Deutschland gegen Spanien:Abend der Komplimente

Deutschland - Spanien

Das DFB-Team um Jérôme Boateng (Mitte) nach dem 1:1 gegen Spanien.

(Foto: dpa)
  • Deutschland und Spanien überhäufen sich nach dem 1:1 in Düsseldorf gegenseitig mit Lob.
  • Joachim Löw hatte seine vermeintlich stärkste Elf aufgeboten.
  • Er sagte aber auch: "Beide Mannschaften haben noch nicht alle Karten auf den Tisch gelegt."

Von Carsten Scheele, Düsseldorf

Mats Hummels' Augen erfasste ein kindliches Leuchten. Er schwärmte und schwelgte und sprach dabei gar nicht über die eigene Mannschaft, sondern über den Gegner. Der Vortrag der Spanier hatte es Hummels angetan. Der Plan sei gewesen, im ersten Testspiel des WM-Jahres von der ersten Sekunde an "voll draufzugehen", berichtete Hummels, doch Spanien habe "auf fantastische Weise gekontert". Nein, das habe er, Mats Hummels, der Weltmeister und Bayern-Abwehrchef, noch nicht erlebt.

Hummels war nach dem von den 50 653 Zuschauern eifrig beklatschten 1:1 (1:1) am Freitagabend in Düsseldorf lange nicht der einzige, der den Spaniern ein dickes Lob entgegen brachte. Auch Bundestrainer Joachim Löw, ohnehin ein großer Freund der spanischen Fußballkunst, hatte ein "sehr hohes Niveau" erkannt. Für ihn war es der perfekte Testspielgegner drei Monate vor der WM - eben weil es die Spanier waren, die zeigten, dass es sie bei der WM zu schlagen gilt, will Deutschland erneut um den Titel mitspielen.

Mit all dem Lob verhielt es sich allerdings so: Es war beidseitig zu verstehen. Klar kombinierten die Spanier in Düsseldorf anfangs so schwindelerregend fix, dass Hummels und Jérôme Boateng ins Trudeln gerieten. Gleich nach sechs Minuten hatte Andrés Iniesta in einem schläfrigen Moment des deutschen Mittelfelds einen seiner Fabelpässe geschlagen, Rodrigo Moreno konnte den Ball im Rücken von Hummels erlaufen und Torwart Marc-André ter Stegen zur frühen Führung überwinden.

"Wir haben gegen die beste Mannschaft der Welt derzeit gespielt"

Doch es war auch die DFB-Elf, die dagegen hielt. Die die spanischen Attacken nicht nur parierte, sondern das Spiel nach spätestens 30 Minuten an sich riss, durch einen 20-Meter-Weitschuss von Thomas Müller zum Ausgleich kam, später noch einige Gelegenheiten hatte, das Prestigeduell der Weltmeister von 2010 (Spanien) und 2014 (Deutschland) für sich zu entscheiden. "Wir haben gegen die beste Mannschaft der Welt derzeit gespielt", gab Spaniens Coach Julen Lopetegui das Lob artig zurück. Er sei mit diesem Unentschieden hoch zufrieden, denn er habe gesehen, dass die Deutschen "physisch stärker" seien. "Die ersten 30 Minuten konnten wir Deutschland im Zaum halten", sagte Lopetegui also. Danach nicht mehr.

Das hatten auch die DFB-Spieler bemerkt. Löw hatte die Ernsthaftigkeit der Testspielmission bei frühlingshaften Temperaturen (das Dach in der Düsseldorfer Arena wurde vor Anpfiff geschlossen) schon mit seiner Aufstellung untermauert: Der Bundestrainer wählte seine vermeintlich stärkste Elf, mit Hummels und Boateng in der Abwehrmitte, Sami Khedira und Toni Kroos im Zentrum, Müller und Julian Draxler auf den Außen, mit Timo Werner als spielender Sturmspitze.

Je länger die Partie andauerte, desto besser bekamen die Deutschen den Zugriff. Jonas Hector per Distanzschuss, Werner und in der zweiten Halbzeit Hummels per Kopf hätten den Sieg herausschießen können. Auch Ilkay Gündogan, der für den leicht angeschlagenen Khedira in die Partie kam, hätte fast noch getroffen. "Sie sind verwundbar", bemerkte Müller. Auch Löw hatte gesehen, dass die spanische Mannschaft der deutschen zeitweise hinterher lief.

War das schon ein Vorgeschmack auf die WM? Löw gab zu, dass er mit seiner Taktik ein höheres Risiko gewählt hatte, als er es in Russland im Ernstfall eingehen würde. Um den Spaniern in der Offensive in Überzahl begegnen zu können, hatte er defensiv teilweise Mann-gegen-Mann verteidigen lassen - mit allen Risiken, die dieses Unterfangen gegen individuell starke Kräfte wie Real Madrids Isco mit sich bringt. Doch Löw war zufrieden, "das Risiko war es mir heute wert". Ein Hintergedanke mag gewesen sein, dass er sich den Spaniern drei Monate vor der WM nicht baugleich entgegenstellen wollte, wie er es in einem möglichen Halbfinale oder Finale tun würde. "Beide Mannschaften haben noch nicht alle Karten auf den Tisch gelegt", glaubte Löw.

Die Spanier konnten sich ebenfalls mit dem Verlauf der Dienstreise anfreunden. Nach Deutschland gereist, nicht verloren - Lopetegui hatte ein "sehr gutes, sehr schönes, sehr offenes Spiel" gesehen. Hätte er am Ende nicht so beherzt ausgewechselt, hätten die Spanier womöglich noch länger das ganz hohe Niveau halten können. So schränkte auch Lopetegui ein, etwas geheimnisvoll: "Bei einer WM wird es anders sein."

© SZ.de/chge
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