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3:2 gegen Niederlande:Löw trägt seinen Teil zur Legendenbildung bei

Von jenen Routiniers hat sich Löw bekanntlich erst im Laufe eines stark in die Länge gezogenen Trennungsprozesses zu verabschieden vermocht, und punktgenau schlug nun in Amsterdam die erste Stunde der vom Coach ausgerufenen "neuen Zeitrechnung". Dieser Abend enthielt alle Zutaten, die ihm einen schicksalhaften Anstrich gaben und für eine ansteckende psychologische Wirkung gebraucht wurden. Während der ersten Halbzeit brillierten die Deutschen mit einem Tempo-Fußball, der auf Kontern beruhte und Anleihen beim Außenseiter-Fußball nahm, der aber auch das Resultat einer klugen offensiven Anordnung war: mit den beiden schnellen Angreifern Leroy Sané und Serge Gnabry sowie dem vielseitig orientierten Verbindungsmann Leon Goretzka dazwischen, der die Niederländer früh beim Spielaufbau störte.

Darauf folgte eine zweite Halbzeit, in der die bis dahin äußerst leichtfertigen Niederländer ungefähr zehnmal so aggressiv attackierten und schnell zum Anschlusstreffer kamen, was der Dramaturgie nur gut tat: Die Zuschauer empfanden sie als mitreißend, die Beteiligten als identitätsstiftend. "Im Nachhinein ist das 3:2 wichtiger, als wenn wir 3:0 gewonnen hätten", stellte Joshua Kimmich weise fest. Für dieses Ergebnis hatte man hart kämpfen und manchmal leiden müssen, es gab Befreiungsschläge von Niklas Süle, die wie zu den Zeiten von Katsche Schwarzenbeck mit Karacho auf die Tribüne flogen, man sah gar eine todesmutige Schussblockade des Ästheten Toni Kroos.

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Schließlich trug auch der Trainer seinen Teil zur Legendenbildung bei: Zum passenden Zeitpunkt - oder auch: gerade noch rechtzeitig - wechselte er Ilkay Gündogan und Marco Reus ein, die in den wenigen Minuten ihres Zusammenspiels die Partie veränderten. Der holländische Nationaltrainer Ronald Koeman, der seine Spieler bis dahin nach vorn getrieben hatte, ahnte die Gefahr und ordnete die Sicherung des 2:2 an. Doch Gündogans und Reus' Fünf-Sterne-Technik brachte im rechten Moment ein bekanntes, wenn auch zuletzt eher verpöntes Element ins Spiel zurück: das Ballbesitz-Element, das sich just in jener Szene äußerte, die Schulz' Siegtreffer brachte.

Der Sieg sei "hilfreich für den Glauben dieser doch neu formierten Mannschaft", sagte Löw. Wie es um seine eigenen Gefühle bestellt war, teilte er erst nach insistierender Befragung mit: "Am Ende war ich innerlich zufrieden", verriet Löw, dass ihn dieser Abend in die höchste für ihn mögliche Seligkeitsstufe versetzt hatte.

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