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Deutsche Nationalmannschaft:Der Umbruch muss bei Löw anfangen

Die Fehler des Bundestrainers haben zum WM-Scheitern geführt - sagt der Bundestrainer. Er muss sie nun auch schnell beheben, sein Weltmeister-Trainer-Bonus ist aufgebraucht.

Kommentar von Martin Schneider

Dass Joachim Löw das Scheitern von Joachim Löw analysieren muss, das war so ziemlich die erste Tatsache, die nach dieser doch sehr rätselhaften Weltmeisterschaft feststand. Der Deutsche Fußball-Bund hatte dem Hauptverantwortlichen für das Vorrunden-Aus quasi noch im Flieger von Kasan nach Moskau das Vertrauen ausgesprochen. Aus Selbstschutz (weil man Löws Vertrag vor der WM ohne Not verlängert hat) und weil man schlicht keinen Alternativ-Kandidaten hatte. Und nachdem sich abgezeichnet hatte, dass auch Manager Oliver Bierhoff nach dem historisch-schlechten Abschneiden bleiben würde, war klar: Es wird einen Neustart mit alten Kräften geben.

Aber Veränderungen müssen stattfinden und die größten Veränderungen muss Joachim Löw von Joachim Löw einfordern. Denn wenn der Bundestrainer die Analyse des Bundestrainers ernstnimmt, dann wird er feststellen, dass die Hauptfehler beim Bundestrainer lagen. Löw sagte: Wir haben mit der falschen Taktik gespielt - und die maximale Einsatzbereitschaft, die hatten wir auch nicht. Er sagte klipp und klar, dass er dafür verantwortlich ist, was weniger heroisch ist, als es sich liest, weil es auch schlicht nicht zu leugnen ist.

Arrogant sei er gewesen, sagte Löw. Er habe seine Ballbesitz-Philosophie auf die Spitze treiben wollen und gab mehr oder weniger offen zu, dass er der Meinung war, dass es für Mexiko, Schweden und Südkorea schon irgendwie reichen würde. Er gab zu, seine Mannschaft nicht begeistert zu haben, dass er darauf gehofft habe, dass sich ein Teamgeist während des Turniers entwickelt, was aber eben voraussetzt, dass man länger als drei Spiele im Turnier bleibt. Dass er "strukturell und strategisch" rangegangen sei und andere Dinge habe vermissen lassen.

Thomas Schneider als Co-Trainer zu entfernen und Sami Khedira vorerst nicht mehr zu nominieren reicht natürlich nicht, um irgendetwas von einem Umbruch zu erzählen. Weitere Führungsspieler zu entfernen wäre auch nicht glaubwürdig gewesen, weil jeder sehen konnte, dass es in Russland nicht nur an Thomas Müller, nur an Toni Kroos oder nur an Mesut Özil lag. Nein, der Umbruch muss hauptsächlich in Löws Kopf und Auftreten stattfinden.

Seinen Weltmeister-Trainer-Bonus hat er strapaziert, er hat ihn nahezu aufgebraucht. Warum er so lange gebraucht hat, um Ballbesitzzeiten und Torschusszahlen zu analysieren, begründete er damit, dass er mit seinen Führungsspielern nach seinem Urlaub sprechen wollte. Zur Özil-Debatte schwieg er, als würde es ihn überhaupt nichts angehen, dass ein Spieler, den er in München als "einen der besten deutschen Spieler der vergangenen 20 bis 30 Jahre" bezeichnete unter lauten Rassismus-Vorwürfen zurücktrat. Auch da sagte er, er wollte erst mit dem Spieler sprechen, habe ihn aber nicht ans Telefon bekommen. Zur gesellschaftlichen Debatte, die aus Özils Rücktritt entstand, äußerte Löw sich erneut nicht.

Löw schwärmt immer gerne vom Confederations Cup, den er im vergangenen Jahr gewonnen hatte. Er benutzte ihn auch in München als Argument dafür, dass er durchaus noch in der Lage ist, mit jungen Spielern zu kommunizieren. Bei diesem Turnier hat ihm besonders gefallen, dass er wieder Trainer sein konnte, weil er, so hieß es aus DFB-Kreisen, Spielern wie Timo Werner oder Leon Goretzka noch etwas beibringen konnte, Spielern wie Toni Kroos oder Mats Hummels aber eher nicht mehr. Sowieso entstand bei dieser ganzen Pressekonferenz der Eindruck, dass sowohl Löw als auch Bierhoff Dinge für selbstverständlich hielten, die dann doch nicht selbstverständlich eintraten. Stichwort: Disziplin.

Vielleicht ist das nun das große Löw'sche Konzept für die Zukunft: Wieder mehr Bundestrainer sein, mehr Kommunizieren, mehr Einfordern und vielleicht nicht mehr unbedingt neun Wochen schweigen, wenn es drängende Fragen gibt.

© SZ.de/ska/sks
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