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Geisterspiele:"Wir alle haben als Kinder so angefangen"

Das Revierderby zwischen Dortmund und Schalke fand wie alle Spiele am Wochenende ohne Zuschauer statt.

(Foto: AFP)

Zum Start in die Geisterrestsaison vermittelt das Revier-Derby eine erstaunliche Erkenntnis: Ein Spiel kann sogar Spaß machen und gut sein, wenn niemand zuschaut.

Als seine Teamkollegen sich gerade den letzten Jux des Nachmittags mit der ganzen Corona-Chose machten und in halbwegs vorschriftsmäßiger Abstands-Formation zur berühmten La-Ola-Welle auf die noch berühmtere, menschenleere Südtribüne zu rannten, kauerte Julian Brandt groggy in seinem Sessel. Der befand sich in der Reihe jener Einzelsessel, die man früher als Ersatzbank kannte und die in Abstandszeiten nun zur längsten Ersatzbank der Welt angewachsen ist. Zum TV-Interview in der Fünf-Meter-Distanz zum Fragesteller konnte sich Dortmunds Mittelfeld-Regisseur dann aber doch wieder aufraffen: "Das war ein spontaner Entschluss, dass die Jungs das gemacht haben. Aber ich war ja ausgewechselt", erklärte Brandt: "Und ich war einfach zu fertig, kam nicht mehr hoch und nicht mehr hin."

Bis dahin aber war der erste Geister-Nachmittag für Brandt und seine Borussen bestens gelaufen. Klar, man weiß heutzutage nie, ob nicht irgendwo in ein paar Tagen ein Positivtest auftaucht und man dann alles ganz anders sieht. Aber an diesem Tag, nach über zwei Monaten Pause und sichtlich zu kurzem Vorbereitungstraining, lag endlich wieder der Duft von frisch gemähtem Gras in der Luft. Und Brandt war der Strippenzieher des Dortmunder 4:0-Triumphs gegen den Erzrivalen Schalke 04. Corona hin, Corona her: Es war der höchste Derbysieg für den BVB seit 1966, als Dortmund den ersten deutschen Europapokalsieg holte und BVB-Torjäger Lothar Emmerich dreimal beim 6:2 gegen die Gelsenkirchener traf. Damals sollen die Bierhähne in Dortmund übergelaufen sein. Diesmal mussten die nackten Zahlen genügen.

Die wichtigste Erkenntnis des ersten Fußballsamstags seit langem war aber eine andere als die Interpretation des chronisch überschätzten Derbysiegs. Sie lautete: Ein Fußballspiel bleibt ein Fußballspiel, auch ohne das oft überdrehte, hysterische Drumherum, ohne Fangesänge und Hasstiraden, ohne geklaute Vereinsfahnen des Gegners, ohne das Einpeitschen der Gladiatoren durch das Volk. Angenehm überrascht stellte man beim Selbstversuch fest: 22 großartige Fußballer - an diesem Tag waren die von Dortmund etwas großartiger - spielen auch dann noch ein tolles Spiel, wenn kaum einer zuguckt. BVB-Torwart Roman Bürki rief seinem Interviewer aus der Entfernung zu, was Kollege Brandt schon unter der Woche als Dortmunder Parole ausgegeben hatte: "Wir haben uns gesagt: Wir alle haben als Kinder so angefangen. Da gab es auch kaum Zuschauer, und man hat einfach aus Spaß an dem Spiel gespielt." Zurück zu den Wurzeln.

Irgendwie wirkte es so, als hätten sich die Dortmunder an ihren Kinderfußball besser erinnern können als die Schalker. Jedenfalls gab es da eine Spielfreude zu bestaunen, die man in normaler, überkochender Derbykulisse seit Jahren schmerzlich vermisst hatte. Wie Brandt zum Beispiel vor dem Dortmunder 1:0 Thorgan Hazard mit einem Hackentrick in Szene setzte, und der Belgier aus vollem Lauf Mittelstürmer Erling Haaland bediente: Fußball, wie aus dem Videospiel. Und man durfte sich fragen, ob es diese Szenen von jungenhafter Spiellaune auch in einem ganz normalen Derby gegeben hätte. Jedenfalls stand es 1:0. Und der Torjubel, den Haaland mit seinen auf Sicherheitsabstand verharrenden Kollegen vorführte, hatte alle Züge von Kabarett. Jungs, lasst uns Corona spielen!

Alles wie in der Zeit vor Corona: Erling Haaland (links) trifft mal wieder für Dortmund.

(Foto: Martin Meissner/AP)

Später zauberten die offenbar bestgelaunten Borussen noch drei weitere schöne Tore herbei, zweimal durch Raphael Guerreiro, einmal durch Thorgan Hazard. Und jedes mal war Julian Brandt beteiligt, wenn es klingelte - und das obligate "Olé, hier kommt der Be-Vau-Be!" aus den Stadion-Lautsprechern donnerte.

Die Gäste hatten diesen spielerischen Zugang zur Geisterspiel-Situation augenscheinlich nicht gefunden. Vor der langen Pause war Schalke schon außer Tritt, während Dortmund in der Rückrunde fast nur gewann. Franz Beckenbauer, der vor dem Wiederanpfiff der Saison natürlich auch befragt wurde, hatte eine Insider-Vorahnung erkennen lassen: Es werde die Stunde "der Trainings-Weltmeister" werden. Jeder kenne doch diese Typen, die im Training das Blaue vom Himmel spielen und dann am Samstag vor voller Kulisse vom Fußballer-Virus des Muffensausens befallen werden. Mahmoud Dahoud stellte sich als so einer heraus. Von ihm hört man seit Jahren, dass er fantastisch trainiere, im Spiel aber dem Druck der Tribüne nicht standhalte. An diesem Samstag machte er sein bisher bestes Spiel für Dortmund.

Vielleicht wird man noch so manches lernen aus der Geister-Saison. Vielleicht, dass der gerade in Dortmund und Schalke vielbeschworene zwölfte Mann auf der Tribüne viel weniger Einfluss hat, als er sich selber zuschreibt. Und sogar Spieler und Spiel hemmen kann, da die Emotionalität wichtiger wird als das Können. Man wird auch bald erkennen, wie viele Zuschauer tatsächlich Spaß am eigentlichen Fußballspiel haben - und Spielzüge, Laufwege und filigrane Technik verstehen wollen. Anderen werden die Farben, die Sprechchöre, wird das dauerwütende Skandieren fehlen, weil das für sie der Fußball ist.

Bundesliga - Borussia Dortmund v Schalke 04

Jubel in Zeiten von Corona: Thorgan Hazard (links) und Julian Brandt, zwei der besten Dortmunder gegen Schalke, nach dem 3:0.

(Foto: Reuters)

Lucien Favre konnte mit der Frage an diesem Nachmittag noch nichts anfangen, ob Geisterspiele ohne das Adrenalin der Tribünen die jeweils spielstärkere Mannschaft begünstigen würden -, weil der Kampfgeist sich zwar anfeuern lässt, das Gefühl im Fuß aber nicht. Und so wirkte Schalke nicht nur kollektiv verkrampft und aufgeschmissen ohne die Aufforderung zum Kampf, sondern auch einfach als die spielerisch unterlegene Mannschaft.

Die Bundesliga wird auch an anderen Stellen weiter lernen. Angesichts von inzwischen wieder gut gefüllten Restaurants und Geschäften wirkt manche Hygienemaßnahme im Geister-Stadion inzwischen schon wieder veraltet. Zutritt zum Stadion zum Beispiel gibt es erst nach einem Fiebertest. Und vollends putzig wird es, wenn sich zwar auf dem Spielfeld der Dortmunder Erling Haaland und der Schalker Jean-Clair Todibo aus zehn Zentimetern Nasendistanz ordentlich die Meinung über ihre weiblichen Verwandten zubrüllen, jeder ausgewechselte Spieler aber bei Verlassen des Rasens sofort wieder einen Mundschutz tragen muss.

© SZ vom 18.05.2020/schm
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