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Hansi Flick zur Nationalelf?:Er ist so frei

Dienstag 15 07 2014 DFB Deutschland Nationalmannschaft Empfang der Weltmeister 2014 in Berlin am; Flick

Der aktuelle und sehr wahrscheinlich der nächste Bundestrainer: Joachim Löw (Mitte) und Hansi Flick (links) mit DFB-Sportdirektor Oliver Bierhoff bei der Feier nach dem WM-Sieg 2014 in Berlin.

(Foto: DeFodi/Imago)

Kaum ist Hansi Flicks Vertrag bei Bayern aufgelöst, bekundet der DFB Interesse. Bald könnte er als künftiger Bundestrainer feststehen - allerdings erwarten die Münchner eine Gegenleistung vom Verband.

Von Christof Kneer

Noch ist es nicht beschlossen, aber die Empfehlung ist bereits formuliert. Das Uefa-Komitee für Nationalmannschaften, von dem möglicherweise noch nie jemand etwas gehört hat, arbeitet zurzeit an einer Regelung, die es den Nationaltrainern erlauben würde, jeweils 26 Spieler zur Europameisterschaft mitzunehmen. Bislang war die Kadergröße stets auf 23 begrenzt, aber offenbar rechnen die Experten damit, dass einige Spieler doch etwas ramponiert in dieses Turnier hineinhumpeln werden. Der pausenlose Fußball dieser Corona-Spielzeit könnte ausgerechnet beim Saisonhöhepunkt seine Opfer fordern, und die größeren Aufgebote sollen den Trainern nun die Möglichkeit geben, eine Pandemie der Muskelverletzungen zu verhindern und die Belastungen besser auszusteuern. Für Joachim Löw könnte das durchaus praktisch sein, er müsste jetzt gar keinen jungen Spieler mehr daheim lassen, falls er sich entscheiden sollte, Thomas Müller einzuladen. Er könnte den Jungen nehmen und den Müller noch dazu.

Seit der Deutsche Fußball-Bund (DFB), von dem mit Sicherheit jeder schon mal gehört hat, am Dienstagabend eine amtliche Depesche absetzte, haben sich Thomas Müllers Perspektiven aber womöglich schon wieder verändert. "Es ist bekannt, dass Hansi Flick beim DFB eine große Wertschätzung genießt", ließ der DFB da offiziell wissen und bestätigte, "dass wir vor diesem Hintergrund nun auch Gespräche mit ihm und den Verantwortlichen des FC Bayern führen werden". Zum "weiteren Verfahren" werde man sich "aktuell nicht weiter äußern". Diese knappen Sätze waren der überraschend schnell veröffentlichte dritte Teil einer Trainertrilogie, die anfangs nur ein Zweiteiler zu sein schien.

Der FC Bayern München und RB Leipzig hatten am Morgen nahezu gleichzeitig ihre Kommuniqués herausgegeben, verkündet wurden der Wechsel des Leipziger Trainers Julian Nagelsmann nach München sowie die Auflösung des Vertrags mit Bayern-Trainer Hansi Flick. Dass der DFB sein längst tausendfach kolportiertes Interesse an Flick noch am selben Abend mit Brief und Siegel versah, durfte man fast schon wie die offizielle Begrüßung des neuen Bundestrainers lesen. Offenbar hält es längst keiner mehr für nötig, irgendwelche Schamfristen einzuhalten.

Warum auch? Flick ist jetzt frei und ansprechbar. Er war acht Jahre lang Jogi Löws Assistent, er ist mit ihm Weltmeister geworden, manche sagen, er habe Löw zum WM-Titel geführt. Und als sich das Trainerteam im Juli 2014 nach der Rückkehr aus Brasilien auf der Berliner Fanmeile feiern ließ, stand Flick dort Arm in Arm mit dem DFB-Manager Oliver Bierhoff. Das ist der, der jetzt den neuen Bundestrainer sucht.

Im Fall der Fälle könnte Flick seine FC-Bayern-Assistenten Miroslav Klose und Danny Röhl mit zum DFB nehmen

Für Thomas Müller könnte all das bedeuten, dass er vielleicht nicht nur bei der EM noch mal zum Nationalspieler wird. Hansi Flick ist ungefähr so sehr ein Thomas-Müller-Fan wie Thomas Müller ein Hansi-Flick-Fan ist; gut möglich, dass Flick seinen Müller dann wieder dauerhaft in eine FC-Bayern-Achse einbaut. Flick würde mit einem Wechsel zum DFB ja nur ein bisschen die Mannschaft wechseln, viele seiner Champions-League-Sieger würde er im anderen Trikot wiedertreffen. "Jetzt hoffe ich natürlich, dass wenn er im Sommer geht, er danach Trainer beim DFB wird", hat Joshua Kimmich kürzlich gesagt, als Flicks Abschied in München noch nicht vom Verein bestätigt war. Auch das ein Satz, der quasi schon offiziellen Charakter hatte: Im Grunde heißt das nichts anderes, als dass Flick von der Mannschaft ins Amt gerufen wird.

Nach allem, was zu hören ist, geht es in dieser weltbewegenden Frage also kaum mehr ums Wer, es geht eher ums Wie. So wird Flick sich etwa überlegen müssen, ob er im Fall der Fälle seine beiden Münchner Assistenten Miroslav Klose, 42, und Danny Röhl, 32, mit zum Verband nimmt; Klose ist von Juli an so frei wie Flick, aber Röhl ist noch bis 2023 an den FC Bayern gebunden. Auch könnte nun haarspalterisch über Kausalitäten diskutiert werden, zum Beispiel über die Frage, ob Flick die Bayern nur wegen der Nationalmannschaft verlässt oder ob ihm dieser Verein so die Laune verhagelt hat, dass er ohnehin im Sommer gegangen wäre. Flick denkt Letzteres.

Die Bayern sehen es in jedem Fall so, dass sie ihren Sechs-und-wahrscheinlich-bald-sieben-Titel-Trainer auf keinen Fall einfach so ziehen lassen wollen, sie begreifen die Vertragsauflösung als Entgegenkommen und haben eine mögliche Gegenleistung des Verbandes gedanklich schon mal eingepreist. Der DFB werde sich etwas einfallen lassen müssen, sagt ein bayerischer Klubfunktionär. Spekuliert wird unter anderem über ein Freundschaftsspiel zwischen den Bayern und der Nationalmannschaft, die Einnahmen würden dann den keinesfalls notleidenden Münchnern zugutekommen.

Nur mal so als Nebenbemerkung: Wie sie es in Leipzig wohl finden würden, wenn die Bayern so ein Spiel zur sicherlich besten Sendezeit nutzen würden, um indirekt den mehr als 20 Millionen Euro teuren Julian Nagelsmann mit zu finanzieren?

Zwar herrscht in der Bundestrainerfrage kein Zeitdruck, der Coach fürs anstehende Turnier ist bekannt und heißt Löw, und die Qualifikationsrunde für die WM 2022 in Katar wird erst am 2. September fortgesetzt. Dennoch erwarten die Experten, dass es nun schnell gehen könnte, viel schneller als geplant. Ursprünglich wollte Bierhoff dem DFB-Präsidium seinen Bundestrainervorschlag wohl rund ums EM-Turnier herum präsentieren, aber er müsste das dann ohne seinen mutmaßlichen neuen Trainer tun: Hansi Flick hat für Anfang Juni Urlaub geplant.

© SZ/fse/tbr
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