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Oliver Bierhoff beim DFB:"Jogi Löw ist der richtige Bundestrainer"

Bierhoff und Löw

Joachim Löw erhält Unterstützung von Oliver Bierhoff (links).

(Foto: Christian Charisius/dpa)

DFB-Direktor Oliver Bierhoff verteidigt den Entschluss gegen einen Trainerwechsel bei der Nationalmannschaft - er sehe sich aber nicht als Löws "Sprachrohr".

Von Philipp Selldorf

Nach dem 0:6 in Spanien sah sich Oliver Bierhoff als Manager der Fußball-Nationalmannschaft den selben erregten Fragen ausgesetzt, die auch seinen Kollegen in den Profiklubs immer wieder bei Misserfolg das Leben schwer machen: Wie lange er noch am Trainer festzuhalten gedenke? Wie lange der Präsident noch Geduld mit diesem Trainer habe? Ob es nach dieser nationalen Schande einfach so weitergehen dürfe? So lauteten die bekannten Fragen.

Den Vorteil aber, den er gegenüber den im Tagesgeschäft dauerpräsenten Vereinsmanagern besitzt, hat der Verbandsfunktionär Bierhoff seither in vollem Umfang ausgenutzt - er gab die Antworten einfach zweieinhalb Wochen später, am Freitag, auf einer Pressekonferenz nach der turnusmäßigen Sitzung des DFB-Präsidiums.

Ganz am Ende seiner anderthalb Stunden dauernden, buchstäblich erschöpfenden Erörterung sprach Bierhoff dann den Satz aus, an dem ihn die ungefähr 83 Millionen Bundestrainer in Deutschland nun messen dürfen: Er habe "absolut das Gefühl, dass Jogi Löw der richtige Bundestrainer ist". Dies gelte für die Europameisterschaft im kommenden Sommer - und vielleicht auch darüber hinaus: "Jogi hat einen Vertrag bis 2022, aber natürlich ist die EM ein weiterer Punkt, an dem man die Arbeit bewerten muss. Das ist normal, das weiß er, das haben wir so besprochen", berichtete Oliver Bierhoff.

In Abwesenheit des öffentlich vielfach in Zweifel gezogenen Bundestrainers hob der DFB-Direktor Bierhoff eingangs hervor, er sei weder das "Sprachrohr" des Betroffenen noch dessen "Anwalt". Was ihn anschließend aber nicht davon abhielt, wie der Strafverteidiger eines prominenten Delinquenten vor das Publikum zu treten. Munitioniert mit Datenanalysen, Tabellen und Statistiken hob Bierhoff die Errungenschaften des jüngsten Abschnitts der Ära Löw hervor.

Zwar habe der Coach in der Länderspielsaison 2020 die im Vorjahr erfolgreich begonnenen Umbauten der Nationalmannschaft "nicht vorantreiben können", aber unter den widrigen Voraussetzungen habe Löw dennoch "ein tolles Ergebnis erreicht", so Bierhoff. Der Verband habe im Sommer entschieden, dass es vor allem darauf ankomme, die geplanten Länderspiele auszutragen - und dabei den Abstieg aus der ersten Klasse der Nations League zu vermeiden. Dies sei beides gelungen. "Kontinuität war 2020 nicht möglich", betonte Bierhoff angesichts der Ausnahmesituation durch die Pandemie: "Ich habe meinen Frieden damit gemacht, dass wir in Anführungszeichen nur unser Ergebnis erreicht haben."

Der 50 Jahre alte Manager zeigte sowohl Verständnis für den Zorn der Fans nach der blamablen Niederlage wie auch für die Mannschaft, die das 0:6 von Sevilla zu verantworten hat. Natürlich sei "ganz Deutschland enttäuscht", sagte der Teammanager, dennoch sei jederzeit klar gewesen, dass "die Bewertung einer Entwicklung und eines Trainerstabes nicht an einem einzigen Spiel hängen kann".

Auch er habe sich nach dem Spiel die selben Fragen gestellt, die den Rest von Fußball-Deutschland bewegten: "Hören die Spieler nicht mehr auf Jogi?". Nein, beantwortete Bierhoff die Frage selbst: "Der Trend ist, dass sie ihm folgen. Ist die Mannschaft vielleicht ein Sauhaufen? Das kann ich absolut negieren. Das sind tolle Jungs, die alle gern bei uns sind und unbedingt Nationalspieler sein wollen."

Auch Untätigkeit im Amt während der Entstehung des spanischen Debakels will er Löw nicht nachsagen lassen. Die Fans mögen einen Trainer gesehen haben, der auf seiner Bank saß und nicht reagierte, sagte Bierhoff, aber er sei zur Pause in der Kabine gewesen und habe "einen Trainer gesehen, der nicht geweint, sondern umgestellt hat: Auf Manndeckung, auf ein System, das im September (gegen den gleichen Gegner) erfolgreich gewesen war." Diesmal allerdings verpufften die Maßnahmen.

Berichte über einen Streit zwischen DFB-Präsident Fritz Keller und dem Bundestrainer - unter anderem darüber, dass Löw die Unterstützung des Vorsitzenden vermisst haben soll -, wies Bierhoff zurück: "Es hat mich traurig gemacht und verärgert, dass viele Interna und auch Falsches nach außen getragen wurden. Dass man mal lauter diskutiert und unterschiedlicher Meinung ist, das ist nun mal so - uns wird ja immer vorgeworfen, dass wir immer gleicher Meinung wären. Von Streit kann aber keine Rede sein."

Zugleich klang an, dass Löw mit dem auffallend diskreten Krisenmanagement des Verbandes keineswegs zufrieden war: Der Bundestrainer wolle "das Vertrauen haben und nicht irgendwelche Geräusche drumherum", sagte Bierhoff. Auf der Sitzung des Präsidialausschusses am Montag, nach der Löws Verbleib im Amt bestätigt wurde, entwickelte sich aus dieser Stimmung eine Art Vertrauensfrage. Laut Augenzeuge Bierhoff hat Löw "deutlich gemacht: Wenn einer der Meinung ist, dass er nicht mehr der Bundestrainer ist, dann soll man das sagen. Damit hat er kein Problem, dafür ist er lang genug im Geschäft, dass er weiß, dass ein Trainer an Ergebnissen und am Vertrauen gemessen wird."

Offenbar haben weder Präsident Fritz Keller noch seine Stellvertreter Rainer Koch und Peter Peters die Hand gehoben. Einstweilen muss das Vertrauensbeweis genug sein.

© SZ/bek
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