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Corona und Europas Fußball:Auf dem Weg zum Stillstand

Real Madrid CF v FC Barcelona  - La Liga

Toni Kroos gegen Arturo Vidal im spanischen Clásico.

(Foto: Getty Images)
  • Europas Fußball bekommt die Kettenreaktion kaum noch eingefangen, die wegen des neuen Coronavirus losgebrochen ist.
  • Nach den positiven Fällen bei Real und Juventus kann die Champions League kaum noch stattfinden.
  • Die Europameisterschaft soll angeblich ins Jahr 2021 verlegt werden.

Noch vor einigen Tagen stand der Fußballer Daniele Rugani ständig im Schatten, immer nur am Rand der Bühne. Die Italiener nennen ihn einen "Gregario", einen Mitläufer, einen Wasserträger. Bei Juventus Turin, seinem Arbeitgeber, ist der 25-jährige Innenverteidiger aus Lucca in der Toskana nur fünfte Wahl. Trotzdem verlängerten sie seinen Vertrag neulich bis 2023, auch aus goodwill, denn Rugani ist im Nachwuchs von Juve groß geworden, das stärkt die Banden. In der Zwischenzeit war auch seine Freundin, eine frühere Fernsehjournalistin, prominenter geworden als er: Michela Persico ist ein Star in den sozialen Medien.

Nun prangt sein Foto in allen Zeitungen. Als Fall. Gut möglich, dass dieser Fall den gesamten europäischen Fußball zum Stillstand bringt - in einer Kettenreaktion.

Am Mittwoch wurde Daniele Rugani, siebenfacher Nationalspieler, als erster Profi aus einer großen europäischen Liga positiv auf das Coronavirus getestet. Das ganze Team steht nun unter Quarantäne (plus Betreuer, insgesamt 121 Menschen) - für mindestens 14 Tage, so wollen es die Vorschriften. Damit stand im Grunde schon fest, was am Donnerstag bestätigt wurde: dass das Champions-League-Spiel von Juventus gegen Olympique Lyon, das für den kommenden Mittwoch terminiert war, verlegt werden muss. Noch ehe die Partie ganz offiziell abgesagt war, musste die Champions League der europäischen Fußball-Union Uefa in der spanischen Hauptstadt Madrid einen weiteren Einschlag hinnehmen, der endgültig den ganzen Wettbewerb infrage stellte (und, doch dazu später, die deutsche Nationalmannschaft betrifft).

Für die Champions League zeichnen sich Konsequenzen ab

Denn: Weil ein Spieler der Basketballabteilung von Real Madrid positiv auf das Coronavirus getestet worden war, wurde auch die Fußballmannschaft des spanischen Rekordmeisters für 14 Tage unter Quarantäne gestellt. National hatte das sofort Folgen: Spaniens Ligaverband LFP, der sich zunächst - wie Deutschlands DFL - mit so genannten "Geisterspielen" durchhangeln wollte, setzte den Spielbetrieb der ersten Liga aus. Bis April ruht in der Primera División der Ball.

Englands Premier League droht seit Donnerstag ein ähnliches Szenario, drei Spieler von Leicester City zeigten Corona-Symptome und begaben sich in Selbstquarantäne. Und für die Champions League ergaben sich ebenfalls Konsequenzen. Denn durch die Quarantäne von Real Madrid war auch klar, dass die Spanier am kommenden Dienstag nicht bei Manchester City zum Rückspiel antreten können. Am Abend bestätigte City, dass das Spiel verschoben wird. Die örtlichen Behörden hatten schon erwogen, die Madrilenen nicht ins Land zu lassen. Der Grund: In Spanien steigen die Fälle rapide. Dafür machten nach der Visite von Atlético Madrid in Liverpool umgehend Nachrichten von einem Anstieg der Fälle an der Mersey die Runde. Atlético war an der Anfield Road von 3500 Fans begleitet worden. Was angesichts dieser Meldungslage aus dem aktuellen Champions-League-Wettbewerb wird?

Gute Frage.

In der Branche wird nun nicht mehr von Spiel zu Spiel, sondern von Stunde zu Stunde gedacht. Sicher ist gar nichts mehr. Außer: Alle Fußballwettbewerbe hängen in der Luft. Unter anderem wegen der Beteiligung der Mannschaften Italiens, dem europäischen Land, das von der Pandemie am härtesten betroffenen ist. Inter Mailand sollte am Donnerstag in der Europa League gegen Getafe spielen, daheim, im San Siro, vor leeren Rängen. Doch Getafes Präsident Ángel Torres untersagte die Reise - zu gefährlich.

Wird die paneuropäische EM ins Jahr 2021 verlegt?

Der AS Rom wiederum war in Sevilla erwartet worden, und eine Weile sah es sogar so aus, als würden die Römer eine Odyssee auf sich nehmen, um nach Andalusien zu kommen: Da die Spanier Flüge aus und nach Italien gestrichen hatten, wäre ein Umweg über das portugiesische Faro nötig gewesen. Dann setzten auch die Portugiesen den Flugbetrieb mit Italien aus. Am Donnerstag meldete dann die spanische Sportzeitung Marca, dass auch Champions League und Europa League vorerst ausgesetzt werden sollen. Eine Bestätigung gab es nicht. Stattdessen kündigte die Uefa für kommende Woche einen kontinentalen Fußballgipfel an.

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Am kommenden Dienstag wollen demnach die 55 Mitgliedsverbände, die Vorstände des Europäischen Klubverbands ECA, der Europäischen Ligen und ein Vertreter der Fußballergewerkschaft Fifpro per Videokonferenz über die Lage sprechen. Auch die EM 2020 steht inzwischen zur Disposition. Sie soll Mitte Juni in Rom beginnen und, nach einer Reise quer durch den europäischen Kontinent, Mitte Juli in London enden. Die Uefa hatte sich massiv gewehrt, die paneuropäische Easyjet-Meisterschaft zu verschieben; laut AP steht die Entscheidung, das Turnier in den Sommer 2021 zu verlegen, inzwischen aber unmittelbar bevor. Dies würde Luft schaffen, um die nationalen und kontinentalen Klub-Wettbewerbe zu Ende zu führen. Und die Klubs haben ein wichtiges Pfund, mit dem sie wuchern können: Sie sind es, die die Nationalspieler abstellen. Nicht erst bei der EM im Sommer, sondern bereits Ende März.

In der kommenden Länderspiel-Periode also, in der das Team des Deutschen Fußball-Bundes (DFB) einen Trip nach Madrid geplant hatte. Ausgerechnet. Mehr noch: Bundestrainer Joachim Löw wollte auf dem Vereinsgelände von Real Madrid trainieren und dort auch Pressekonferenzen abhalten, in Vorbereitung auf das Freundschaftsspiel gegen Spanien im Stadion von Atlético Madrid (26. März) und das Freundschaftsspiel gegen Italien in Nürnberg (30. März). Die Partie gegen die Italiener soll nun, wenn überhaupt, nur hinter verschlossenen Türen stattfinden. Was mit der Partie in Spanien passieren wird, war an diesem Donnerstag noch nicht abzusehen. Der DFB musste erst einmal die Nachricht verdauen, dass die Sportstadt Valdebebas, wo alle Mannschaften Real Madrids trainieren und mitunter auch nächtigen, bis auf Weiteres verriegelt ist. Verriegelt wie Italien. Wie die Heimat von Juve-Profi Rugani.

Dessen Erkrankung hatte am Mittwochabend noch für nachgerade plastisches Anschauungsmaterial zur Verwundbarkeit auch hochgezüchteter Fußballerkörper gesorgt. Anhand eines Fotos, das am vergangenen Sonntagabend entstanden war, nach dem Spiel gegen Inter Mailand, dem Derby d'Italia im zuschauerlosen Juventus-Stadium; ein Foto, das nach der Bestätigung der Diagnose Ruganis "viral ging", wie man neudeutsch sagt.

Ronaldo will Madeira erst mal nicht verlassen

Die Aufnahme erinnerte stark an Bilder, die normalerweise nach gewonnener Meisterschaft entstehen: alle auf einem Haufen, die vorne liegend, die hinten jubelnd, manche halb nackt, andere in ihren verschwitzten Unterhemden. Nur der Champagner fehlte. Die Turiner hatten 2:0 gewonnen, man stand nun wieder an der Spitze der Tabelle, einen Punkt vor Lazio Rom. Alle wussten, nach diesem Spieltag würde die Serie A ruhen, wegen Corona, mindestens bis zum ersten Aprilwochenende. Oben rechts im Bild: Rugani, im modischen T-Shirt, unverschwitzt. Er hatte wieder nicht gespielt, saß aber auf der Bank, man kann ja nie wissen. Ihm zur Seite: der frühere deutsche Nationalspieler Sami Khedira. Links unten, gerade noch knapp im Bild, sitzend: Cristiano Ronaldo mit nacktem Oberkörper. Ein bisschen abseits.

Aber nicht ganz so abseits wie jetzt.

Denn kurz nach dem Spiel gegen Inter setzte sich Ronaldo in einen Privatjet und flog nach Madeira, in die Heimat. Der Klub hatte ihm eine Bewilligung für zwei Tage zugestanden, damit er seine Mutter Dolores besuchen konnte, die eine Woche davor einen Schlaganfall erlitten hatte. Es geht ihr besser, doch nun ist absehbar, dass der Sohn nicht so bald nach Italien wieder zurückkommen wird. Die Gazzetta dello Sport glaubt zu wissen, Ronaldo habe seine ganze Familie in Funchal versammelt, um die Krise dort auszusitzen, auf der Azoren-Insel, weit weg von allem. Seine Partnerin Georgina hat in den sozialen Medien Fotos vom Swimmingpool gepostet, das Haus soll erst kürzlich fertig geworden sein.

© SZ vom 13.03.2020/schm
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