DFB-Elf vor dem EM-Start:Zu viele gute Spieler

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"Unser Spielstil bei Bayern ist Dominanz, Passsicherheit und viele verschiedene Stationen", sagt Badstuber. Das führt in München dazu, dass die Bayern manchmal stundenlang um ihr Ziel kreisen. Das will Löw nicht. Er will, dass es so schnell geht wie in Dortmund, doch nicht mit den Dortmunder Methoden. Er will nicht nur aus der Reaktion heraus schnell spielen, sondern aus der Aktion, die seine Mannschaft selbst kreiert. So, wie es in Barcelona ist.

EM-Kader der deutschen Nationalmannschaft

Löw hat Lahm den Posten auf der linken Seite zugeteilt, obwohl der Münchner zuletzt auf rechts glänzend gespielt hat. Löw weiß, dass Lahm rechts mit Müller hervorragend harmoniert. Dennoch muss der Kapitän links antreten. Sicherlich auch, weil er Podolski absichern soll, der durch sein Defensivverhalten für die eine oder andere Lücke sorgt; aber auch weil Löw Schmelzer nicht ausreichend vertraut. In Dortmund ist Schmelzer ein tragendes Element des Spiels. Im Grunde ist Löws Entscheidung ein Misstrauensvotum.

Vorbehalte gibt es auch gegen Mats Hummels, einen Protagonisten des Dortmunder Stils. Es ist das gleiche Phänomen wie bei Schmelzer. In Dortmund darf Hummels als Abwehrchef seinen fünf Sinnen vertrauen, er darf nach eigenem Ermessen herausrücken bis ins Mittelfeld und das Aufbauspiel variieren. So tritt er manchmal wie ein Spielmacher auf. In der Nationalelf hat er strengere Vorgaben. Das hemmt und verunsichert ihn. Der Dortmund-Hummels und der Deutschland-Hummels sind verschiedene Spieler.

Und warum musste sich Hummels die hohen Spielgestalterbälle abgewöhnen, während Badstuber regelmäßig 60 Meter weite Diagonalpässe auf Müller schlagen darf? Weil Badstubers Bälle auf Müller ankommen, weil sie einer eingeübten Spielsituation entsprechen. Hummels findet keine Adresse für seine riskanten Zuspiele, schon gar nicht solche, die er aus Dortmund kennt.

Die Fraktionen im Kader belauern sich: Hier die Dortmunder, dort die Bayern. Die Geschichte der Saison, in der die Dortmunder die Bayern nicht nur dreimal besiegt, sondern im Pokalfinale auch bloßgestellt und gedemütigt haben, wirkt unterschwellig nach. Der gekränkte Bayernstolz lässt sich nicht dadurch löschen, dass man in ein anderes Land gereist ist und ein anderes Trikot trägt.

Ähnlich empfinden die Dortmunder, die gekränkt und irritiert sind, dass sie in Löws Plänen nicht vorkommen, obwohl er den Fußball der Borussia doch immer öffentlich gelobt hat. Stattdessen hat der Bundestrainer zuletzt die Botschaft vermittelt, dass eine EM nicht mit der Liga zu vergleichen sei: "Wir spielen - bei allem Respekt - nicht gegen Augsburg, Nürnberg und Hoffenheim." Für die Dortmunder klingt das wie eine Geringschätzung, fast herablassend.

Der Konflikt kann nebensächlich bleiben, im Erfolgsfall löst er sich in Luft auf. Auch Watzke wird dann gratulieren. Der Konflikt kann aber auch ein schleichendes Gift sein. Die Abwehr ist dafür der potenzielle Entzündungsherd. Wenn das Provisorium mit den Aushilfsrechtsverteidigern Boateng, Bender und Höwedes nicht funktioniert, wird es heißen: Warum spielt nicht Lahm auf rechts und Schmelzer auf links? Und warum spielt im Zentrum Mertesacker, der vier Monate verletzt war, statt Hummels, der Hauptdarsteller des Double-Triumphs, den viele als den besten deutschen Innenverteidiger betrachten?

2010 gab es die Debatte, ob die Mannschaft ohne Ballack auskommen kann, der wegen seiner Verletzung nicht mehr dem Kader angehörte. Diesmal gibt es die Debatte innerhalb des Kaders. Sie kann eine ständige Begleitmusik durchs Turnier werden. Entweder so leise, dass sie keiner hört. Oder schrill und unangenehm.

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