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Fußball-EM:Stille in Kopenhagen

Auf der Anzeigetafel werden die Zuschauer informiert, dass Christian Eriksen wach und stabil sei.

(Foto: Jonathan Nackstrand/AFP)

Im Spiel zwischen Dänemark und Finnland kollabiert der Spieler Christian Eriksen, die Partie wird unterbrochen. Nach der erlösenden Nachricht über seinen stabilen Zustand wird das Spiel überraschend fortgesetzt.

Von Kai Strittmatter, Kopenhagen

Irgendwann - gefühlt sind mehrere Stunden vergangen, in Wirklichkeit war es eine einzige - sagt der Kommentator des Dänischen Rundfunks DR leise: "Christian Eriksen lebt." Der Stadionsprecher in Kopenhagen hatte gerade verkündet, Eriksen sei "bei Bewusstsein", sein Zustand "stabil". Das Stadion jubelt. Aber was für ein Satz: Eriksen lebt. Für endlose Momente der Angst hatten ein ganzes Stadion, eine ganze Nation auch das Schlimmste nicht mehr ausgeschlossen.

Christian Eriksen ist der beste Spieler in der dänischen Nationalmannschaft, "König Christian" nennen sie den 29-Jährigen hier auch. Der wie die anderen hier auf dieses Turnier gebrannt hat, der wie die anderen auch daran geglaubt hat, sie könnten es in diesem Jahr vielleicht noch einmal schaffen, so ein Wunder wie bei der Europameisterschaft 1992, wo sie den amtierenden Weltmeister Deutschland schlugen im Finale. Wenn, dann mit ihm, Christian Eriksen, der gerade erst italienischer Meister wurde mit Inter Mailand.

Und dann der Moment, wenige Minuten vor der Halbzeit. Es steht 0:0, Dänemark beherrscht Finnland zu diesem Zeitpunkt, aber es ist noch kein Tor gefallen. Einwurf für Dänemark von links, Eriksen möchte annehmen, doch noch bevor er den Ball berührt, kollabiert er. Die ihn umringenden Finnen rufen zur Seitenlinie, gestikulieren heftig. Ärzte kommen angelaufen. Die dänischen Spieler bilden jetzt einen Kreis um ihren Mannschaftskameraden. Die Zuschauer haben zunächst keine Ahnung, was geschehen ist, aber als viele der Mitspieler auf dem Feld ihr Gesicht in den Händen vergraben und manche zu weinen beginnen, wird es still im Stadion.

Irgendeiner reicht den dänischen Spielern eine finnische Flagge, mit der sie einen Sichtschutz um Eriksen schaffen. Die Zuschauer am Fernsehen in Dänemark sind da schon nicht mehr dabei. Die Kamera hält nicht hin, das Stadion wird von nun an aus der Vogelperspektive gezeigt, auch das ZDF in Deutschland beendet die Übertragung. Ab und an gibt es knappe Kommentare der Moderatoren. Die Behandlung auf dem Rasen - offenbar unter anderem eine Herzdruckmassage - scheint endlos zu dauern. 15, 20 Minuten, in der Arena ist in diesen Minuten kaum ein Laut zu hören.

Das Spiel wird überraschenderweise fortgesetzt

Das Stadionpublikum bleibt ruhig sitzen, während Eriksen ins Krankenhaus gebracht wird, und wartet auf Nachricht. "Wir beten für dich", schreibt das Boulevardblatt Ekstrabladet. Irgendwann beginnen die finnischen Fans zu rufen "CHRISTIAN, CHRISTIAN!", und die Dänen antworten im Chor mit "ERIKSEN, ERIKSEN!" Zwischendurch rufen sie auch mal "Finnland, Finnland!", der DR-Kommentator macht "ein Gefühl der Verbrüderung" aus. Verbrüderung im Schrecken und in der Sorge. "Es ist unerträglich. Wir sind völlig durcheinander, wir wissen nicht, auf welchem ​​Bein wir stehen sollen. Viele von uns schreien. Wir stehen alle unter Schock", zitiert die Zeitung Politiken in jenen Minuten eine Zuschauerin.

Endlich die Nachricht. Christian Eriksen lebt. Das Stadion jubelt. Dann die nächste Nachricht: Das Spiel wird fortgesetzt. Der Kommentator bei DR mag das zunächst gar nicht glauben. "Das wird eine große psychische und physische Herausforderung", sagt er.

Der Sieg der Finnen rückt in den Hintergrund

Die Spieler beider Teams hatten offenbar zugestimmt, einige sollen mit Eriksen gesprochen haben. Nationaltrainer Kasper Hjulmand berichtete nach dem Spiel: "Wir haben es geschafft, Christian zurückzuholen. Er hat mit mir gesprochen, bevor er ins Krankenhaus gebracht wurde. Wir wurden heute daran erinnert, was das Wichtigste im Leben ist: Gesundheit. Dass man Leute um sich herum hat, die einem nah sind."

Hjulmand sagte konkret zum Prozedere: "Wir hatten zwei Möglichkeiten, das Spiel zu spielen. Heute oder morgen um 12 Uhr und jeder wollte heute spielen. Die Spieler konnten sich nicht vorstellen, schlafen zu können und dann Sonntagmorgen zum Spiel in den Bus zu steigen. Es war besser, es gleich zu machen", sagte Hjulmand. Es sei auch Eriksens Wunsch gewesen, die Partie zu beenden. Aber dies habe sich als "unglaublich schwierig" herausgestellt.

Der Trainer berichtete von der Situation. "Die Spieler wollten es versuchen, aber einige waren nicht fähig zu spielen", sagte der ehemalige Mainz-Coach weiter. "Wir haben unser Bestes versucht. Du kannst auf diesem Niveau kein Fußballspiel machen, wenn du mit so einem harten Thema umgehen musst." Kapitän Simon Kjaer habe beispielsweise um seine Auswechslung gebeten. "Er war sehr getroffen, sie sind sehr gute Freunde. Er wollte es versuchen, aber es war unmöglich. Die Gefühle haben ihn übermannt", erklärte Hjulmand. Es werde auch die kommenden Tage schwierig bleiben, mit dieser Situation umzugehen. Man werde den Spielern deshalb "professionelle Hilfe" anbieten, betonte der Trainer.

Was zählt ein solches Spiel noch? "Die Spieler spielen das Spiel für Christian", sagte Peter Möller vom Dänischen Fußballbund noch vor der Fortsetzung. "Sie spielen, weil es Christian gut geht." Er sagte das, bevor Finnland völlig überraschend das 1:0 erzielte, Dänemark vergab per Elfmeter die Chance auf den Ausgleich. Das Ergebnis ist eine Sensation: Die Finnen haben das letzte Mal 1949 in Kopenhagen gewonnen. Ein "schockierender und surrealer Abend" (Politiken) endete mit der Niederlage Dänemarks. Aber Christian Eriksen lebt.

© SZ/schm/ska
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