bedeckt München
vgwortpixel

DFB-Erfolg in Estland:Eine neue Debatte ums politische Gewissen

  • Deutschlands Spiel in Estland lebt von zwei Protagonisten, deren Außendarstellung den DFB ins Schwitzen bringt: Ilkay Gündogan und Emre Can.
  • So ist der 3:0-Erfolg in der EM-Qualifikation nicht lange das übergeordnete Thema in Tallinn.
  • Denn der Verband steckt erneut in einer Debatte um Zugehörigkeit und das politische Gewissen seiner Akteure.

Auf diese Idee hätten sie beim DFB auch früher kommen können. Der Pressesprecher als Manndecker: Das hätte viele Abwehrprobleme gelöst. Es wäre dann gar nicht nötig gewesen, den Mittelfeldspieler Emre Can zum Verteidiger umzuschulen, es hätte einzig und allein Jens Grittner gereicht, der DFB-Zuständige fürs Mediale, der in der Tallinner Arena im Gedrängel vor dem Teambus nicht von Ilkay Gündogans Seite wich. Grittner war nah am Mann und passte auf, dass Gündogan nicht frei vor den Mikrofonen stand.

Der Medienmann schleuste den sogenannten Mann des Abends durch ein Spalier aus Fragen, Kameras und kreischenden einheimischen Fans. Und am Ende blieben von Ilkay Gündogan tatsächlich keine problematischen Sätze hängen, nur solide Erklärungen für das, was sich außerhalb des Platzes abgespielt hatte. Im Internet, drüben bei Instagram. Dieser Abend in Tallinn, an dessen Ende die deutsche Nationalelf ein mühsames 3:0 ergattert hatte, hatte in Gündogan und Can zwei Protagonisten hervorgebracht, deren Außendarstellung den Verband ins Schwitzen brachte.

"Likes" für den Militärjubel der türkischen Nationalmannschaft

Sichtbar wurde das an Grittners ernster Miene, die sich erst entspannte, als er Gündogan in den Bus gelotst hatte. Hängengeblieben war unter anderem der erste Satz, den Gündogan sprach: "Krass, was heutzutage für Geschichten geschrieben werden", sagte der zweifache Torschütze, der zuvor sein wohl bestes Länderspiel abgeliefert hatte. Wobei man sagen muss, dass er selber schon auch mitgeschrieben hat an der "Geschichte" - mit seinem sogenannten Like für den Militärjubel türkischer Nationalspieler bei deren Partie gegen Albanien.

Schon vor dem Spiel hatte sich die Nachricht verbreitet, dass Gündogan und Can zu einem Foto des türkischen Nationalspielers Cenk Tosun den digitalen Daumen gehoben hatten. Darauf zu sehen: Die Nationalspieler der Türkei, die erst auf dem Spielfeld und später in der Kabine per Salut-Geste ihre Truppen grüßten, die gerade Krieg gegen Kurden in Nordsyrien führe. Die Uefa leitete ein Verfahren ein. Ihre Likes haben die beiden DFB-Spieler bald annulliert, die Aufregung blieb aber bestehen - auch wegen der Vorgeschichte vom Mai 2018, als Gündogan und Mesut Özil auf einem inzwischen fast ikonischen Foto mit dem türkischen Präsidenten Erdoğan abgebildet worden waren.

DFB-Elf in der Einzelkritik

Can verabschiedet sich historisch früh

Tagesaktuell stellte sich in Tallinn aber erst mal die Frage: Dürfen deutsche Nationalspieler einem alten Freund aus Jugendtagen - beide kennen den in Wetzlar geborenen Tosun aus diversen deutschen Junioren-Mannschaften - beim Salutieren für türkische Militärs applaudieren?

Der DFB steckte erneut in einer Debatte um Zugehörigkeit und politisches Bewusstsein seiner Akteure. So gaben sich die Beteiligten erst mal Mühe, die Sache kleinzureden. Der DFB-Direktor Oliver Bierhoff fand, "dass es schon schwer ist für die Jungen, es war ein Like, der einem ehemaligen Kollegen galt", und vielen anderen Spielern habe das Posting schließlich auch gefallen. Dennoch sagte Bierhoff auch etwas nebulös: "Natürlich macht man sich Gedanken." Gündogan und Can hatten sich solche Gedanken offenbar weniger gemacht, sie drückten halt mal aufs Knöpfchen.

"Es hatte absolut keine politische Bedeutung, ich wollte nur meinen Freund zu seinem Tor beglückwünschen", erklärte Gündogan, in dessen Blick tatsächlich so etwas wie aufrichtiges Unverständnis zu erkennen war. Im Rahmen akuter Krisen-PR waren beide Spieler direkt nach dem Spiel vor die Presse getreten, Can wirkte dabei weniger entspannt. Zwar sagte er, sein Like sei rein sportlich gemeint gewesen, erhob aber gleichzeitig einen Vorwurf: "Die Medien interpretieren immer alles." Auf Nachfragen zog er irritiert die Augenbrauen zusammen und verschwand.

Kurioserweise waren Gündogan und Can auch sportlich prägend gewesen bei diesem Ausflug an die Ostsee. Schließlich hatte Can wie schon gegen Argentinien als Aushilfs-Verteidiger angefangen, "gut angefangen", wie er sich selbst lobte. Doch als er verzweifelt einem schlampigen Querpass von Süle hinterhergrätschte und dabei den Esten Liivak niederstreckte, zwang er den Schiedsrichter, ihn wegen Notbremse vom Platz zu stellen (14.).

Dass Löws zerrupfte Elf sich erholte und in der zweiten Hälfte zu zehnt dominierte, lag vor allem an Gündogan. Der Mann, den Pep Guardiola bei Manchester City schätzt und fördert, war endlich auch beim DFB das, was er schon länger gerne wäre: "Er war der Taktgeber und heute Gold wert", lobte Manuel Neuer. Gündogan habe "das richtige Balltempo" gehabt. Tatsächlich kann kaum ein Deutscher außer dem diesmal verletzten Toni Kroos Balance und Rhythmus so dosieren wie er. In Tallinn wirkte sein strategisches Gespür wie ein Wohlfühlbad für die hektischen Kollegen, seine Tore (51., 57.) und seine Vorlage für Timo Werners 3:0 (71.) kamen hinzu.

Für Gündogan war es also ein zwiespältiger Abend. Gerade erst hatte er sich getraut zu sagen, dass er sich unterschätzt fühlt in Deutschland, dass er in der Nationalelf gerne häufiger von Beginn an spielen würde. Dann gelingt es ihm, die verbalen Ansprüche mit einer exzellenten Leistung auf dem Platz zu flankieren - perfektes Timing eigentlich. Und dann lenkt er die Debatte aufgrund eines falschen Knopfdrucks im Internet - vorübergehend - in eine für ihn ungünstige Richtung.

Vergangenheit mit dem Erdogan-Foto schwirrt durch den Raum

"Ilkay hat das beste Statement auf dem Platz gegeben, man darf die Spieler nicht an den Pranger stellen", sagte der Bundestrainer Jogi Löw später, gerade so, als habe jemand Gündogans Qualitäten als Fußballer bezweifelt. Aber um diese Qualitäten ging es an diesem Abend eben nicht nur.

Dann kam der Montagmorgen, der Tag danach - und siehe da: Der DFB machte diesmal auch in Sachen Krisen-PR weiterhin vieles richtig, was er im Sommer 2018, rund um die Erdoğan-Foto-Affäre, noch falsch gemacht hatte. In den soziale Netzwerken - dort, wo sich die Debatten ja immer besonders schnell hochschaukeln - teilte das DFB-Team ein gemeinsames Foto aller in Tallinn versammelter Spieler mit Trainer- und Betreuerteam, in der Bildmitte legt der Kapitän Manuel Neuer die Arme um die Schultern von Gündogan und Can. Und auch die dazugehörige Botschaft ließ keinen Raum für weitere Zweifel: "Gemeinsam für Offenheit, Vielfalt und Toleranz. Gegen jede Form von Gewalt und Diskriminierung. #Die Mannschaft."

Wie kam es zu diesem Bild?, ließ sich Bierhof kurz darauf in einem Interview auf der Verbandshomepage fragen. "Das kam spontan. Das gesamte Team wollte ein Zeichen setzen. Zuerst einmal, wofür wir stehen. Wir wollen keinen Raum für Interpretationen zulassen. (...) Und wir wollten klar zum Ausdruck bringen, dass dieses Statement für uns alle gilt, für jeden Einzelnen. Inklusive Emre und Ilkay, die der Mannschaft angehören. Beide saßen nach dem Spiel total geknickt in der Kabine" - trotz des 3:0 Sieges.

Beide wüssten "dass es ein Fehler war", versicherte Bierhoff, "daher hatten sie noch vor dem Spiel ihre Likes zurückgenommen und sich öffentlich erklärt". Nationalspieler müssten sich "der Wirkung bewusst sein, die jede ihrer Aussagen und Aktionen, vor allem auch in den sozialen Netzwerken, nach sich ziehen können". Man werde weiter "daran arbeiten, die Sinne unserer Spieler gerade für den Umgang in den sozialen Netzwerken zu schärfen". Bis Montagnachmittag hatte das Foto bei Instagram schon über 50 000 Likes.

Fußball-EM Ausgerechnet Gündogan

DFB-Team siegt 3:0

Ausgerechnet Gündogan

Der Fußball denkt sich immer noch die besten Drehbücher aus: Vor dem Spiel gegen Estland liken Ilkay Gündogan und Emre Can einen umstrittenen Instagram-Post zur Türkei - dann trifft der eine doppelt und der andere fliegt vom Platz.   Von Christof Kneer