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Nationalmannschaft:Das sind Löws Lehren aus dem WM-Debakel

  • Die deutsche Nationalelf geht mit Bundestrainer Löw in die Zukunft, doch die WM-Analyse zeigt: So viel ändert sich gar nicht.
  • Taktisch sei einiges schief gelaufen, räumt Löw selbstkritisch ein.
  • Oliver Bierhoff erklärt, wie die DFB-Elf wieder näher an die Fans heranrücken will - auch das Thema Özil wird erläutert.

Von Martin Schneider, München

Und nach neun Wochen erscheint der Bundestrainer. Er betritt den Pressekonferenz-Saal der Arena in München im schwarzen Pullover und mit ernster Miene, Team-Manager Oliver Bierhoff an seiner Seite. 18 Kameras sind auf Joachim Löw gerichtet, als er der Nation nun endlich erklären will, was da los war bei der WM in Russland, beim 0:1 gegen Mexiko, beim 0:2 gegen Südkorea. Wer im Quartier in Watutinki wie lang Computer gespielt hat und wer sich mit wem gestritten hat, was mit Mesut Özil los war, was der Bundestrainer selbst dazu denkt und was das alles für Konsequenzen haben wird.

Bisher hat Löw dazu nämlich gar nichts gesagt. "Der Bundestrainer befindet sich derzeit im Urlaub auf Sardinien", das war so ein Standardsatz in den vergangenen Wochen, als Löw einfach schwieg, als mit Özil einer seiner Lieblingsspieler zurücktrat und seinem Arbeitgeber, dem DFB, Rassismus vorwarf. Der Chef urlaubte und analysierte unbeirrt weiter und das einzige, was man so hörte, war: Der DFB ist mit seiner Analyse zufrieden und Löw fand die Kritik von Philipp Lahm an seinem Führungsstil nicht gut.

Wo bleibt das Neue?

Da erwartete man sich natürlich ein bisschen was, wenn der Bundestrainer sich die maximale Zeit rausnimmt (kommenden Donnerstag spielt die Nationalelf in München im Rahmen der Nations League gegen Frankreich), um sich Gedanken zu einem WM-Desaster zu machen - dem laut DFB-Präsident Reinhard Grindel "gravierende Veränderungen" folgen sollten.

Diese Veränderungen sind nun konkret: Thomas Schneider ist nicht mehr Co-Trainer und der Betreuerstab soll verkleinert werden, Sami Khedira wird erst einmal nicht mehr nominiert, Leroy Sané dagegen schon. Löw hat versucht, Mesut Özil nach dessen Rücktritt anzurufen, ihn aber nicht ans Telefon bekommen. Er hat bis heute kein Wort mit ihm gewechselt und Ilkay Gündogan habe unter der Situation nach den Erdoğan-Bildern sehr gelitten - Löw plant aber weiter mit ihm. Eine Grüppchen-Bildung, wie in manchen Berichten thematisiert wurde, hätte es nicht gegeben, jedenfalls keine unüberbrückbaren Differenzen. Wenngleich Löw auch einräumte, dass der Teamgeist nicht mit der Geschlossenheit bei der WM 2014 vergleichbar gewesen wäre.

Das sind alles keine "gravierenden Veränderungen", es sind höchstens gravierende Anpassungen; aber wer Löw kennt, der weiß, dass alles andere auch eine Sensation gewesen wäre. Er selbst ist ja geblieben, Oliver Bierhoff auch und dass er jetzt Manuel Neuer, Toni Kroos oder Thomas Müller rausschmeißt, das konnte sich wirklich niemand vorstellen. Der Bundestrainer hofft, dass der gleiche Kern der Nationalmannschaft in den kommenden Spielen ein "ganz anderes Gesicht" zeigt, wie er sagt.

Löw weiß aber auch, dass das dringend nötig sein wird und dass er seinen Weltmeister-Bonus weitgehend aufgebraucht hat. "Wir stehen alle unter einem besonderen Druck", sagte er, als er gefragt wurde, wie wichtig die kommenden Spiele gegen Frankreich und die Niederlande in der Nations League werden.

Rekordverdächtig lange Pressekonferenz

Fast zwei Stunden (vom Pressesprecher als "längste Pressekonferenz in der Geschichte des DFB" bezeichnet) reden Löw und Bierhoff, es herrscht ein angemessen selbstkritischer Ton. "Das WM-Aus war für mich und für uns alle, die in der Verantwortung standen, ein absoluter Tiefschlag, da gibt's nichts zu beschönigen", beginnt Löw seine Ausführungen, es fallen die Adjektive "arrogant" und "selbstgefällig". Und zu Beginn präsentiert Löw zwei Punkte, die er entscheidend findet: Taktik und Einstellung.

Löw referiert, dass er geglaubt habe, mit einem dominanten Ballbesitzfußball durch die Vorrunde zu kommen und das dies seine "allergrößte Fehleinschätzung " gewesen sei. "Es war arrogant, ich wollte es auf die Spitze treiben und perfektionieren. Ich hätte die Mannschaft auf eine sicherere Spielweise ausrichten müssen", sagt Löw. 2014 hätte er die goldene Mitte gefunden, diesmal hätte er von seinen Spielern zu viel Risiko eingefordert. Er präsentiert Zahlen, dass die Mannschaft zwar viel Ballbesitz gehabt habe, aber weniger gesprintet sei, den Ball zu lange am Fuß gehalten habe (1,2 Sekunden 2010, 1,6 Sekunden im Schnitt 2018) und dass die Chancenverwertung miserabel war. Die Konsequenz daraus: Man müsse flexibler und variabler werden, das Spielsystem anpassen und nicht mehr dieses ganz große Risiko gehen.

Der zweite Punkt sei die Einstellung gewesen: "Um ein Turnier zu gewinnen, braucht man Enthusiasmus und Feuer, diese Lunte muss immer mehr brennen. Bei diesem Turnier haben wir es nicht geschafft, neue Schlüsselreize zu setzen. Wir haben es nicht geschafft, ein neues Feuer zu entfachen", sagt Löw und schiebt hinterher: "Das wäre meine Aufgabe gewesen." Er habe den strukturell-strategischen Ansatz vorgelebt und ein bisschen darauf gesetzt, dass sich Teamgeist während des Turniers entwickelt. Das habe aber nicht geklappt.

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