Bayer Leverkusen:Fröhliches Gewinnen war gestern

Bayer Leverkusen: Leverkusens Jeremie Frimpong vergab gleich drei Chancen.

Leverkusens Jeremie Frimpong vergab gleich drei Chancen.

(Foto: Lars Baron/Getty Images)

Den Titel im Blick, den FC Bayern in Nacken: Erstmals seit Langem ist im Spiel von Tabellenführer Leverkusen auch Verbissenheit und Mühsal zu spüren. Ein Wintertransfer soll nun helfen.

Von Philipp Selldorf, Leverkusen

Bilder eines klassischen Fußballdramas ergaben sich in den letzten Minuten der Partie zwischen Bayer Leverkusen und Borussia Mönchengladbach. Während die einen hektisch und überspannt nachzuholen versuchten, was sie anderthalb Stunden versäumt hatten, suchten sich die anderen mit einem Befreiungsschlag nach dem nächsten zu retten. Bis zum Moment der letzten Verzweiflungstat: Robert Andrich nahm sich auf Seite der Leverkusener der Aufgabe an - und verfehlte das Ziel um circa 100 Höhenmeter. Es folgten die typischen Szenen der Resignation: zu Boden sinkende Bayer-Profis, Fassungslosigkeit, leere Blicke, Josip Stanisic, der sein Gesicht unter dem eigenen Trikot verbarg. War's das mit den Träumen von der Meisterschaft?

Bestimmt wird nach dem 0:0 gegen die Borussia, dem ersten Bayer-Spiel der Saison ohne Torerfolg, an diesem oder jenem Ort steil darüber räsoniert werden, dass die Leverkusener wachsenden Erfolgsdruck spüren könnten oder die Gegner inzwischen Methoden der Gegenwehr entwickelt hätten - immerhin gelangen die beiden Auswärtssiege in Augsburg und Leipzig auch erst durch Tore in der Nachspielzeit. In Wahrheit lieferte aber das torlose Treffen am Samstagabend weder für die eine noch für die andere These Indizien, keinem noch so miesen Tatort-Kommissar würden die Anhaltspunkte zum Verdacht genügen.

Zu deutlich war der Unterschied zwischen den beiden Kontrahenten, was sich unter anderem in einem Torschussverhältnis von 27:4 äußerte. Selbst der Borussen-Trainer Gerardo Seoane meldete sich unaufgefordert als Entlastungszeuge. "Ich habe das Gefühl, dass Bayer Leverkusen extrem stabil ist", erklärte der Schweizer, der seine Elf gern für ihre disziplinierte Abwehrarbeit lobte, aber auch nicht versäumte, das "Spielglück" zu preisen, welches ihr zu Hilfe gekommen war.

Dennoch wurde im Laufe der zweiten Halbzeit spürbar, dass die Saison für Bayer 04 in eine andere Phase eingetreten ist: Fröhliches Gewinnen war gestern, jetzt ist jeder Sieg auch ein Pflichtsieg. Bis zur Pause blieb die Partie noch einigermaßen offen, die Hausherren hatten mit ihrem gewohnt opulenten Passspiel die Szene beherrscht und die gefährlicheren Angriffe platziert, mussten aber auch einige gelungene Konter der Borussia überstehen. Nach dem Wechsel änderte sich das Bild: Xabi Alonsos Team bekannte sich zum Drei-Punkte-Gebot, forcierte den Zugriff, ließ aber eine Handvoll erstklassiger Chancen aus - und verlor darüber die Linie.

Wirtz verzettelte sich in Dribblings, Grimaldo schlug Flanken aus dem Halbfeld

Immer noch tauschten Granit Xhaka und Kollegen Pässe in einer Menge aus, als bekämen sie jedes einzelne Zuspiel extra bezahlt, immer noch kamen sich die Borussen vor wie im Mittelalter - belagert von furchtbaren Horden. Doch es mischten sich jetzt Verbissenheit und Mühsal ins Bayer-Spiel: Florian Wirtz verzettelte sich in Dribblings, Grimaldo schlug Flanken aus dem Halbfeld, Rechtsaußen Jeremie Frimpong trug merklich die Last auf den Schultern, mindestens drei hochwertige Chancen vertan zu haben. Selbst das leere Tor wäre wohl an diesem Abend zu klein für ihn gewesen.

Mittelstürmer Patrik Schick stand übrigens auch auf dem Platz, zweimal hatte er exzellent per Kopf Konter eingeleitet, aber als Torjäger konnte er sich nicht profilieren. Er scheint nun in der zähen Phase angekommen zu sein, die bei einem Comeback nach langer Verletzungspause so viele Fußballer erdulden müssen, weshalb sich am Samstag der Blick auf die Tribüne richtete: Dort saß außer dem bis April verletzungshalber verhinderten und entsprechend missmutig dreinblickenden Angreifer Victor Boniface auch Borjas Iglesias, den Bayer am Abend als Neuerwerbung präsentierte.

Der Iglesias-Transfer geht eher nicht auf die Daten der gut strukturierten Leverkusener Scouting-Abteilung zurück

Der 31 Jahre alte Spanier, ehemaliger Nationalspieler, Spitzname "Panda", kommt vorerst leihweise von Betis Sevilla, wo er drei Jahre lang sehr regelmäßig getroffen hatte, zuletzt aber nicht mehr als Stammspieler eingesetzt wurde. Jonas Hofmann hätte den mit einem stattlichen Bart ausgestatteten Iglesias gern schon am Samstagabend an seiner Seite gesehen: "Wenn du am Schluss noch so einen recht bulligen Stürmer bringen und das Spiel ein bisschen ändern kannst, dann bringt dir das schon noch was."

Es ist ein Transfer, der eher nicht auf den Daten der gut strukturierten Leverkusener Scouting-Abteilung, sondern auf den kurzfristigen Bedürfnissen und der persönlichen Empfehlung des Trainers beruht. Xabi Alonso hat mit Iglesias einiges vor in den nächsten Wochen. Er soll einerseits Schick entlasten und andererseits Boniface ersetzen, dem er in seiner Spielweise ähnelt, und er soll dazu beitragen, dass Bayer 04 in der zweiten, besonders herausfordernden Saisonhälfte nicht wegen Verschleißerscheinungen im Kader in Schwierigkeiten gerät.

Die Enttäuschung des Gladbach-Spiels ließ sich Xabi Alonso nicht anmerken. "Heute war es das erste Mal, dass wir nicht getroffen haben, und vielleicht bleibt es nicht das letzte Mal. Aber wir bleiben ruhig, wir bleiben positiv", sprach der Trainer. Das Rennen um die großen Trophäen hat gerade erst begonnen, versucht sich Alonso im Bemühen um Gelassenheit einzureden: "Wenn ich jetzt schon nervös werden würde, wäre ich im Mai kaputt."

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