Datenprojekt zu Europas Ligen:So fußballverrückt ist Deutschland

Public Viewing - Dortmund - Friedensplatz

Dortmund hat die treuesten Fans in Europa.

(Foto: dpa)

Der BVB hat die fanatischsten Fans, bei Werder Bremen ist der Stadionbesuch am billigsten: Warum die Bundesliga sogar beliebter als die Premier League ist.

Von Saskia Aleythe, Lisa Sonnabend (Daten/Text), Katharina Brunner und Johannes Barkhau (Grafiken)

Ist Deutschland sogar fußballverrückter als England? Zumindest pilgern jedes Wochenende mehr Fans in die Bundesliga-Stadien als in die anderen europäischen Ligen. Im zweiten Teil des Datenprojekts zu Europas Fußball analysiert SZ.de, welche Ligen die Fans schätzen - und wo die günstigsten Tickets zu haben sind.

  • In England wird der Fußballfan arm

Stehplätze gibt es in Englands Stadien keine mehr, die Fußballanhänger müssen auf Sitzschalen Platz nehmen - und das hat seinen Preis. Die Tickets für eine Premier-League-Partie sind in den vergangenen Jahren immer teurer geworden. So kommt es, dass die britischen Fans europaweit am meisten für ein Fußballspiel hinblättern müssen. In der Saison 2013/14 kostete das günstigste Tagesticket für die Premier League etwa 40 Euro - doppelt so viel wie in Italien. Aber so günstig wie in Deutschland konnte man nirgends erstklassigen Fußball sehen. 14,60 Euro mussten die Anhänger durchschnittlich in der billigsten Kategorie bezahlen.

  • Eine CD kaufen oder ein Ticket für Werder Bremen?

Wer nur 8,48 Euro im Portemonnaie hatte, konnte in der Saison 2013/14 schon ein Fußballspiel von Werder Bremen besuchen: Der günstigste Platz im Stadion des Bundesligisten war damit so billig zu haben wie bei keinem anderen europäischen Verein im hochklassigen Fußball. Auch wenn die Spielweise der Bremer in den vergangenen Jahren nicht immer unterhaltsam war. Familienfreundliche Preise boten auch Wolfsburg und Freiburg.

  • Getafe will fast 60 Euro

Kennen Sie den FC Getafe? Müssen Sie nicht, der spanische Verein hat schließlich noch nie einen Titel gewonnen. Trotzdem lässt er sich seine Ballkünste viel kosten: Das günstigste Ticket wurde nämlich für stolze 58,74 Euro verkauft. Celta Vigo nimmt sich daran ein Beispiel und bietet sein günstigstes Ticket zum selben Preis an. Der teuerste deutsche Verein war Borussia Dortmund mit 18,38 Euro - im internationalen Vergleich belegt der Ruhrgebietsklub allerdings lediglich Rang 51.

  • Fans pilgern in die Bundesliga-Stadien

Ein Stehplatz in einem Bundesliga-Stadion ist deutlich günstiger zu haben als ein Platz in der Oper. Ist das auch der Grund, warum die Arenen in Dortmund, Gelsenkirchen oder München so gut besucht sind wie in keinem anderen europäischen Land? 43 531 Zuschauer sahen in der vergangenen Saison durchschnittlich ein Erstliga-Spiel live - und das, obwohl hierzulande kein Messi oder Ronaldo auf dem Rasen zu sehen ist. Die Premier-League-Partien lockten dagegen im Durchschnitt nur 35 192 Zuschauer an, in die spanischen Stadien kamen gar nur 26 782 Aficionados.

  • Leere Ränge in Italien

Die Begeisterung der Fans für die Bundesliga kann jedoch nicht nur an den günstigen Preisen liegen. Denn in Italien sind trotz der verhältnismäßig billigen Tickets viele Stadien an den Wochenenden schlecht besucht. Nur 22 213 Zuschauer machten sich im Durchschnitt auf in die Arenen des Landes - nicht einmal 50 Prozent aller Sitze waren besetzt. Das Thema Stadionausbau ist bei vielen Bundesliga-Klubs ein akutes, in Italien wohl nur in Turin. Denn im Juventus Stadion haben immerhin 93,4 Prozent aller Tickets einen Käufer gefunden.

Die Bundesliga- und Premier-League-Klubs haben da viel treuere Fans. In England sind die Stadien zu 94,9 Prozent ausgelastet, in Deutschland zu 92,9 Prozent. Die teuren Ticketpreise schrecken die Briten also nicht ab.

Eintracht Frankfurt beliebter als ManCity

  • BVB - echte Liebe

In das Dortmunder Westfalenstadion pilgerten in der vergangenen Saison so viele Fußballanhänger wie in keine andere Fußball-Stätte in Europa. 80 423 Zuschauer pro Heimspiel verfolgten in den vergangenen Monaten, wie sich die Truppe von Jürgen Klopp mühsam einen Europa-League-Startplatz erkämpfte. Fast immer war die Arena ausverkauft - nur West Ham United kommt mit 99,60 Prozent auf eine genauso effiziente Auslastung wie der Ruhrgebietsklub. Das Stadion im Londoner East End ist jedoch mit knapp 35 000 Sitzschalen deutlich kleiner.

Vereine mit den meisten Zuschauern

Borussia Dortmund: 80 423

FC Barcelona: 77 632

Manchester United: 75 334

Bayern München: 72 882

Real Madrid: 71 679

Schalke 04: 61 577

FC Arsenal: 58 142

Hamburger SV: 53 251

VfB Stuttgart: 50 711

Borussia Mönchengladbach: 50 659

Newcastle United: 50 359

Hertha BSC: 50 184

1. FC Köln: 48 329

Eintracht Frankfurt: 47 617

Atlético Madrid: 46 525

Manchester City: 45 365

Fußball schauen ist in Deutschland so beliebt, dass sogar Eintracht Frankfurt mehr Zuschauer anzieht als internationale Top-Teams wie Atlético Madrid oder Manchester City. 47 617 Anhänger kamen durchschnittlich zu den Partien ins Stadion, obwohl das Team in der vergangenen Saison sportlich alles andere als souverän agierte.

Das größte Fußballstadion Europas steht in Barcelona, 99 354 Zuschauer haben im Camp Nou Platz. Immerhin 77 632 Fans pilgerten in der vergangenen Saison durchschnittlich hierher, um zu sehen, wie Messi, Neymar und Luis Suárez einen Treffer nach dem anderen erzielten.

  • Der Fußballzwerg aus dem Baskenland

Von diesen Dimensionen kann der spanische Fußballzwerg SD Eibar nur träumen. Das Stadion Ipurúa fasst lediglich 5900 Zuschauer, nie hatte ein Erstliga-Verein in Spanien eine kleinere Spielstätte. Pro Heimspiel verirrten sich nur 4771 Zuschauer ins Stadion - kein anderer Klub spielte vor derart wenigen Zuschauern.

In dem baskischen Tal leben wohl schlicht zu wenig Menschen, um das Stadion voll zu bekommen - und Eibar spielt alles andere als attraktiv: Der Klub erzielte kaum mehr Tore als der Hamburger SV. Nur Hertha BSC schoss seltener in Richtung Tor als die Basken. Zudem betrug der Marktwert für den Kader lediglich 860 000 Euro, der Bruchteil eines einzigen Ersatzspielers von Real Madrid. Dennoch schaffte Eibar wie durch ein Wunder den Klassenerhalt: Wegen des Zwangsabstiegs des FC Elche darf sich der Winzling auch in der kommenden Saison mit Real und Barça messen. Vor einer Handvoll Zuschauern.

  • Linktipps:

Lesen Sie hier den erstenTeil zum Datenprojekt über Europas Fußball: Warum England Geld, aber keinen Erfolg hat

Lesen Sie hier den dritten Teil zum Datenprojekt über Europas Fußball: Wo der schönste Fußball gespielt wird

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