Herthas Sieg in Augsburg:Küsschen für Magath

Lesezeit: 3 min

Herthas Sieg in Augsburg: Ein Mann gibt alles: Felix Magath coacht mit hohem Geschichtsbewusstsein.

Ein Mann gibt alles: Felix Magath coacht mit hohem Geschichtsbewusstsein.

(Foto: Michaela Rehle/Reuters)

Hertha BSC gelingt in Augsburg ein "lebensnotwendiger" Sieg im Abstiegskampf. Trainer Felix Magath sieht sein Team auf dem richtigen Weg - und lobt seinen neuen Zehner Kevin-Prince Boateng.

Von Maik Rosner, Augsburg

Am Ende lagen sich Felix Magath und Mark Fotheringham in den Armen. Wie schon zu Beginn der zweiten Halbzeit, als der Co-Trainer Fotheringham dem Chefcoach Magath sogar ein Küsschen auf die Wange gedrückt hatte. Spätestens bei diesen Ereignissen zeichnete sich ab, dass der Samstagnachmittag einen besonderen Verlauf für Hertha BSC nehmen könnte. Und auch nach ihrem 1:0 (0:0)-Sieg beim FC Augsburg wirkten die Berliner regelrecht beseelt von ihrem Erfolgserlebnis im Abstiegskampf, nur eine Woche nach der 1:4-Niederlage im Derby gegen Union.

"Wir haben heute ganz viel gewonnen", sagte Mittelfeldspieler Kevin-Prince Boateng und attestierte sich und seinen Kollegen "ein überragendes Spiel". Magath bezeichnete den ersten Auswärtssieg seit dem 2:1 am 16. Oktober 2021 bei Eintracht Frankfurt sogar als "lebensnotwendig". Gewonnen habe seine Mannschaft "auch aufgrund einer großartigen kämpferischen Leistung", lobte er: "Wir haben endlich mal das gezeigt, was man im Abstiegskampf bringen muss."

Ereignet hatten sich die seltenen Szenen Berliner Glückseligkeit samt Küsschen für Magath direkt nach Suat Serdars Hackentor, bei dem er den Ball auch noch per Doppeltunnel ins Tor von Augsburgs Keeper Rafal Gikiewicz geschickt hatte (49.). Durch den filigranen Treffer verbesserten sich die Berliner in der Tabelle auf Platz 15. Mit einiger Berechtigung dürfen sie nun sogar wieder auf die direkte Versetzung hoffen.

"Eine bittere und unnötige Niederlage", urteilt Augsburgs Trainer Weinzierl

Diese haben die Augsburger dagegen vorerst verpasst. Mit einem Sieg wäre ihre Rettung schon so gut wie sicher gewesen - so aber befinden sie sich bei ihren noch vier ausstehenden Spielen weiter mit in der Verlosung. "Es ist eine bittere und unnötige Niederlage. Es war in meinen Augen ein 0:0-Spiel", sagte Trainer Markus Weinzierl. Manager Stefan Reuter bezeichnete die Niederlage als "sehr enttäuschend" und "selbstverschuldet", weil die Mannschaft zu Beginn der zweiten Halbzeit um das Gegentor "gebettelt" habe.

Herthas Sieg in Augsburg: Herthas Torschütze Suat Serdar (links) jubelt mit Passgeber Marco Richter.

Herthas Torschütze Suat Serdar (links) jubelt mit Passgeber Marco Richter.

(Foto: Stefan Puchner/dpa)

Weinzierl hatte sich vor dem Spiel alle Mühe gegeben, der wichtigen Begegnung nicht noch eine zusätzliche Brisanz durch eine plakative Überschrift zu verleihen. Es sei "kein Endspiel", hatte er betont. Das galt zwar auch für die Hertha, trotzdem war hinterher von den nun "noch vier Finals" (Boateng) die Rede. Auch deshalb, weil die Agenda nun die Partien gegen die weiteren direkten Konkurrenten Stuttgart und Bielefeld bereithält.

Magath hatte versucht, seine Belegschaft mit einem Mannschaftsabend auf die wichtigsten Wochen der Saison einzustimmen. Es sei gut gespeist worden, berichtete Magath, zudem habe man sich am Mittwoch das Viertelfinal-Rückspiel der Champions League zwischen Atlético Madrid und Manchester City (0:0) angeschaut. Seine Spieler sollten sich dabei etwas "abgucken", hatte Magath gehofft. "Ich denke, man hat heute gesehen, dass wir damit auf den richtigen Weg gekommen sind. Das war endlich eine geschlossene Mannschaftsleistung", befand er nun.

Anschauungsunterricht in der Champions League - das war für den Abstiegskampf zumindest ein origineller Ansatz. Wie Manchester City traten die Berliner spielerisch nun zwar nicht auf - dafür hatten sie sich aber offenbar Atléticos Robustheit und Rauflust zum Vorbild genommen. Den ebenfalls lustvollen Zweikämpfern des FC Augsburg setzten sie so jene Wehrhaftigkeit entgegen, die sich Magath auch in den kommenden Wochen von seiner Mannschaft wünscht. Dass er Ishak Belfodil kurzfristig aus dem Kader gestrichen hatte, begründete der Trainer ebenfalls mit Einsatzbereitschaft. Der Angreifer sei nicht dabei, "weil er die Dinge eher spielerisch lösen will", sagte Magath.

Dafür durfte Boateng als Zehner Regie führen. "Er ist ein Spieler, der Verantwortung übernimmt, Selbstvertrauen hat und auf dem Feld organisiert, die Mitspieler führt. So eine Figur haben wir gebraucht", lobte Magath später. Zuvor hatte er Boateng als einzigen Führungsspieler im Kader bezeichnet. Nun gewann der 35-Jährige bei seinem ersten Startelfeinsatz seit dem 2. Oktober 86 Prozent seiner Zweikämpfe und schaffte es zudem, mit seiner Ruhe am Ball Ordnung ins Spiel der Hertha zu bringen.

Beim Siegtreffer lenkt Serdar den Ball hinter dem Standbein lässig ins Augsburger Tor

Die Angriffsbemühungen der Gäste gerieten zunächst allerdings überschaubar. Abgesehen von Peter Pekariks Dropkick wurde die Hertha nicht wirklich gefährlich in der ersten Halbzeit. Viel mehr brachte auch der FCA nicht zustande. Alfred Finnbogason verpasste die Führung, als er einen Volley aus kurzer Distanz nicht richtig traf. Zudem setzte Michael Gregoritsch einen Freistoß knapp über das Tor.

Zu Beginn der zweiten Halbzeit erinnerten sich die Berliner, dass sie am Mittwoch bei ihrem Mannschaftsabend auch Augenzeugen gehobener Spielkunst geworden waren. Mit Pressing eroberten sie den Ball, und als der ehemalige Augsburger Marco Richter nach innen passte, vollendete Serdar dort, als habe er in der Nacht auf Donnerstag heimlich noch stundenlang Videos von Rabah Madjer geschaut, der 1987 im Finale des Europapokals der Landesmeister für den FC Porto mit der Hacke gegen den FC Bayern getroffen hatte. Ähnlich lässig lenkte nun auch Serdar den Ball hinter seinem Standbein ins Augsburger Tor.

Weinzierls Mannschaft rannte nach dem Rückstand an und kam dem Ausgleich zumindest in zwei Szenen nahe, als Gregoritsch auf die Latte köpfte und Iago freistehend über das Tor schoss. Vor allem aber wehrte sich die Hertha mit so viel Leidenschaft, dass dies wohl auch von Atléticos Trainer und Zweikampfliebhaber Diego Simeone mit Beifall goutiert worden wäre. Magath jedenfalls lächelte nach dem Schlusspfiff zufrieden.

Zur SZ-Startseite

SZ PlusInterview mit Rudi Völler
:"Aus dem wird nie was, der hat zu dünne Beine"

Rudi Völler wird nach dem Ende dieser Saison nach 45 Jahren im Profifußball kürzertreten - Zeit für einen Streifzug durch eine Karriere. Ein Gespräch über Fehleinschätzungen und Abenteuer in Italien, ein Foul in München und Samstage im Fernsehen.

Lesen Sie mehr zum Thema