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Brasilien vor dem Confed Cup:Eine Nation in Fußballschuhen

Brazil training

Trainer Scolari (li.) mit Neymar.

(Foto: dpa)

Ein weiser Trainer, zwei Triple-Sieger, viel ungestümes Talent: Brasilien muss sich beim Confed Cup in WM-Form bringen. Doch in der Mannschaft wie auch im ganzen Land läuft noch längst nicht alles rund.

Gibt es einen passenderen Ort als Brasília, das geografische Herz des Landes, die Stadt der Zukunft? Unter dem Motto "50 Jahre in fünf" hob Staatspräsident Juscelino Kubitschek hier vor 60 Jahren eine monumentale Retorte aus der rostroten Erde, rastlos und verschwenderisch. Und der Visionär Óscar Niemeyer schuf mit Bauwerken, die den Gesetzen von Statik und Schwerkraft trotzten, Architekturgeschichte.

Schon, weil hier so vieles in der Schwebe ist, empfiehlt sich Brasília für Felipe Scolaris Projekt "Zehn Jahre in einem", das seine Seleçao am Samstag im Stadion Mané Garrincha anstößt. Nur ein Jahr bleibt Brasiliens Fußballauswahl ja noch. Sie muss sich über einen großen Wurf beim Confederation Cup in Form für die WM 2014 bringen - und im Hauruckverfahren den Erneuerungsprozess vollziehen, auf den ihre Fans, die anspruchsvollsten der Welt, seit einem Jahrzehnt warten.

2002 errang die Seleçao ihren fünften und letzten WM-Titel. Damals, beim 2:0 über Deutschland, standen Ronaldo, Ronaldinho und Kollegen im Zenit ihrer Karrieren, danach passierte nicht mehr viel; 2006 und 2010 war im Viertelfinale Endstation. Ronaldo, der WM-Rekordtorschütze, ist heute das Gesicht des Organisationskomitees COL. Und auch Mitstreiter Ronaldinho ist in die Jahre gekommen, was allerdings nicht als Reifung auszulegen ist: Im Mai warf ihn Nationaltrainer Scolari aus dem Kader, nachdem er zu spät und von privaten Umtrieben gezeichnet zum Testspiel gegen Chile (2:2) aufgekreuzt war.

Felipao - der große Felipe, wie sie den WM-Trainer von 2002 nennen - schäumte, wie Monate zuvor, als ihn Rodrigues hinters Licht zu führen versuchte, der einen Seleçao-Termin schwänzte und hoffte, seine Geburtstagsparty in London bleibe unentdeckt. Weil auch Kaká eher alt als der Alte ist, hat Scolari, 64, nun keinen Spielgestalter mehr mit internationaler Erfahrung.

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Dante will den nächsten Titel

Sturm-Veteran Fred kämpft an vorderster Front, aber auch mit steten Muskelproblemen. Neben Hulk sind die Offensivkräfte Neymar, Lucas und Oscar vielversprechend, aber auch von jugendlicher Sprunghaftigkeit. Neymar, der designierte Nationalheld, darf nach dem Confed Cup zum FC Barcelona wechseln, um sich dort die europäische Spielstrenge anzueignen. Das zeigt die Dramatik: Bisher war ja der Plan, alle WM-Kandidaten im Lande unter enger Beobachtung zu halten.

Im Trainingscamp in Brasília unterstrich Neymar jetzt eine gewisse pennälerhafte Aufgeregtheit im Team. Er selbst trägt statt der Nummer 11 nun die 10, wirre Begründung: "Ich habe Rivaldo, Kaká und Robinho mit der 10 gesehen, Romario mit der 11, Ronaldo mit der 9." Im Grunde sei die Nummer nicht wichtig, dozierte der 21-jährige weiter, der nun trotzdem alles auf die 10 setzt.

Andererseits könnte das auch für neugefundenes Selbstvertrauen sprechen. Beim 3:0-Sieg vergangenen Sonntag über Frankreich will Scolari ja sein Grundgerüst gefunden haben. Stark ist die Defensive um Thiago Silva, in der Luiz Gustavo, anders als beim FC Bayern, viel fester verankert ist als Teamkollege Dante. Dank zweier starker Partien, in denen er als Ball- eroberer herausstach, rückte Luiz Gustavo ins Stammensemble, wo ihn Paulinho unterstützt - auch einer, der nicht mehr lange bei Corinthians spielen dürfte.

Weil aber Paulinho am stärksten hinter den Spitzen ist, bei der Wiedereröffnung des Maracanã-Stadions gegen England erzielte er das fürs nationale Grundbefinden essentielle 2:2, muss Scolari in der Defensive weiter jonglieren. Wer stopft die Löcher: David Luiz vom FC Chelsea oder Fernando, der gerade von Gremio Porto Alegre in die Ukraine wechselte?

Auch auf den Außenbahnen herrscht Handlungsbedarf. Dani Alves, Haudegen vom FC Barcelona, ist mittelprächtig in Form; anders Kollege Marcelo von Real Madrid, der aber ebenfalls klare Offensivstärken hat - beim 3:0 über Frankreich war er der Beste. Scolari indes ist einer, der auf eiserne Frondienste in der Defensive baut: Damit wurde er 2002 ebenso Weltmeister wie sein Sportdirektor, Carlos Alberto Parreira, 1994 bei der WM in den USA.