Deutsche Nationalmannschaft:Herr Löw? Sind Sie's?

Germany Seefeld Training Camp Day 2

Löw zwischen Niklas Süle (links) und Thomas Müller auf dem Trainingsplatz.

(Foto: Andreas Schaad/Getty Images)

Zu Beginn des Trainingslagers präsentiert sich der Bundestrainer so entschlossen wie lange nicht mehr. In seiner Antrittsvorlesung in Seefeld fordert er eine "Gewinnermentalität" - und deutet erste Entscheidungen an.

Von Christof Kneer

Das hätte Christoph Kramer wahrscheinlich auch nicht gedacht, dass er noch mal so zu Ehren kommt. Seine Karriere in der Nationalmannschaft beschränkte sich bisher auf zwei Höhepunkte, von denen er den einen vergessen hat (seinen Einsatz im WM-Finale 2014 inklusive Auswechslung nach Kopftreffer) und den anderen besser vergessen sollte (das Einstandslied, das er in Brasilien auf der Fähre singen musste). Kramers Zeit im Nationalteam ist längst beendet, aber immerhin hat ihn Joachim Löw nun offiziell zum Vorbild ernannt. Sieben Jahre nach der WM 2014 ist Christoph Kramer plötzlich eine Referenzgröße.

Niemand hat den Bundestrainer am Samstag nach der WM 2014 gefragt, er selbst hat sie immer wieder herbeizitiert. Kramer habe damals vom ersten bis zum letzten Trainingstag auf hohem Niveau trainiert, schwärmte Löw im DFB-Trainingslager im österreichischen Seefeld, und am Ende sei er dafür belohnt worden. Zwei Sätze zuvor hatte der Bundestrainer auch schon Miroslav Klose, Mario Götze und André Schürrle in die Debatte eingeführt, auch sie wurden hemmungslos für ihren Einsatz und ihre Solidarität gelobt. Sie seien damals oft Reservisten gewesen und hätten dann nach ihren Einwechslungen "das Tempo hochgehalten und entscheidende Dinge beigetragen", wie zum Beispiel - das sagte Löw nicht, meinte es aber - das Siegtor im WM-Finale.

Das sei "Gewinnermentalität!!!", sagte Löw und sprach drei Ausrufezeichen mit. Er sagte dieses Wort gleich mehrmals, es war der zentrale Begriff in seiner Antrittsvorlesung. Diese Mentalität müsse "in einer Mannschaft wachsen, die zu einem Turnier geht", sagte Löw, "und wir müssen hier jeden Tag nutzen, um diese Mentalität zu entwickeln."

Deutsche Nationalmannschaft: Gibt hässlichere Orte: Seefeld in Tirol zwischen Skisprungschanzen und schneebedeckten Alpengipfeln.

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(Foto: Matthias Schrader/AP)

Wer die Dimension dieser Sätze erfassen möchte, stelle sich einen offensiven Mittelfeldspieler vor, einen Künstler vielleicht, der in dem Ruf steht, oft einen Kringel zu viel zu drehen und gern auch mal den Fuß zurückzuziehen, wenn beim Gegner die bösen Jungs kommen und "hu!" schreien. Und dieser Künstler rennt jetzt also zurück in die eigene Hälfte und grätscht sogar mal, wenn das sein muss.

Er sei jetzt nicht plötzlich ein anderer Trainer, nur weil die EM sein letztes Turnier sei, hat Löw am Samstag auch gesagt - nein, ein anderer Trainer ist er nicht, aber er ist offenbar fest entschlossen, ein paar Seiten zu zeigen, die man schon länger nicht mehr an ihm gesehen hat. Kein Wunder, dass Löw immer wieder auf die WM 2014 zu sprechen kam: So, wie er damals drauf war, möchte er jetzt offenbar auch wieder drauf sein. In Brasilien hat er pragmatisch und straff gecoacht, er stand unter einer Körperspannung, die sich auf andere übertrug. In Seefeld sprach er nun über die drei Lektionen, die er sich fürs Trainingslager vorgenommen hat: Man wolle die offensiven Abläufe schulen, an der defensiven Kompaktheit arbeiten und "konsequent Standardsituationen" üben. Die Standards seien "total ausbaufähig" und würden "sicher ein Schwerpunkt werden".

Herr Löw? Sind Sie's wirklich?

Standardsituationen hat Löw viele Jahre nur deshalb als Teil des Spiels akzeptiert, weil sie aufgrund eines verirrten Regelwerks offenbar tatsächlich Teil des Spiels sind. Und die Defensive war ihm zwar auch immer wichtig, aber im Herzen trug er stets die Offensive, er wollte die Gegner am liebsten auf Samtpfötchen auseinanderkombinieren lassen, und am Ende sollten seine Spieler das Bällchen ins Törchen schubsen.

Löw deutet an, dass er in der Abwehr auf Hummels und Rüdiger setzt

An dieser Stelle die nächste Hörprobe aus Seefeld: "Wir müssen das Zweikampfverhalten angehen, das konsequente Agieren im eigenen Sechzehner. Wir müssen in der Defensive stabiler werden, das ist ganz klar." Nebenbei deutete Löw an, dass er in dieser Defensive Mats Hummels und Antonio Rüdiger eher vorne sieht als Matthias Ginter, Robin Koch oder den Rekonvaleszenten Niklas Süle. Rüdiger habe "bei uns zuletzt immer gespielt", sagte Löw, von Hummels (und Müller) erwarte er, dass sie "den Ton angeben".

Unabhängig davon ist Jogi Löw aaaabsolut fokussiert, wie Jogi Löw wohl sagen würde, auch wenn niemand wissen kann, wie lange den Bundestrainer diese Haltung trägt und ob er in engen Turnierspielen die richtigen Entscheidungen oder überhaupt Entscheidungen trifft. Aber er hat am Samstag glaubhaft den Eindruck vermittelt, dass das Turnier für ihn "mit dem ersten Trainingstag" (also: am vergangenen Freitag) beginnt; auch als Lehre aus der missratenen WM 2018, als im Trainingslager in Südtirol eine allerdings erst nachträglich diagnostizierte Selbstgefälligkeit um sich gegriffen hatte. Auch der Teamgeist war damals etwas angeschlagen, wie man heute weiß; die Reservisten klagten hinter vorgehaltener Hand über die Privilegien der Stammspieler.

Diesmal ist die Lage auf andere Art kurios: Löw weiß offenbar, was er will, aber er weiß im Moment nicht, mit wem. Toni Kroos ist weiterhin coronapositiv und befindet sich in Madrid in Quarantäne, Leon Goretzka wird nach einer Muskelverletzung am Dienstag in Seefeld erwartet, aber nicht gleich mit der Mannschaft trainieren können. Immerhin darf der Bundestrainer seit Sonntag darauf hoffen, dass er seine England-Profis am 3. Juni in Seefeld in Empfang nehmen darf - bis zum Samstag war noch völlig unklar gewesen, welche Einreise-Auflagen Ilkay Gündogan, Kai Havertz, Timo Werner und Antonio Rüdiger zu erfüllen haben, nachdem England von der deutschen Bundesregierung zum Virusvariantengebiet erklärt worden war.

Am Sonntag sind Havertz, Werner und Rüdiger zwar mit dem Tross des Champions-League-Sieger FC Chelsea von Porto nach London zurückgereist; weil sie sich dort aber nicht länger als 24 Stunden aufhielten, werde ihr Trip als Durchreise gewertet, teilte der Deutsche Fußball-Bund (DFB) mit. Damit hätte sie seit ihrer Ausreise aus England am 27. Mai das Virusvariantengebiet Großbritannien seit insgesamt zehn Tagen verlassen und müssten also nicht mehr in Quarantäne, wenn sie Deutschland gemeinsam mit der DFB-Delegation am 6. Juni wieder betreten. Das würde auch für Ilkay Gündogan (Manchester City) gelten. Fürs Camp in Seefeld hatten die österreichischen Behörden ohnehin bereits eine Ausnahme gemacht.

Oliver Bierhoff arbeite weiterhin "mit Nachdruck" an dem Problem, sagte Löw, der DFB-Direktor stehe weiterhin in Kontakt mit den zuständigen Behörden. "Ich bin der Hoffnung, dass wir das Problem lösen und die Spieler eine ganz normale EM spielen können", sagte Löw, er habe deshalb auch "keinen Plan B". Schade eigentlich. Er wird Christoph Kramer also eher nicht nachnominieren.

© SZ/schm/fse
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