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Re-Start der Bundesliga:Der Fußball muss beweisen, dass ihm zu trauen ist

RB Leipzig - SC Freiburg

Neue Normalität: Yussuf Poulsen gibt ein Interview im Leipziger Stadion.

(Foto: Jan Woitas/dpa)

Als erste große Sportliga der Welt spielt die Bundesliga wieder. Daraus erwächst eine große Verantwortung: Alles, was angepfiffen wird, kann auch wieder abgepfiffen werden.

Die Bundesliga hat in den 57 Jahren ihres Bestehens so viele Bilder produziert, dass man mehrere Monate der Quarantäne bräuchte, um sie alle anzuschauen. Es gab Torhüter, die in Spielerhälse bissen (virologisch fragwürdig, wie man inzwischen ahnt), es gab Hunde, die in Spielerhintern zwickten, man sah fliegende Golfbälle, aufgeschlitzte Oberschenkel und aus dem Rasen gerissene Elfmeterpunkte.

Man war auch der Auffassung, jede weltweit denkbare Art von Jubel schon erlebt zu haben. Aber Torschützen, die allein auf dem Boden sitzen und sich selbst beklatschen? Die ihr Jubelgrinsen hinter gekreuzten Armen verstecken? Die nach Spielschluss die Eckfahne aus der Verankerung reißen, um jenen Jubel zu ironisieren, den sie im Moment des Torerfolgs noch unterlassen hatten? Solche Bilder gab es noch nie.

Ob der Fußball darf, was er da gerade tut, ob er mitten in der Pandemie weiterrollen darf - das wird sich nicht an der Kreativität der Bilder bemessen lassen, die er gerade liefert. Zumal ja auch Bilder dabei waren, die alle Skeptiker bestätigt haben: zum Beispiel Berliner Fußballer, deren Intimjubel glauben ließ, sie lebten in einem gemeinsamen Hausstand.

Das Scheitern ist in diesem Feldversuch immer inbegriffen

Wer dem Fußball gerecht werden will, sollte andere Bilder zu Rate ziehen, Bilder, die am selben Abend die Wohnzimmer erreichten. In der ARD stand die Moderatorin Barbara Schöneberger in der leeren Elbphilharmonie und präsentierte eine Light-Ausgabe des Eurovision Song Contest (ESC), parallel sendete Pro Sieben eine weitere ESC-Version. Dort stand, ebenfalls ohne Publikum, Conchita Wurst neben einer Plexiglasscheibe. Ist das so viel anders als der Fußballtrainer Christian Streich, der mit roter Maske Interviews gibt? Der ESC hat am Wochenende auch Geisterspiele ausgetragen. Und die Musiker hielten dabei auch nicht mehr als Hausstandsabstand.

Die Bundesliga und der ESC: Zu beobachten war der synchrone Versuch zweier gigantischer Unterhaltungsindustrien, zur besten Sendezeit wieder ins Geschäft zu kommen. Das Showgeschäft ist die Vergleichsgröße, an der man das Fußballexperiment messen muss. Jede Industrie hat das Recht auf Selbstrettung, und zulässig bleibt der Versuch, das Leben mit dem Virus zu lernen. Auch deshalb hat die Liga gerade ein Milliardenpublikum: Die internationale Sportwelt verfolgt mit Interesse, wie sich die Bundesliga schlägt bei ihrem Versuch, dem Virus alternative Bilder entgegenzusetzen - ein Versuch, den sich die Liga nur erlauben kann, weil sie in einem Land mit geringen Infektionszahlen zur Austragung kommt.

Die Bundesliga ist zum Vorbild geworden, daraus erwächst ihr eine erhebliche Verantwortung. Das Scheitern ist in diesem Feldversuch inbegriffen, die Spieler haben die Teamquarantäne wieder verlassen und sind ins ansteckende Leben zurückgekehrt. Der Fußball muss nun beweisen, ob ihm zu trauen ist, und wie glaubwürdig er ist, wird sich vor allem am Umgang mit Problemen zeigen: Sollten mehrere Teams in Quarantäne müssen, darf der Fußball das Experiment nicht gegen den gesunden Menschenverstand durchpauken. Sonst erledigt er freiwillig das Geschäft derer, die ihm ohnehin nur das Schlechteste unterstellen. Der Fußball muss sich bewusst bleiben, dass alles, was angepfiffen wurde, auch abgepfiffen werden kann. Dem ESC geht's da besser: Er hat seine Geisterspielsaison schon erfolgreich abgeschlossen.

© SZ vom 18.05.2020/schm
Mundo Deportivo Screenshot

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