Tabellenführer Union Berlin:Aufopferung im Überfluss

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Tabellenführer Union Berlin: Unions Erfolgsstürmer: Sheraldo Becker kommt in sieben Saisonspielen schon auf sieben Treffer.

Unions Erfolgsstürmer: Sheraldo Becker kommt in sieben Saisonspielen schon auf sieben Treffer.

(Foto: Fabrizio Bensch/Reuters)

Bei der emotionalen Rückkehr des Krebspatienten Timo Baumgartl siegt Union gegen Wolfsburg und festigt Platz eins in der Bundesliga. VfL-Trainer Kovac geht auf Distanz zu seinem Team - und spricht eine Warnung aus.

Von Javier Cáceres, Berlin

Wer am Sonntagabend noch ein wenig durch den Osten Berlins stromerte, der hörte Lieder, die sich allmählich in die Gehörgänge der Hauptstadtmenschen legen wie Ohrenschmalz: "Deutscher Meister wird nur der FCU", sangen Menschen mit rot-weißen Schals nach dem 2:0-Sieg der Unioner gegen den VfL Wolfsburg. Die fröhlichen Chöre ertönen aus gutem Grund: Mit 17 Punkten grüßen die Köpenicker in der Tabelle nun auch während der Länderspielpause vom Platz an der Sonne, der große FC Bayern liegt - beinahe surreal - fünf Zähler zurück.

In solchen Momenten darf man auch mal über den Dingen stehen und schweben, und einer bei Union kann das im Moment aus sehr persönlichen Gründen: Verteidiger Timo Baumgartl, der Anfang Mai die Nachricht erhielt, dass er an Hodenkrebs erkrankt ist und sich in die Chemotherapie begeben musste. Er ist genesen zurück, freudestrahlend stand er gegen Wolfsburg auf dem Platz, und als er nach dem Sieg gefragt wurde, ob er das Gefühl habe, dass ihm nach gut 150 Tagen Rekonvaleszenz noch etwas fehle, zum Beispiel Fitness-Körner, da gab er eine entwaffnende Antwort: "Außer meinem zweiten Hoden, meinen Sie?"

Dieser demonstrativ humorvolle Umgang mit der eigenen Erkrankung passte ins Bild einer sehr aufgeräumten Berliner Mannschaft. Union fehlt es an gar nichts, mit den 17 Zählern hat das Team von Urs Fischer schon nahezu die Hälfte des Saisonziels "40 Punkte" erwirtschaftet. Dem Gegner hingegen fehlte es mal wieder an allem. Wolfsburgs Trainer Niko Kovac machte in seiner kritischen Analyse deutlich, dass es seinen Spielern - eine Woche nach dem kurzen Hochgefühl des Sieges in Frankfurt - erneut an all jenen Basistugenden gemangelt hatte, die Union Woche für Woche auf den Platz bringt. Während die Berliner also feierten, Baumgartl emotional umjubelt wurde und schon wieder bittersüße Scherze machte, rauschte die Stimmung beim VfL tief in den Keller.

"Im Notfall spiele ich selbst mit oder mein Bruder. Dann raucht das", sagt VfL-Trainer Niko Kovac

Ein Kernindikator, wie fit und gut drauf eine Mannschaft ist, ist stets ihre Laufleistung und die war bei Wolfsburg nur unwesentlich schlechter als bei Union (119:122 km). Doch Kovac präzisierte: "Das Wesentliche, was ich vermisse, ist Zweikampf. Zweikampf führen, Zweikampf gewinnen. 50:50-Bälle, die musst du haben." Dem fügte er einen Scherz hinzu, den seine Spieler durchaus ehrenrührig interpretieren könnten. Wolfsburg werde sich bessern, beteuerte der Coach: "Wir kriegen das hin" - allerdings: "Im Notfall spiele ich selbst mit oder mein Bruder. Dann raucht das." So kann man sich als Trainer auch vom eigenen Team distanzieren.

Tabellenführer Union Berlin: VfL-Trainer Nico Kovac hat gescherzt, dass er sich selbst auf den Platz stellt, sollte sich der Wolfsburger Fußball nicht bald verbessern.

VfL-Trainer Nico Kovac hat gescherzt, dass er sich selbst auf den Platz stellt, sollte sich der Wolfsburger Fußball nicht bald verbessern.

(Foto: John Macdougall/AFP)

Tatsächlich standen die Kovac-Brüder Niko und Robert zu aktiven Zeiten für sehr kernigen Fußball. Die Krux am Sonntag war: Die Statistiken der Partie wiesen ein Übergewicht an gewonnenen Zweikämpfen zugunsten der Wolfsburger aus. Dennoch brummte Kovac: "Fußball ist nicht nur Hacke, Spitze, eins, zwei, drei." Sondern fuße auf den "Basics", also: "Leidenschaft, Kameradschaft, Mentalität, Aufopferung." Derlei hat und bietet Union im Überfluss. Und der entscheidende Unterschied zu Wolfsburg ist: Die Berliner fühlen sich in der Rolle der Arbeiter viel wohler als der knapp drei Mal teurere Kader vom Mittellandkanal: "Uns gefällt es, zu verteidigen", betonte Kapitän Christopher Trimmel, 35.

Das Saisonziel Nicht-Abstieg will niemand bei Union korrigieren

Aber auch Unions Umgang mit dem Ball war besser. Die Tore von Jordan Siebatcheu (54. Minute) und Sheraldo Becker (77.) entsprangen, wie so oft, exzellent herausgespielten Kontern, die einen Teil ihrer Schönheit daraus bezogen, dass die Torschützen herausragend harmonieren - fußballerisch! "Der eine (Becker, Anm.) ist sehr, sehr schnell; der andere sichert die Bälle", erklärte Trimmel: "Im Endeffekt müssen nur die Bälle kommen, dann sind die beiden brandgefährlich." Becker kommt bereits auf sieben Saisontore, Zugang Siebatcheu auf drei. Trimmel meinte zwar, Union könne im Spiel mit Ball noch besser, noch geduldiger werden. Doch das war Klagen auf hohem Niveau - verglichen mit Wolfsburgern, bei denen allenfalls Restspuren von Kreativität auszumachen waren. Entsprechend düster sieht die Tabelle aus, der ambitionierte VfL ist Vorletzter.

Union Berlin dagegen ist alleiniger Spitzenreiter, der Meister 2023 wird voraussichtlich dennoch anders heißen. Der Blick auf die Tabelle sei Union "in Wahrheit egal", sagte Trimmel: "Uns geht's in erster Linie darum, wie wir's machen. Und wir machen's in letzter Zeit sehr, sehr gut." Das Saisonziel Nichtabstieg werde gewiss nicht nach oben korrigiert: "Ne! Des machen mer ned. Ham wir uns so geschworen und versprochen, das werden wir auch einhalten", erläuterte der Österreicher Trimmel.

Und auch das ist ein Geheimnis des Erfolges von Union: Dass sie wissen, wo sie stehen, und wo ihr Horizont liegt - stets am Ende der jeweils nächsten 90 Minuten. Es gab Mannschaften, die kamen damit sehr, sehr weit.

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