Deutschland in der Einzelkritik:Wenn die echte Zehn mit der falschen Sieben

Mesut Özil hat seine Uhr auf kasachische Zeit umgestellt, Thomas Müller hält sein Brüstlein in den Schuss. Mario Götze steht da, wo ein torgefährlicher Offensivspieler stehen muss. Und Manuel Neuer muss plötzlich doch ein echter Torwart sein. Die DFB-Elf beim 3:0 in Kasachstan in der Einzelkritik.

Von Thomas Hummel

1 / 13

Deutschland in der Einzelkritik:Manuel Neuer

WM-Qualifikation Kasachstan - Deutschland

Quelle: dpa

Mesut Özil hat seine Uhr auf kasachische Zeit umgestellt, Thomas Müller hält sein Brüstlein in den Schuss. Mario Götze steht da, wo ein torgefährlicher Offensivspieler stehen muss. Und Manuel Neuer muss plötzlich doch ein echter Torwart sein. Die DFB-Elf beim 3:0 in Kasachstan in der Einzelkritik.

Von Thomas Hummel

Manuel Neuer: Plädierte im Interview mit der SZ am vergangenen Donnerstag (zu lesen u.a. im E-Paper) "immer für ein Zu-Null: Weil wir vorne so viele gute Spieler haben, dass wir bei einem Zu-Null hinten zwangsläufig praktisch jedes Spiel gewinnen". Verwandelte sich am Abend der "falschen Neun" (siehe Götze) bisweilen in eine "falsche Eins". Eine Art Libero mit Handschuhen. Rückte immer weiter heraus aus seinem Tor. Musste dann urplötzlich doch ein echter Torwart sein, schaute einen Schuss an die Latte und lenkte eine kasachische Chance aus nächster Nähe über das Tor.

2 / 13

Deutschland in der Einzelkritik:Philipp Lahm

Kazakhstan vs Germany

Quelle: dpa

Philipp Lahm: Überraschend oft in der Offensive, überraschend aktiv. Normalerweise beschränkt sich Philipp Lahm in Spielen, die nach 22 Minuten entschieden sind, auf eine Anstrengung um Puls 70. Hatte mit Heinrich Schmidtgal aus Fürth den einzigen kasachischen Bundesliga-Spieler als Gegner. Ließ sich sogar ein paar Mal foulen und legte sich auf den Plastikrasen in Astana, woraufhin er sich mindestens mit Puls 90 aufregte. Musste einmal Schmidtgal ziehen lassen und sich bei Neuer bedanken, dass dieser das 1:2 verhinderte.

3 / 13

Deutschland in der Einzelkritik:Per Mertesacker

Kazakhstan vs Germany

Quelle: dpa

Per Mertesacker: Musste sich zumeist mit der einzigen "echten Neun" auf dem Platz herumärgern: mit Sergej Ostapenko von FK Astana. Der Mittelstürmer der Kasachen, 1,90 Meter groß und stämmig gebaut, entsprach sogar dem Typ Ungeheuer, das beim Kopfballduell dafür sorgt, dass zumindest der Gegner in die richtige Richtung fliegt. Dieser Gegner hieß Per Mertesacker. Sonst kaum zu beurteilen, weil hinten ohne Beschäftigung und vorne nicht dabei.

4 / 13

Deutschland in der Einzelkritik:Benedikt Höwedes

Kazakhstan v Germany - FIFA 2014 World Cup Qualifier

Quelle: Bongarts/Getty Images

Benedikt Höwedes: Hatte zuletzt überall ausgeholfen, wo in der Nationalmannschaft ein Notstand herrscht: rechts hinten, gegen Frankreich sogar links hinten. Fehlte nur ein Einsatz ganz vorne - aber die Position gibt es ja nicht mehr. Vielleicht deshalb nun einmal auf der gelernten Position als Innenverteidiger. Stellte sich bisweilen wie ein echter Vierer in die Angriffe des Gegners, aber ebenso schlecht zu beurteilen, weil kaum beschäftigt.

5 / 13

Deutschland in der Einzelkritik:Marcel Schmelzer

Kazakhstan v Germany - FIFA 2014 World Cup Qualifier

Quelle: Bongarts/Getty Images

Marcel Schmelzer: "Er ist im Moment bei uns auf dieser Position gesetzt." Sagte Bundestrainer Joachim Löw. Derselbe Löw hatte im Oktober noch zu Schmelzer erklärt: "Viele Alternativen gibt es jetzt aber auch nicht, also müssen wir mit Marcel Schmelzer die nächsten zwei, drei, vier, fünf Monate weiterarbeiten." So schnell kann sich alles drehen. Der Fall Schmelzer ist daher die letzte Hoffnung für Stefan Kießling. Der Dortmunder sah sich zu Beginn umzingelt von Schalkern: Höwedes, Draxler, Neuer. Draxler, mit dem er überraschenderweise gut zusammenspielte, kam ihm bald abhanden. Mit dem Herzenskölner Podolski ging dann fast nichts mehr.

6 / 13

Deutschland in der Einzelkritik:Sami Khedira

Kazakhstan v Germany - FIFA 2014 World Cup Qualifier

Quelle: Bongarts/Getty Images

Sami Khedira: Auf eines kann man sich verlassen in dem deutschen Nationalteam: Egal, ob gegen Italien, Frankreich oder gegen Kasachstan - es spielt immer ein echter Sami Khedira. Weil Schweinsteiger im Mittelfeld alle Bälle an sich riss, sprintete und wuselte Khedira davor herum, suchte Zweikämpfe, ging in den Strafraum, wandelte sogar bisweilen auf der Position der "echten Neun". Ein stabilisierender Faktor im Team und Garant für hohes Niveau.

7 / 13

Deutschland in der Einzelkritik:Bastian Schweinsteiger

WM-Qualifikation Kasachstan - Deutschland

Quelle: dpa

Bastian Schweinsteiger: Gut gerüstet für einen Kick an Mitternacht: Mitglied der in München bekannten "Gärtnerplatz-Gang" des FC Bayern. Wurde bisweilen mit Holger Badstuber und Mario Gomez in den Kneipen rund um den Platz im Stadtviertel Glockenbach gesehen. Spielte fast so stark wie sein Konkurrent Ilkay Gündogan gegen Frankreich. Erwartete ein Handball-ähnliches Spiel in der Offensive. In diesem Sinne der Mittelmann, der jeden Spielzug einleitete. Jonglierte vor dem 1:0 mit dem Ball wie ein Barkeeper mit dem Cocktailshaker. Erlebte sein 98. Länderspiel und zog damit mit Michael Ballack gleich. Der hat dem Münchner immerhin noch sein Debüt als TV-Experte im ZDF voraus. Am Dienstag nach seiner zweiten gelben Karte gesperrt.

8 / 13

Deutschland in der Einzelkritik:Thomas Müller

Kazakhstan v Germany - FIFA 2014 World Cup Qualifier

Quelle: Bongarts/Getty Images

Thomas Müller: Es war nicht nur der Abend der "falschen Eins" (siehe Neuer) und der "falschen Neun" (siehe Götze), sondern auch der "falschen Sieben". Thomas Müller hielt sich nur so lange an seine Rechtsaußen-Position, wie er es für nötig hielt. Nutzte lieber den freien Raum in der Mitte und manchmal verschlug es ihn auch auf links. Hielt sein Brüstlein in den Schuss von Bastian Schweinsteiger zum 1:0. Wurschtelte vor dem 2:0 im Strafraum herum, bis Torwart und Verteidiger den Überblick verloren. Wurde einmal von Ungeheuer Ostapenko fast ins Tor geköpft. Traf dann selbst zum 3:0.

9 / 13

Deutschland in der Einzelkritik:Mesut Özil

Kazakhstan v Germany - FIFA 2014 World Cup Qualifier

Quelle: Bongarts/Getty Images

Mesut Özil: Hatte zuletzt in Paris die "falsche Neun" gespielt, in den letzten 20 Minuten. Durfte diesmal wieder auf die Position im offensiven Mittelfeld rücken, wo er sich eine fast königlich laue Nacht machte. Bemühte sich hier und da, leitete das 1:0 ein und verwirrte die überforderten Kasachen mit Körpertäuschungen und Tricksereien. Trabte aber zeitweise auch über den Rasen, als hätte er gegen die Anweisung den Mannschaftsarztes seine Uhr auf kasachische Zeit umgestellt und bemerkt, dass dieses Spiel nach Mitternacht stattfand. War nach den beiden kasachischen Chancen plötzlich hellwach und zauberte einen Pass auf Müller aus dem linken Fußgelenk vor dem 3:0. War in diesem Moment eine "echte Zehn".

10 / 13

Deutschland in der Einzelkritik:Mario Götze

Kazakhstan v Germany - FIFA 2014 World Cup Qualifier

Quelle: Bongarts/Getty Images

Mario Götze: Stürmer-Überbleibsel im Null-Stürmer-Land. Sollte die "falsche Neun" im "spanischen System" spielen. Ahmte sogleich dem Vorbild aller "falschen Neuner" nach und versuchte ein Dribbling à la Lionel Messi durch fünf Gegner hindurch. Hatte gegen die steifen Kasachen leichtes Spiel und wuselte freudig über den Kunstrasen. Stand beim 2:0 dort, wo ein Mittelstürmer, ups, ein Neuner, äh, ein torgefährlicher Offensivspieler stehen muss und versenkte zielsicher. Ob Mario Götze ein falscher Neuner auf WM-Final-Niveau ist, kann nach dieser Partie nicht abschließend beurteilt werden.

11 / 13

Deutschland in der Einzelkritik:Julian Draxler

WM-Qualifikation Kasachstan - Deutschland

Quelle: Fredrik von Erichsen/dpa

Julian Draxler: Debüt in der Startelf der deutschen Nationalmannschaft. Sieht mit seinen 19 Jahren etwa so alt aus wie einst Philipp Lahm mit 19. Also ungefähr wie 13, aber nur, wenn man das bubenhafte Gesicht als Maßstab nimmt. Hat einen durchaus profihaften Körper und mit diesem "einen Superlauf in der Bundesliga", wie Nationalmannschaftsmanager Oliver Bierhoff erkannte. Setzte seinen Lauf zunächst fort und schoss als erster Deutscher aufs Tor, und das gleich zweimal. Wurde dann bei einem Kopfballduell im Mittelfeld gerammt und musste schon nach einer guten Viertelstunde mit einem Flimmern vor den Augen raus - Verdacht auf Gehirnerschütterung. Saß aber bald wieder auf der Ersatzbank.

12 / 13

Deutschland in der Einzelkritik:Lukas Podolski

Kazakhstan v Germany - FIFA 2014 World Cup Qualifier

Quelle: Bongarts/Getty Images

Lukas Podolski: Kam nach 18 Minuten auf den Platz und zog mit Jürgen Klinsmann gleich, hat nun sagenhafte 108 Länderspiele in seiner Biografie stehen. Muss also nicht mehr lange durchhalten und er wird sicher Lothar Matthäus (150) einholen. Spielte dann wie ein Profi mit 108 Länderspielen, der ordentlich zittern muss, dass ein paar Junge ihn bald endgültig verdrängen werden. Doch mit 27 Jahren ist Lukas Podolski auch noch zu jung für einen Rücktritt. Und als TV-Experte kann man sich den Herzenskölner auch schlecht vorstellen.

13 / 13

Kazakhstan v Germany - FIFA 2014 World Cup Qualifier

Quelle: Bongarts/Getty Images

Ilkay Gündogan: Musste nach seiner exzellenten Leistung in Paris erkennen, dass das Duo Schweinsteiger/Khedira weiterhin seinen Platz besetzt. Kam in den letzten Minuten rein und stritt sich sogleich mit Schweinsteiger um die Rolle des Ballmagneten. Wird den Münchner am Dienstag in Nürnberg ersetzen.

Andre Schürrle: Musste überraschend erkennen, dass Julian Draxler und Lukas Podolski vor ihm stehen in der Gunst des Bundestrainers. Hat Joachim Löw ein Problem mit Leverkusen? Schürrle jedenfalls wollte die letzten Minuten nutzen, um sich in das Spielchen mit der "falschen Sieben" und der "falschen Neun" und dem falschen Podolski einzubringen und wuselte überall in der Offensive herum. Aber die Zeit war zu kurz.

Mario Gomez: Einziger "echter Neuner" im deutschen Team. Plädierte für den Erhalt seiner Spezies, saß aber wie ein Relikt aus alter Zeit neben dem Platz. Der Stürmer von Bayern München hatte beim Abschlusstraining am Donnerstag eine leichte Zerrung im rechten Oberschenkel erlitten und musste kurzfristig passen. Zeigte immerhin, dass er es versteht, sich Mitternachts hip zu kleiden: Trug eine schöne, graue, übergroße Mütze.

© Süddeutsche.de/ebc
Zur SZ-Startseite

Lesen Sie mehr zum Thema