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Marco Reus:Vielleicht doch einer für die wichtigen Spiele

RB Leipzig v Borussia Dortmund - DFB Cup Final 2021

Ein Kuss für den Pokal - und jetzt zur EM? Dortmunds Marco Reus.

(Foto: Martin Rose/Getty Images)

Marco Reus ist ein exzellenter Fußballer, aber manche sagen: Wenn's drauf ankommt, ist von ihm nichts zu sehen. Warum er diesmal trotzdem mit zur EM fahren könnte.

Kommentar von Philipp Selldorf

Die Länderspielkarriere des Marco Reus wirft so viele Ungewissheiten auf, dass sie sich ausgezeichnet für eine dieser 97 vergnügten Quiz-Shows im Vorabend- und Regionalprogramm eignen würde, die meistens von Alexander Bommes moderiert werden. Bommes würde dann unter anderem fragen, wie oft Reus sein Debüt wegen Verletzungen, Erkältungen oder Unwohlsein verschieben musste, und wie viel Zeit von der ersten Nominierung bis zum ersten Einsatz verging. Aber das sind nur die billigen Fragen. Es ist ja überall bekannt, dass er im Mai 2010 erstmals eingeladen wurde und erstmals absagte, und dass dieses Programm so lang anhielt, bis er 17 Monate später tatsächlich ein Länderspiel machte.

Bommes' Königsrätsel wäre hingegen folgende Frage: Hat Marco Reus 2018 an der Weltmeisterschaft in Russland teilgenommen?

Nach Angaben unbestechlicher Experten lautet die überraschende Antwort: Ja, er war dabei, und offenbar in einem Maße, dass die Welt damals mitten im Turnier eine gewaltige Schlagzeile fabrizierte: "Als Rakete Reus zündet, hebt Deutschland ab".

Reus gewinnt keine wichtigen Spiele - so lautet das allgemeine Urteil

Bedauerlicherweise hat sich dieser Moment, in dem Reus ausnahmsweise in der Nationalelf gezündet hat, in einem Turnier ergeben, das hierzulande den gleichen Platz im Gedächtnis einnimmt wie die 52 vor Christus verlorene Schlacht von Alesia im Bewusstsein der tapferen Gallier (Quelle: "Asterix und der Arvernerschild"). Es kann zwar durchaus sein, dass Reus ein wichtiges Tor geschossen hat, aber man will es nicht mehr wissen, weil man von dem ganzen Turnier nichts mehr wissen will.

Eine weitere kaum zu beantwortende Frage wäre dann noch die nach Reus' jüngstem Auftritt mit der Nationalelf. Die Suche führt in jene Zeit, in der Bundestrainer Joachim Löw angeblich einen Umbruch seiner Besetzung plante. Dort, im Herbst 2019, verliert sich dann Reus' Spur, der Dortmunder Profi und das DFB-Team gingen getrennte Wege, und man schien sich gegenseitig nicht zu vermissen. Angehörige von Löws Stab vertraten nun relativ unverhohlen eine Meinung, die außer in den Weiten des Landes auch mitten in Dortmund geteilt wurde: dass Reus ein exzellenter Fußballer sei, aber ein Wettkämpfer mit überaus blasser Aura. Spätestens wenn's drauf ankäme, sei von ihm nichts zu sehen. Reus gewinnt keine wichtigen Spiele - so lautete das allgemeine Urteil.

Am Donnerstagabend jedoch war Jogi Löw höchstpersönlich zugegen, als Marco Reus sehr wesentlich dafür sorgte, dass Borussia Dortmund dem Herausforderer RB Leipzig eine Niederlage wie damals in Alesia bescherte, und womöglich hat dieser Abend den Bundestrainer nachdenklich werden lassen. Reus hatte schon in den vorigen Wochen sehr gut gespielt, der Auftritt in Berlin hatte allerdings eine andere Dimension als eine Bundesligapartie. Im TV-Interview bediente sich Löw dennoch der Techniken, die er früher schon bei Fällen wie Kevin Kuranyi oder Kevin Volland angewendet hatte: Er lobte den Spieler - aber gerade so viel, dass er keine Erwartungen weckte. Reus sei durchaus "auf dem Zettel", man habe ja "einen erweiterten Kader".

26 Spieler darf Löw zur EM mitnehmen, drei Spieler mehr als üblich. Das eröffnet außer Reus auch Mats Hummels eine neue Chance auf die Teilnahme am Turnier, denn durch die Regelung öffnet sich dieser EM-Kader gleich zweimal: Einerseits, weil Löw seinen letzten Einsatz unter das Motto "Nur das Ergebnis ist wichtig" gestellt hat, andererseits, weil der großzügige Modus es ermöglicht, plötzliche Formstärken von Spielern stärker zu berücksichtigen. Reus, der in Kürze 32 Jahre alt wird, macht es nämlich diesmal ganz anders als früher: Pünktlich zum Stichtag ist er gesund und in bester Verfassung. Ob das Quiz um den Nationalspieler Reus ein neues Kapitel erhält, enthüllt Löw am Mittwoch bei der Kadervorstellung.

© SZ/cca
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