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Chelsea-Trainer Tuchel:Begrüßung im englischen Alltag

Sport Bilder des Tages Thomas Tuchel Manager of Chelsea during the Premier League behind closed doors match between Chel

Muss in England erstmals eine Niederlage moderieren: Chelsea-Coach Thomas Tuchel.

(Foto: Vince Mignott /Prime Media Images/Imago)

2:5 gegen einen Abstiegskandidaten, Zoff im Training: Die Stimmung beim FC Chelsea ist vor dem Champions-League-Viertelfinale gegen Porto plötzlich ausbaufähig - Trainer Thomas Tuchel muss sich Kritik anhören.

Von Sebastian Fischer

Es ist nicht so, dass Thomas Tuchel solche Erlebnisse im Verlauf seiner Trainerkarriere bisher erspart geblieben sind. Als Favorit gegen einen Abstiegskandidaten zu verlieren, das ist ihm auch in seiner letzten Saison als Coach von Borussia Dortmund hier und da passiert, 1:2 in Darmstadt zum Beispiel im Februar 2017, BVB-Fans werden sich erinnern. Den Unterschied musste er sich nun in einer spitzfindigen Bemerkung von Joe Cole anhören, ehemaliger Spieler des von Tuchel trainierten FC Chelsea und inzwischen TV-Experte.

Cole merkte nach Chelseas 2:5 gegen den Tabellen-Vorletzten West Bromwich Albion an: "Das ist nicht die Bundesliga. Das hier ist die Premier League." Und, nun ja, damit hatte er natürlich Recht.

Tuchel, 47, ist jetzt seit etwas mehr als zwei Monaten Chelsea-Trainer, und ausgerechnet vor dem Hinspiel im Champions-League-Viertelfinale beim FC Porto am Mittwoch muss er sich erstmals deutliche Kritik anhören. Als "eine Lektion" für den Trainer, bewertete Cole die Niederlage. "Ein lauter Weckruf für uns alle, auch für mich", sagte Tuchel selbst. Seine Mannschaft sei "eingerostet" und "schlampig" aufgetreten. Alles, was schiefgehen konnte, sei schiefgegangen.

Gerade noch wurde Tuchel als Trainer des Monats ausgezeichnet

Vor der Partie am Samstag war das Lob für ihn groß gewesen, und das mit guter Begründung. Nur zwei Gegentore und keine Niederlage in wettbewerbsübergreifend 14 Spielen hatte Chelsea unter ihm kassiert. Die Mannschaft, die er auf Tabellenplatz neun nach der Entlassung seines Vorgängers Frank Lampard übernommen hatte, war wieder auf dem Champions-League-Qualifikationsplatz vier angelangt. Tuchel war deshalb als Trainer des Monats März ausgezeichnet worden. "Sehr ungewöhnlich", nannte er das, schließlich gibt es eine solche Auszeichnung weder in Frankreich, wo er Paris Saint-Germain trainierte, noch in Deutschland. Er halte nichts von persönlichen Auszeichnungen, bemerkte er, aber es sei der "Beweis, dass wir es gut gemacht haben".

Nun sind die Leistungen der Vorwochen nach einer Niederlage natürlich keinesfalls hinfällig. Vielmehr darf man die Partie wohl zunächst noch als Ausnahme einordnen. Sie war geprägt von einer frühen gelb-roten Karte für den nach Verletzungspause genesenen Abwehrspieler Thiago Silva nach 29 Minuten, danach verspielte Chelsea eine 1:0-Führung noch vor der Pause, in der Nachspielzeit der ersten Hälfte traf zweimal der frühere Nürnberger Matheus Pereira. Dann entwickelte sich das Spiel zu einer Art verspäteten Begrüßung für Tuchel im Premier-League-Alltag, der auch mal ungemütlich sein kann: Sein Gegenüber, West-Broms Coach und Liga-Urgestein Sam Allardyce, ist bekannt dafür, mit Außenseiter-Taktik Favoriten zu ärgern.

Es passte dann vorzüglich in die Interpretation, es herrsche nun angespannte Stimmung bei Chelsea, dass es tags darauf zu einer Auseinandersetzung im Training kam, von der zunächst die Zeitung Telegraph und danach mehrere Medien berichteten: Der deutsche Nationalspieler Antonio Rüdiger soll mit Ersatztorwart Kepa aneinandergeraten sein, weshalb Tuchel Rüdiger angeblich in die Kabine schickte. Später soll sich der Verteidiger entschuldigt haben.

Weitaus besser als anhand von Nickligkeiten im Training dürfte sich die Gesamtsituation beim FC Chelsea allerdings nach der Partie in Porto beurteilen lassen. "Wir dürfen jetzt nicht die Köpfe hängen lassen und das Vertrauen in diese Spieler verlieren", sagte Tuchel. Dabei könnte er auch an Timo Werner gedacht haben, den er gegen West Bromwich wie zuvor angekündigt von Beginn an aufgestellt hatte - drei Tage, nachdem der Stürmer auf ikonische Weise im Einsatz für die Nationalelf beim 1:2 gegen Nordmazedonien eine Großchance zum möglichen 2:1 für Deutschland ausgelassen hatte. Am Samstag hatte Werner wieder eine ausgezeichnete Gelegenheit, schoss aber nicht selbst, sondern legte seinem Kollegen Mason Mount einen Treffer auf. Es war, immerhin, sein erster Scorer-Punkt seit einer Vorlage im Champions-League-Achtelfinale gegen Atlético Madrid.

© SZ/ebc/and
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