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FC Bayern:Das Vermächtnis der Kaiserzeit

Bundesliga: Thomas Müller jubelt beim Spiel RB Leipzig gegen den FC Bayern

Immer weiter, immer mehr: Thomas Müller wird für seine grenzenlose Gier belohnt.

(Foto: Annegret Hilse/Pool via Reuters)

Warum gewinnt der FC Bayern immer die wichtigen Spiele? Es hat mit einer klubinternen Erfolgskultur zu tun, die man als Gegner nicht erklären, aber fühlen kann.

Von Christof Kneer

In der 52. Spielminute fällt das Tor für Leipzig - nicht. Der Spanier Dani Olmo steht vielversprechend im Münchner Strafraum, der Ball ist so freundlich, ihm abgefälscht vor die Füße zu fallen, Olmo sieht das Toreck einladend leuchten. Er hat sogar ein bisschen Zeit, er zielt genau, und es sieht sehr elegant aus, wie er den Ball dann knapp an Manuel Neuers Tor vorbeizirkelt.

In der 38. Spielminute fällt das Tor für den FC Bayern. Thomas Müller sprintet in die Tiefe, Joshua Kimmich sieht das und hält es offenbar für eine gute Idee. Millimetergenau berechnet sein Navigationssystem den Punkt, an dem Müller gleich auftauchen wird, er spielt den Ball genau dorthin. Müller schlägt einen dieser geschmeidigen Haken, die er eigentlich gar nicht kann und spielt den Ball nach innen, Leon Goretzka rauscht von hinten heran, vermutlich gelenkt vom selben Navigationsgerät, das auch der Kollege Kimmich benutzt. In der Nähe des Punktes, an dem Olmo später stehen wird, kommt der Ball zu Goretzka, er schmettert ihn unter die Latte. Ob das elegant aussieht, ist Goretzka auf beeindruckende Weise egal. Er will dieses Tor, und er bekommt es auch.

Es ist nicht ungewöhnlich, dass sich Fußballspiele in der Nacherzählung auf ein paar Szenen verdichten lassen, aber diese zwei Szenen aus dem Spitzenspiel des Wochenendes können noch mehr. Sie erzählen eine größere Geschichte, eine, die viel weiter zurückreicht als nur eine Saison. Es gibt keinen Datendienstleister, der diese Werte ermitteln kann, in diesen beiden Szenen steckt etwas, was sich nicht messen lässt. Es sind Momente für alle Sinne. Man kann sehen, riechen, schmecken und fühlen, was der Unterschied ist zwischen den Torchancen aus der 38. und 52. Minute.

"Finale können wir", sagt Flick zu seiner Mannschaft

Hansi Flick hat später erzählt, er habe die Mannschaft mit einem einfachen Spruch ins Spiel geschickt: "Finale können wir." Vor ein paar Monaten haben sie gemeinsam ein sehr großes Finale gegen Paris Saint-Germain gewonnen, und auch dieses deutlich kleinere Endspiel gegen Leipzig endete so, wie es die Leute, je nach Geschmacksrichtung, befürchtet oder erhofft oder, neutral formuliert, erwartet hatten. Am Ende siegen immer die Bayern? So lautete das Originalzitat des Engländers Gary Lineker zwar nicht, aber so hätte es durchaus lauten können.

"Es war der kleine Unterschied, dass die Bayern aus einer Chance das Tor machen", sagte Leipzigs Marcel Sabitzer nach dem Spiel, das die Meisterschaft zugunsten des FC Bayern vorentschieden haben dürfte. Wahrscheinlich sagte Sabitzer das auch an die eigene Adresse. Wie Olmo, so vergab auch der Österreicher in Leipzigs bester Phase direkt nach der Pause zwei verheißungsvolle Möglichkeiten. Einmal führte er einen schicken Seitfallzieher vor, das andere Mal schoss er herzhaft aus der Distanz. Beim einen Mal flog der Ball vorbei und landete da neben dem Tor, wo kurz darauf auch Olmos Ball landen sollte. Beim anderen Mal mischte sich wettbewerbsverzerrend der Torwart des FC Bayern ein, der grausame Manuel Neuer lenkte den Ball über die Latte.

Natürlich hätte man auch nach dieser Partie wieder grundlegende Aufsätze zum Thema "Chancenverwertung" und "Mittelstürmer" verfassen können. Es war ja ohnehin das Thema der vergangenen Tage, ausgelöst durch die grob fahrlässige Chancenverwertung der deutschen Nationalelf, die bei ihren Chancen nicht mal Manuel Neuer überwinden muss. Ähnlich wie die DFB-Elf vermissen sie auch bei RB Leipzig einen Spieler, der den hohen Aufwand mit einer kleinen Stiefelspitze in den angemessenen Ertrag verwandelt. "Natürlich würde uns ein Stürmer helfen, der jede Saison 15 oder 16 Tore macht", sagte Trainer Julian Nagelsmann nach dem Spiel. Manchmal reichen sehr einfache Daten, um einen Unterschied kenntlich zu machen: Es komme "nicht von ungefähr", meinte Nagelsmann, dass die Bayern schon 31 Tore mehr erzielt hätten als seine Leipziger.

Noch ein Fakt zur Bebilderung dieses Unterschieds: In Leipzig trauern sie stark dem Stürmer Timo Werner nach, von dem sie in München nicht mal sicher waren, ob er sie überhaupt verstärken würde.

RB Leipzig - Bayern München

Nachgerade ekstatisch: Hansi Flick in Leipzig.

(Foto: Jan Woitas/dpa)

Aber dass die Bayern trotz vorübergehender Ermüdung, trotz einiger Corona-Fälle in dieser Saison und trotz der aktuellen Verletzungen und Sperren (Lewandowski, Boateng, Davies) schon wieder sieben Punkte Vorsprung besitzen, liegt weniger an einer akademischen Sturmthematik. Bei Bayern spielt immer die Wucht der Geschichte mit. Es ist jenes abstrakte Thema, dem sich aufgeklärte Zuschauer und gegnerische Trainer am liebsten verweigern würden, weil sie es nicht berechnen und nicht kontrollieren können. Der Fachintellekt wehrt sich ja gegen dieses Phänomen: dass es in einem Spiel im April 2021 eine Rolle spielen könnte, dass Gerd Müller in den Siebzigerjahren auch schon Tore für Bayern geschossen hat.

Aber was soll man machen, wenn es dieses Phänomen trotzdem gibt?

Natürlich finden sich eine Menge Vereine, die ihre ehemalige Größe in der Gegenwart konsequent ignorieren (hallo, HSV!), aber der FC Bayern hat es geschafft, die Erfolge von Generation zu Generation weiterzuvererben. Auch die Bayern sind zwischendurch mal verwirrt gewesen, sie haben Rudi Völler aus der Stadt gelassen, sie haben immer in Kaiserslautern verloren und Jürgen Klinsmann als Trainer verpflichtet, und in den Neunzigern hat Uli Hoeneß ein Jahrzehnt lang Weltklassestürmer gesucht und dabei meist nur Spieler wie Adolfo Valencia gefunden. Den "Entlauber" nannte ihn die Süddeutsche Zeitung, weil er im Training die Bälle immer in die umstehenden Bäume feuerte.

Den Duellanten in der Bundesliga geht meistens irgendwann die Luft aus

Dennoch haben die Bayern das Vermächtnis der Beckenbauer/Müller-Generation genutzt, um eine hausinterne Erfolgskultur zu entwickeln, der man in vager Überhöhung Begrifflichkeiten wie "mia san mia", "Bayern-Gen" oder "Bayern-DNA" zugeordnet hat. Tatsächlich haben die Münchner ihre Sinne in jahrzehntelangen Duellen gehärtet und geschärft. Mal war der HSV der Rivale, mal Köln, mal Bremen, mal Dortmund, jetzt vielleicht Leipzig. Den Duellanten ist meistens irgendwann die Luft ausgegangen, auch weil die Bayern das erwirtschaftete Geld immer wieder genutzt haben, um den Rivalen die besten Leute wegzuholen. Gleichzeitig haben die Bayern ein beachtliches Gespür dafür entwickelt, welche neuen Spieler das Mia-san-mia-Gen in die Zukunft tragen könnten. So kamen immer wieder furchterregende Siegertypen in die Stadt, Matthäus und Effenberg, die Torhüter Kahn und Neuer, zuletzt Joshua Kimmich, der die Hauskultur im aktuellen Team gemeinsam mit Neuer und Thomas Müller verkörpert.

Nein, Meister sei man jetzt noch nicht, sagte Hansi Flick nach dem 1:0, aber man habe in Leipzig "ein Zeichen setzen" wollen. Wieder so ein abstrakter Begriff. Aber manchmal reicht es ja schon, wenn die Gegner sich vor diesen Zeichen fürchten.

© SZ/fse/and
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