Berateraffäre beim DFB:Der neue DFB-Boss ist aus altem Holz geschnitzt

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Berateraffäre beim DFB: DFB-Präsident Bernd Neuendorf.

DFB-Präsident Bernd Neuendorf.

(Foto: Simon Hofmann/Getty)

Die Sünden der Vergangenheit holen den DFB ein - und das seltsame Verhalten von Bernd Neuendorf beweist: Der Verbandspräsident steht nicht für Aufräumen und Aufbruch.

Kommentar von Thomas Kistner

Jetzt haben sie ihn eingeholt, Deutschlands runderneuerten Fußball-Bund: die Sünden der Vergangenheit. Präsident Bernd Neuendorf besingt ja seit Amtsantritt im März die Kahnpartie seines DFB durch neue, ruhige Gewässer. Dass sie mitten hinein in die alten Stromschnellen führen würde, war aber nie ein Geheimnis.

Jetzt ist es so weit, und es erstaunt, wie Neuendorf mit den Problemen umgeht. Er will sie aussitzen und steht dabei fest zu seinen Vorgängern: einem teils abgewählten, teils demissionierten Führungstrio, dem der DFB die größte Krise seiner Geschichte verdankt. Er hat mit abstrusen Berater- und Finanzaffären große Imageschäden erlitten, enorme Kosten angehäuft und beim angewiderten Publikum hohe Ablehnungswerte erzielt.

Der neue DFB hat immer mehr heikle Sachverhalte auf dem Tisch. Gegen Ex-Schatzmeister Stephan Osnabrügge wurde eine Anklage wegen des Verdachts auf Steuervergehen erhoben. Da fällt ins Auge: Just am Montag trennte sich der DFB von dem seit 2018 tätigen Finanzdirektor Markus Holzherr. Was auch deshalb höchst ungewöhnlich ist, weil damit wenige Monate nach der großen DFB-Umstrukturierung bereits der erste von fünf neuen GmbH-Geschäftsführern aussteigt. Und nicht irgendeiner: der Herr über die Finanzen.

Was aber die Staatsanwaltschaft Frankfurt jetzt im Kontext des größten Verbandsmysteriums, dem Wirken des Medienberaters Kurt Diekmann, verfügt hat, bürstet der neue DFB einfach als substanzlos ab. Gehe ihn nichts an, Privatsache. Dabei erklärt die Strafbehörde, ein DFB-Agent habe die Justiz "instrumentalisieren" wollen, um hohe DFB-Leute zu schädigen.

Neuendorf sieht "keine Anhaltspunkte" für eigene Untersuchungen - und wirft den Behörden den Fehdehandschuh hin

Und mit dem Eindruck steht sie nicht allein. Das geben vielerlei Dokumente her, auch geriet jener ins Visier heftiger Attacken, der dieser Beratertätigkeit nachzuspüren versuchte: der dauersabotierte Ex-Präsident Fritz Keller und sein Büroleiter Samy Hamama, interne Bilanz- und externe Wirtschaftsprüfer, strenge Ethiker, allzu neugierige Journalisten. All dies bündelt die Strafbehörde in der Erkenntnis: "Man möchte meinen, unliebsame Funktionäre oder Führungskräfte des DFB sollten öffentlichkeitswirksam (strafrechtlich) angeprangert und dadurch aus dem Weg geschafft werden."

Was aus Neuendorfs Sicht kein Thema, aber für sieben Millionen DFB-Mitglieder das Wichtigste ist: Der Vorwurf, mithilfe der Justiz unliebsame Leute kaltzustellen, erstreckt sich implizit wie logisch auch auf jenes Funktionärs-Trio, das Diekmann 2019 mit diesem bis heute im Dunkeln dümpelnden Auftrag ausgestattet hat: Vize Rainer Koch, Generalsekretär Friedrich Curtius und Osnabrügge. Oder wollte Privatier Diekmann, ohne Zutun seiner DFB-Alliierten, einfach mal so ein paar Leute ausschalten?

Auch dass weder Kosten noch Imageschäden gescheut wurden, um die wahre Natur der Geschäftsbeziehung mit dem Agenten geheim zu halten, stört Neuendorfs DFB nicht weiter; er sieht "keine Anhaltspunkte" für eigene Untersuchungen. Dabei ermitteln die Strafbehörden bereits seit März zum Untreueverdacht rund um den Beratervertrag.

Die DFB-Basis darf erwarten, dass jetzt nicht alle Führungsleute zurück in die Vergangenheit flüchten

Der neue DFB-Boss ist aus altem Holz geschnitzt. Die Erzählung, der DFB sei an Diekmanns krachend gescheitertem Strafverfahren gegen seinen Amtsvorgänger "nicht beteiligt" gewesen, ist so bizarr wie der Vorgang, dass der Verband jetzt auch den Behörden den Fehdehandschuh hinwirft: deren Bewertung des Diekmann'schen Treibens sei ja "nicht näher begründet". Eine sehr exklusive Sichtweise, sie lässt sich aber als Fingerzeig in der Berateraffäre verstehen: Auf Hilfe dieses neuen, alten DFB brauchen die Ermittler nicht zu zählen.

Neuendorfs Vorgehen trägt die Handschrift seiner Vorgänger. Aber warum begibt sich der Novize auf so abschüssiges Geläuf: Naivität? Überforderung? Ein Dankeschön an alte Kameraden, die ihm auf den Präsidentenstuhl verhalfen?

Neuendorf, das lässt sich sagen, steht nicht für Aufräumen und Aufbruch. Umso mehr darf die DFB-Basis erwarten, dass jetzt nicht alle Führungsleute zurück in die Vergangenheit flüchten. Die Liga hätte keinerlei Anlass, den alten Kurs des Wegduckens zu teilen. Und nicht nur der neue Schatzmeister, der einst im Verband Schleswig-Holstein aufräumte und mit diesem Prädikat beim DFB antrat, hat viel zu verlieren. Alle müssen zeigen, dass dieser Verband nicht doch unreformierbar ist.

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