit seinem Förderer, sondern weil ihn die Debatte verbittert habe, die nach seinem Foto mit dem türkischen Staatspräsidenten Recep Erdogan zur deutsch-türkischen Nationaldebatte gewachsen war.

Intern sei die Erdogan-Sache "ein Riesen-Thema" gewesen, sagte Sami Khedira

Nun hat Oliver Bierhoff erklärt, Löw und er hätten womöglich einen Fehler begangen, dass sie Özil vor der WM nicht heimgeschickt hätten. Der Welt sagte Bierhoff: "Wir haben Spieler bei der deutschen Nationalmannschaft bislang noch nie zu etwas gezwungen, sondern immer versucht, sie für eine Sache zu überzeugen. Das ist uns bei Mesut nicht gelungen. Und insofern hätte man überlegen müssen, ob man sportlich auf ihn verzichtet." Die Äußerung bezieht sich auf Özils Verhalten im Fall Erdogan und seine Weigerung, durch persönlichen Einsatz zur Beruhigung der Lage beizutragen.

Özil nahm zwar an dem Gütetermin beim Bundespräsidenten Frank-Walter Steinmeier teil, den der DFB und sein ebenfalls involvierter Mitspieler Ilkay Gündogan initiiert hatten; als danach aber die öffentlichen Diskussionen nicht aufhörten, zog er sich - mit Billigung des Bundestrainers und des Managers Bierhoff - ins Schweigen zurück. Medienterminen brauchte er sich nicht mehr zu stellen. Dieses Vorrecht und Özils Beharren darauf dürften innerhalb der Mannschaft nicht gut angekommen sein, generell sei die Erdogan-Sache "ein Riesen-Thema" gewesen, wie Sami Khedira sagte.

Oliver Bierhoff fasste das jetzt so zusammen: "Ich glaube, die Tatsache, dass Mesut und Ilkay die Fotos gemacht haben, hat die Mannschaft nicht so sehr beschäftigt. Aber die Debatte war nachhaltig. Im Rückblick würde ich versuchen, dieses Thema noch klarer zu regeln."

Bierhoff hatte geglaubt, die Begegnung mit Steinmeier am Tag des Pokalfinales, drei Tage vor dem Aufbruch ins Trainingslager in Südtirol, werde in der Erdogan-Sache endgültig für Ruhe sorgen. Diese Ansicht hatte er auch den Betroffenen vermittelt. Tatsächlich brachte der Besuch der beiden Fußballer beim Staatsoberhaupt im Schloss Bellevue schöne Bilder und beruhigende Statements hervor. Aber er beendete nicht die öffentliche Kontroverse. Nach ein paar trügerisch ruhigen Tagen in Eppan trat die Nationalelf im österreichischen Klagenfurt zum Testspiel an, Özil und Gündogan wurden von deutschen Fans ausgepfiffen. Das Thema war zurück.