bedeckt München 15°

Champions League:Zu viele Gegner für die Göttin

Champions League: Tobias Stieler zeigt Remo Freuler von Atalanta Bergamo die rote Karte

Bergamos Buhmann: Der deutsche Schiedsrichter Tobias Stieler zeigt Remo Freuler von Atalanta die rote Karte.

(Foto: AFP)

Nach dem 0:1 von Atalanta Bergamo gegen Real Madrid nimmt Trainer Gasperini den deutschen Schiedsrichter Tobias Stieler in die Galerie der Referees auf, die "Partien ruinieren".

Von Javier Cáceres

Die Wunde klaffte noch, und es half auch nicht, dass Gian Piero Gasperini wusste, dass seine Mannschaft, Atalanta Bergamo, auch unter anderen Umständen hätte verlieren können: "Vielleicht wären wir auch so unterlegen gewesen, bei Elf gegen Elf. Aber auf diese Art tut's weh", sagte Gasperini nach dem 0:1 gegen Real Madrid - und gegen den deutschen Schiedsrichter Tobias Stieler. "Zu viele Gegner für Atalanta", urteilte die Zeitung Corriere dello Sport.

Viel hätte nicht gefehlt, und Stieler hätte den Rang eines Byron Moreno erreicht - jenes legendären ecuadorianischen Schiedsrichters, der Italien bei der WM 2002 gegen Südkorea verpfiff. Zwar wurde Stieler nur von Tuttostport Betrug vorgeworfen, oder, um genau zu sein: "ein Raub an der Göttin", denn Göttin, "Dea", wird Atalanta genannt. Aber behaglich dürfte es für Stieler trotzdem nicht sein, in Italien in die Galerie der schlimmen Schiedsrichter aufgenommen zu werden- und im Ruch der Ahnungslosigkeit zu stehen.

Nicht weniger musste Stieler ertragen. Er habe "genug von diesen Schiedsrichtern, die nie Fußball gespielt haben und die Spiele ruinieren", klagte Gasperini. Zu viele Referees erlägen der Versuchung, "jeden Kontakt aus dem Fußball zu tilgen, obwohl er Teil des Spiels ist", und das führe zum "Selbstmord des Fußballs", fügte Bergamos Trainer hinzu. Stieler, der Sterbehelfer? So meinte Gasperini das wohl. Irgendwann aber biss er sich auf die Zunge: "Sonst werde ich von der Uefa für zwei Monate gesperrt."

Grundlage für Gasperinis Ärger war eine Szene aus der 17. Minute, die Reals späteren Siegtorschützen Ferland Mendy (86.) als Hauptdarsteller hatte und das Spiel prägte. Nach einem langen Pass stürmte Mendy mehr gen Eckfahne als in Richtung Atalanta-Tor. Doch nachdem ihm Bergamos Verteidiger Remo Freuler in die Parade gefahren war, zögerte Stieler beim Griff zur Gesäßtasche keine Sekunde. Er zog glatt Rot - obwohl Freuler nicht "letzter Mann" war, der Tatbestand einer Notbremse also nicht griff. Sogar in Spanien wurde der Platzverweis schwer gerügt. Der frühere Elite-Referee Eduardo Iturralde González nannte Stieler in der Zeitung As "überfordert"; ein anderer spanischer Ex-Schiedsrichter, Juan Andújar Oliver, nannte die rote Karte in Marca "übertrieben". Das war aber harmlos im Vergleich zu den Reaktionen aus Italien. Der Platzverweis sei "peinlich" gewesen, "um einen Euphemismus zu benutzen", schrieb Gazzetta dello Sport. "Ausscheiden schaffen wir alleine, Uefa!", implizierte Corriere dello Sport sogar finstere Wirkmächte zu Gunsten von Real.

Madrid selbst legte allerdings am Donnerstag Einspruch gegen die gelbe Karte für Mittelfeldspieler Casemiro ein. Real will dessen Sperre fürs Rückspiel nicht akzeptieren, weil Casemiro von Stieler für ein taktisches Foul verwarnt wurde, das es in der Wahrnehmung der Spanier nicht gab. Allerdings ließ Stieler bei einer "Schwalbe" Casemiros später die gelbe Karte stecken.

So oder so steht Bergamo im Rückspiel vor einer Herkulesaufgabe. Seit 1970 sind fast 90 Prozent der Teams, die in einem Uefa-Wettbewerb ein K.-o.-Runden-Hinspiel auswärts 1:0 gewannen, anschließend weitergekommen.

© SZ/mok/moe/jkn
Zur SZ-Startseite
FC Bayern: Jamal Musiala beim Training an der Säbener Straße

MeinungDeutsche Nationalmannschaft
:Diamanten für Löw

Von wegen zukunftsgefährdender Mangel an Talenten: Im DFB-Team gibt es gleich mehrere Hochbegabte - es wirkt, als stelle der Bundestrainer seine Mannschaft für die WM 2030 zusammen.

Kommentar von Philipp Selldorf

Lesen Sie mehr zum Thema