Hertha BSC im Abstiegskampf:Felix Magaths uralte Gebrauchsanweisung

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Hertha BSC im Abstiegskampf: Ein Mann gibt alles: Felix Magath coacht mit hohem Geschichtsbewusstsein.

Ein Mann gibt alles: Felix Magath coacht mit hohem Geschichtsbewusstsein.

(Foto: Straubmeier/Nordphoto/Imago)

Wer dem Hertha-Trainer bei der Arbeit zuschaut, der lernt, wie es früher so zuging in der Liga. Historisch mag das wertvoll sein - aber können die alten Methoden noch die Rettung bringen?

Kommentar von Christof Kneer

Huub Stevens hat schon vor einiger Zeit ausrichten lassen, dass ihn keiner mehr fragen muss. Er macht das nicht mehr. Ein Anruf bei Otto Rehhagel hätte auch keinen Sinn, er hat mit der Verwaltung seines Ruhmes genug zu tun. Auch Hans Meyer hat keine Zeit. Als Präsidiumsmitglied in Mönchengladbach ist er vollständig damit ausgelastet, mit seiner Borussia zu leiden. Wer bleibt noch? Peter Neururer? Christoph Daum?

Es wird die Verantwortlichen des VfB Stuttgart und von Arminia Bielefeld nicht stören, dass sie keinen dieser sog. Feuerwehrmänner mehr haben können. Die Sportchefs Sven Mislintat (Stuttgart) und Samir Arabi (Bielefeld) vertrauen auch weiterhin ihren Trainern Pellegrino Matarazzo und Frank Kramer, mindestens für die verbleibenden vier Spieltage, gewiss auch für eine mögliche Zusatzrunde in der Relegation. Und vielleicht, sollte es so weit kommen, sogar in der zweiten Liga.

Der Abstiegskampf der Bundesliga ist zu einer kleinen Zeitreise geworden. Es ist eine Geschichtsstunde für all jene, die ihre Kenntnisse über die Vergangenheit der Bundesliga dem Kicker-Almanach entnehmen müssen oder den Erzählungen verdächtiger Älterer, die behaupten, in der ARD-Sportschau seien früher nur drei Spiele übertragen worden. Es ist ausnahmsweise ein Verdienst der hippen Hauptstadt-Hertha, dass sie die alten Zeiten wieder sichtbar macht. So, liebe Kinder, wie dieser wunderliche Mann mit dieser wunderlichen Brille in Berlin den Abstiegskampf betreibt, so war es früher immer.

Stärke einen Führungsspieler! Rasiere einen Stammspieler!

Während die Trainer Matarazzo und Kramer sich um das sportwissenschaftlich korrekte Bespielen von Räumen und die Tiefensicherung bei Kontern sorgen, greift Felix Magath in Berlin zu jener uralten Gebrauchsanweisung, die einst im Notfallkoffer jedes Feuerwehrmanns steckte. Punkt eins: Stärke einen Führungsspieler! Für Kevin-Prince Boateng hat Magath sogar seinen Fitness-Fundamentalismus außer Kraft gesetzt und den 35-Jährigen mit jener Art von Prokura ausgestattet, die sich in signalhaftem Herumgebrüll sowie im Verüben aufrüttelnder Zweikämpfe äußert.

Punkt zwei: Rasiere einen Stammspieler! Den Stürmer Ishak Belfodil hat Magath vor dem Augsburg-Spiel aus dem Kader entfernt, angeblich wegen mangelnder Einsatzbereitschaft. Bedeutet: Passt bloß auf, ihr Profis, ich greife durch und nehme keine Rücksicht.

Punkt drei: Überrasche mit der Aufstellung! Gegen Union nominierte Magath hinterrücks den 18-jährigen Julian Eitschberger, den er selbst - vermutlich mangels Namenkenntnis - nur "unseren linken Verteidiger" nannte. Soll heißen: Der Kader ist in Bewegung, und ich honoriere Trainingsleistung! (Allerdings flog der arme linke Verteidiger nach 45-minütiger Spielleistung sofort wieder aus dem Team). Auch alle weiteren Punkte der Gebrauchsanweisung - u.a. mit Kritik & Lob abwechseln, die eigene Zukunft offen lassen, Taktik für Schickschnack halten - werden von Magath mit immensem Geschichtsbewusstsein abgearbeitet.

Ob es im Jahr 2022 noch funktionieren kann, eine Internatsgeneration von Fußballern mit den Methoden von früher zu retten? Am Sonntag empfangen Felix Magaths Berliner die Stuttgarter von Pellegrino Matarazzo, früher wäre das eines der drei Sportschau-Spiele gewesen. Heute überträgt das so ein moderner Streaming-Dienst.

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