Champions League:Die Bürde, Neymar zu sein

10 NEYMAR JR (PSG) - 21 BENJAMIN ANDRE (LIL) - COLERE - ALTERCATION FOOTBALL : Paris SG vs Lille - Ligue 1 Uber Eats - 0

Konnte die Hände nicht bei sich halten: Neymar sah für seinen Griff ins Gesicht von Benjamin André zunächst die gelbe Karte. Später bekam er noch einmal Gelb und musste vorzeitig runter.

(Foto: Philippe Lecoeur/imago)

Der Brasilianer hat in dieser Saison erst zwölf Meisterschaftsspiele absolviert - gegen Lille fliegt er schon zum zweiten Mal vom Platz. Doch nicht nur fehlende Disziplin plagt Paris vor dem Duell mit dem FC Bayern.

Von Oliver Meiler

Neymar Junior ist nun auch schon 29 Jahre alt, man will es nicht für möglich halten. Er legt eine ansehnliche Karriere hin, wirklich transzendental aber ist sie nicht. Dafür steht er sich allzu oft selbst im Weg.

Am Wochenende, im 0:1 verlorenen Spitzenspiel der französischen Ligue 1 gegen Tabellenführer Lille, zeigte der expressive Profi in den Reihen von PSG mal wieder die ganze Palette seiner eher infantilen Reflexe. Die setzen immer dann ein, wenn es bei ihm nicht so gut läuft. Wenn er frustriert ist über misslungene Dribblings und verhauene Freistöße, genervt von den vielen Fouls weniger talentierter Gegner. Gegen Lille berührte der Brasilianer 77 Mal den Ball, was für seinen Standard eine ärmliche Quote ist. Er verlor das Leder zudem sagenhafte 22 Mal. Es gibt mildernde Umstände: Es war sein erster Volleinsatz seit einer Leistenverletzung vor zwei Monaten. Eine Rückkehr also. Sie sollte ihn warm machen für das Viertelfinal-Hinspiel der Champions League am Mittwoch in München beim FC Bayern.

Neymar ist oft verletzt, mal handfest, mal taktisch. In der Regel reicht ein schneller Blick auf den Kalender, um die Schwere seiner Unpässlichkeit einzuschätzen: Fällt eine Verletzung auf den Karneval in Rio de Janeiro oder auf den Geburtstag seiner geliebten Schwester, braucht sich sein Arbeitgeber keine Sorgen machen. Dann fliegt er schnell hin, eine Woche, zehn Tage, und kommt geheilt zurück, an Körper und Geist. So war das schon beim FC Barcelona, so ist das in Paris oft.

Mittelfeldchef Marco Verratti hat Corona - er fehlt in München

Es ist, als leide Neymar an konstantem Heimweh, als empfinde er seine Arbeit in Europa als ärgerliche Konzession an das Geschäft, das nun mal auf dem alten Kontinent spielt. Auch das viele Geld, das ihm der Emir aus Katar für seine Dienste bezahlt, 30 Millionen Euro netto im Jahr, reicht nicht aus, um die Tristesse zu besiegen. Mehr noch: Der "teuerste Transfer in der Fußballgeschichte", wie er wegen der 222 Millionen Euro genannt wird, die Paris an Barcelona überwies, muss nach jeder Verletzung beweisen, dass er die ganze Kohle auch wert ist. Jedes Mal neu, nie ist mal Ruhe.

So ging er ins Spiel gegen Lille, mit dieser Last. Die Nordfranzosen gingen schon in der 20. Minute in Führung, dank eines Kontertors des Kanadiers Jonathan David. Gegen schnell konternde Gegner sind die Pariser nun mal anfällig, vor allem wenn im Mittelfeld der Chef fehlt: Marco Verratti hat Covid-19, er fällt auch gegen die Bayern aus. Angesteckt hat er sich jüngst bei Italiens Nationalteam, und da er mit Außenverteidiger Alessandro Florenzi reiste, musste auch der in Quarantäne.

Ohne Verratti, den Meister der Balance, fällt das Mittelfeld, die schwächste Abteilung im Pariser Ensemble, fast immer auseinander. Das liegt auch daran, dass die fantastischen Drei im Sturm, der Brasilianer Neymar, der Franzose Kylian Mbappé und der Argentinier Angel Di Maria, nur sehr ungern hinten aushelfen. Der Damm in der Mitte? Er verkommt so zum jämmerlichen Mäuerchen. Auch Leandro Paredes, der Verrattis Fehlen mit seiner Kraft ein wenig kompensieren könnte, wird nicht nach München fahren, er ist gesperrt. Und so muss Trainer Mauricio Pochettino neben dem Senegalesen Idrissa Gueye entweder den Basken Ander Herrera, den Deutschen Julian Draxler oder den Brasilianer Rafinha aufbieten. Von den dreien scheint er allerdings nicht allzu viel zu halten, wenn man ihre Spielminuten seit Januar studiert. Oder es kommt Danilo, früher FC Porto, doch der hat eine irritierte Wade.

In Paris fragt man sich, ob Pochettino vielleicht sogar über seinen Schatten springen könnte und Innenverteidiger Marquinhos, den Kapitän, ins Mittelfeld zu verschiebt, wie das sein Vorgänger Thomas Tuchel jeweils tat - und dafür kritisiert wurde. Die Sportzeitung L'Équipe jedenfalls findet, dass gegen den "Giganten" Europas, den Finalgegner vom Sommer 2020 in Lissabon, gegen die Bayern eben, ein anderes Paris nötig sei als gegen Lille. "So weit entfernt von München", titelte das Blatt, und das war nicht geografisch gemeint.

Ein dummer Rempler, ein Gerangel, Gelb-Rot für beide

Auch ein anderer Neymar wäre dann gut. Dem gelangen zu Beginn zwar zwei, drei hübsche Dinge, aber nichts Zählbares, nichts Durchschlagendes, nichts aus der Kategorie "teuerster Transfer der Fußballgeschichte". So wurde er zusehends nervös, spielte den Ball kaum mehr ab, auch wenn er von drei Gegnern zugleich bedrängt wurde. Auch mal unsanft.

In der 48. Minute legte Neymar sich mit Mittelfeldspieler Benjamin André an, Nase an Nase, scheinbar bereit zum Kopfstoß. Es gab nur Gelb, und Neymar trat im Gemenge noch ein bisschen nach. In der 91. Minute stieß er Lilles Verteidiger Tiago Djaló um, der sich den Ball im Seitenaus nahm, um etwas Zeit zu schinden. Ein dummer Rempler, ein Gerangel, Gelb-Rot für beide. Auf dem Weg zu den Kabinen musste man sie mit Macht auseinanderhalten, sie hätten sich sonst geprügelt. Neymar hat in dieser Saison erst zwölf Meisterschaftsspiele absolviert - und flog dabei schon zwei Mal vom Platz, auch ein Rekord.

PSG ist jetzt Zweiter, drei Punkte hinter Lille und einen Punkt vor dem erstaunlich starken AS Monaco. Verloren ist noch nichts, es bleiben sieben Spieltage. Aber die Lage ist einigermaßen prekär, zumal für das Pariser Selbstverständnis. Zwei Auszüge aus der Statistik: Paris hat in dieser Saison schon acht Mal verloren, so oft wie seit zehn Jahren nicht mehr in einer Spielzeit. Und: Gegen die Titelkonkurrenten Lille, Monaco und Lyon gewann man von möglichen 18 Punkten gerade mal vier. Paris ist auch von Paris gerade ziemlich weit entfernt.

© SZ/hoe/klef/ska
Zur SZ-Startseite
Bundesliga: Thomas Müller jubelt beim Spiel RB Leipzig gegen den FC Bayern

FC Bayern
:Das Vermächtnis der Kaiserzeit

Warum gewinnt der FC Bayern immer die wichtigen Spiele? Es hat mit einer klubinternen Erfolgskultur zu tun, die man als Gegner nicht erklären, aber fühlen kann.

Lesen Sie mehr zum Thema

Süddeutsche Zeitung
  • Twitter-Seite der SZ
  • Facebook-Seite der SZ
  • Instagram-Seite der SZ
  • Mediadaten
  • Newsletter
  • Eilmeldungen
  • RSS
  • Apps
  • Jobs
  • Datenschutz
  • Kontakt und Impressum
  • AGB