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1. FC Köln:Eine Rettung entgegen allen Prognosen

Bundesliga Playoff - Second Leg - Holstein Kiel v FC Cologne

Friedhelm Funkel (2.v.re.): Noch eine Bierdusche vor dem Ruhestand

(Foto: Fabian Bimmer/Reuters)

Der 1. FC Köln schafft in einem furiosen Spiel gegen am Ende erschöpfte Kieler den Klassenerhalt. Trainerroutinier Friedhelm Funkel glückt damit eine fast aussichtslose Mission - zum Dank erwischt ihn gleich eine Bierdusche.

Von Thomas Hürner, Kiel

Die Relegation ist die maximale Zuspitzung, die der Fußball zu bieten hat. Nirgendwo sonst liegen die faszinierenden Komponenten dieses Sports so eng beieinander, das Gewinnen, das Verlieren, das unkalkulierbare Drama. Aberglaube und Omen können bei solchen Spielen zumindest ein bisschen Halt geben - dachte sich wohl der Stadionsprecher von Holstein Kiel, der sich vor der Partie gegen den 1. FC Köln zu einer ungewöhnlichen Durchsage hinreißen ließ: Ein Kaninchen oder ein Hase sei vorher über den Rasen gehüpft, so die über die Lautsprecher übermittelte Information. Ein gutes Zeichen?

Der Stadionsprecher hatte jedoch verschwiegen, welche Farbe das mutige Getier besaß. Wahrscheinlich handelte es sich um einen pechschwarzen Hasen, um einen felligen Propheten des Ungemachs, das später über die Kieler hereinbrechen sollte: Der Effzeh gewann mit 5:1 und hielt sich dadurch in der Erstklassigkeit - und das nach einer Leistung, die artverwandt mit einer Machtdemonstration war. Vor allem war dieser Sieg aber die Schöpfung jenes Mannes, der von der Kölner Delegation unmittelbar nach dem Schlusspfiff mit Bier übergossen wurde: Trainerroutinier Friedhelm Funkel, 67, der die Rheinländer entgegen alle Prognosen in einer sechswöchigen Mission tatsächlich noch zum Klassenverbleib leiten konnte. Er darf jetzt mit einem letzten Moment der Glückseligkeit in den Ruhestand gehen. "Wir wollten auf jeden Fall früh draufgehen, schnell in Führung gehen. Dass das so aufgeht, ist ein überragender Verdienst der Mannschaft. Ich bin vollkommen platt, aber glücklich", lautete Funkels Analyse.

Den Kielern wurden trotz der heftigen Pleite stehende Ovationen zuteil. 2 350 Zuschauer durften diesem Spiel beiwohnen, das für die Küstenstädter ein Historisches hätte werden können: Ein Unentschieden wäre nach dem 1:0-Hinspielsieg in Köln ausreichend gewesen, um als erstes Fußballteam aus dem Bundesland Schleswig-Holstein in die Bundesliga aufzusteigen. Nach einer Saison, in der das Team gleich mehrfach abgeschrieben worden war, nach zwei Team-Quarantänen und einem auf den letzten Metern der Zweitliga-Saison verzockten Gang in die Erstklassigkeit.

"Am Ende war es ein Wunder zu wenig", sagte Kiels Trainer Ole Werner tragisch-passend. "Wir sind auf der letzten Rille gegangen. Irgendwann verlässt dich dann die Kraft", meinte er. Kiel hatte wegen zwei Corona-Quarantänen zuletzt im Schnitt alle drei Tage ein Spiel und vergab den Aufstieg in die Bundesliga gegen Karlsruhe, Darmstadt und nun gegen Köln.

Funkel veränderte seine Mannschaft im Vergleich zum Hinspiel auf vier Positionen: Jannes Horn und Kingsley Ehizibue bildeten ein komplett neues Außenverteidiger-Duo, das gemeinsam mit dem ebenfalls in die Startelf gerückten Florian Kainz über die Flügel ein paar Druckwellen entfachen sollte. Im besten Falle galt es den zuletzt am Knie verletzten Mittelstürmer Sebastian Andersson zu bedienen, für dessen Einsatz "ein kleines Wunder" nötig gewesen war, wie Funkel noch vor ein paar Tagen orakelt hatte. Bei den Kielern gab es an vorderster Front hingegen eine kleine Hiobsbotschaft zu vermelden: Jenni Serra, der treffsicherste Angreifer und Fixpunkt im Spiel, stand aufgrund von Oberschenkelproblemen gar nicht erst im Kader.

Hector gewinnt dieses Mal das Kopfballduell

Die Partie startete jedenfalls mit einem Donnerschwall, wie ihn die Relegation in ihren Anfangsminuten vielleicht noch nie gesehen hat. Bereits nach drei Minuten jubelten die Kölner, weil sich Kapitän Jonas Hector nach einem Eckball höher schraubte als seine Gegner und den Ball per Kopf ins Netz legte. Ausgerechnet Hector, der im Hinspiel das entscheidenden Kopfballduell verloren hatte, aus dem schließlich der Kieler Siegtreffer resultierte. Und ausgerechnet jener Hector, der nach dieser Niederlage sichtlich pikiert vor der Kamera stand und einen Reporter anblaffte, was mancherorts als Zeichen der Nervosität interpretiert wurde.

Nur eine Minute nach dem Führungstor hätten die Kölner einen Grund gehabt, abermals aufgewühlt zu sein - Jae-Sung Lee traf im direkten Gegenzug zum 1:1, auch per Kopf. Doch die Gästeelf schlug zurück, mit der Routine eines Erstligisten und der stürmischen Wucht von jenem Mann, der fraglich gewesen war: Nach sechs Minuten stellte Andersson die erneute Führung für den Effzeh her, mit einem überlegten Kopfball gegen die Laufrichtung von Kiels Torwart Gelios. Bis dahin war also im Schnitt alle 120 Sekunden ein Tor gefallen, es war ein irrer Beginn mit einem auf beiden Seiten irren Tempo. Nach diesem Maßstab flachte die Partie deutlich ab, bis es in der 13. Minute wieder eine Neuerung auf der Anzeigetafel zu vermelden gab. Stürmer Andersson traf, natürlich, per Kopf - und spätestens jetzt dürfte sich im Rheinland der Glaube durchgesetzt haben, dass das "kleine Wunder", das es für den Einsatz des Schweden gebraucht hatte, auch das Fundament für den ersehnten Klassenverbleib sein könnte.

Kiel benötigte jetzt mindestens zwei Tore für ein Unentschieden, das Mindestresultat für das große Ziel. Angreifer Lee hatte auch noch eine gute Chance, womöglich hätte sich die Arithmetik der Partie durch einen präziseren Abschluss noch einmal verändert. Das Schicksal hielt aber noch eine weitere bittere Pointe für die Heimelf bereit: Rafael Czichos traf in der 39. Minute mit einem satten Volleyschuss zum 4:1. Es war nicht nur das erste Tor mit dem Fuß an diesem Abend und der Sargnagel für die Kieler Aufstiegsträume, sondern auch das Werk eines Spielers, der früher das himmelblaue Trikot der "Störche" getragen hatte.

Nach diesem Feuerwerk konnte die zweite Halbzeit nur vergleichsweise dröge werden, und so kam es dann auch. Die Kieler wirkten erschöpft, in den Köpfen und in den Beinen, wohingegen der FC nicht nur seinen Vorsprung verwaltete, sondern auch das gefährliche Team blieb. Ein letztes Aufbäumen, geschweige denn ein Wunder, blieben auf Kieler Seite aus. Aber es brauchte schon das 5:1 durch FC-Mann Ellyes Skhiri, ehe bei den Kölnern die ganze Erleichterung sichtbar wurde, die später in der Bierdusche für den Retter Funkel kulminieren sollte - und die Relegation gegenüber den Kielern ihr schlimmstes Gesicht gezeigt hatte.

© SZ/ska/schm
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