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Löw und die Nationalelf:Ultimatum kurz vor Nikolaus

Deutschland - Tschechien

Hallo, hallo? Joachim Löw ist mitunter schwer zu ergründen als Bundestrainer.

(Foto: dpa)

Lothar Matthäus kommentiert den Zustand der DFB-Elf mit dem Klassiker: Löw erreicht die Mannschaft nicht mehr - dabei müsste es heißen: Erreicht eigentlich noch irgendjemand den Bundestrainer?

Kommentar von Christof Kneer

Lothar Matthäus hat am Wochenende einen Satz gesagt, von dem man sich einbildet, ihn schon mal gehört zu haben. Der Trainer, sagte Matthäus und meinte Jogi Löw, erreiche wohl die Mannschaft nicht mehr. Dieser Satz dürfte fast so alt wie die Bundesliga sein, und er drückt auf abstrakte Weise eine Erkenntnis aus, die man manchmal nicht konkreter beschreiben kann. Der Trainer erreicht die Mannschaft nicht mehr kann alles heißen: Dass der Trainer falsch aufstellt, dass er falsch einstellt, dass die Spieler nicht mehr auf ihn hören.

Man hört diesen Satz oft auf Schalke oder in Hamburg, in der Geschichte der Nationalmannschaft kam der Satz bislang eher selten vor. Und wenn man es sich genau überlegt, dann wirkt dieser Satz auch in der aktuellen Krisendebatte um die deutsche Nationalmannschaft deplatziert oder zumindest nicht ganz präzise.

Im Moment müsste der Satz ja eher lauten: Erreicht eigentlich irgendjemand noch Jogi Löw?

Angeblich erstellt der Bundestrainer gerade irgendwo eine Analyse, oder er lässt eine erstellen, am 4. Dezember soll Oliver Bierhoff die Analyse jedenfalls dem DFB-Präsidium vorstellen. So lautet der Sachstand am Wochenende, es ist ein Sachstand, der einem fast so bekannt vorkommt wie der Satz von dem Trainer, der sein Team nicht mehr erreicht.

Nach der beeindruckend verpfuschten WM 2018 hat sich Löw schon einmal zur Analyse gezwungen gesehen, und mit einem erstaunlich donnernden mea culpa ("das war arrogant") hat er sich damals einen weiteren Turnierzyklus gesichert. Aber was könnte diesmal der Impuls sein, mit dem der Bundestrainer die erforderliche Mischung aus Zerknirschung und Entschlossenheit zur Schau stellt? Das demonstrative Bekenntnis zum Weg mit jungen Spielern (ohne Thomas Müller, Jérôme Boateng und Mats Hummels)? Oder eher ein Bekenntnis zur Rückholaktion?

Man kann davon ausgehen, dass sie das Datum "4.12." beim DFB mit Bedacht gewählt haben. Am 7. Dezember werden die Qualifikationsgruppen für die WM 2022 ausgelost, und zu diesem Anlass würde sich der Verband sicher gerne von (s)einem Bundestrainer vertreten lassen. Zwar werden sich alle Beteiligten gegen diese Unterstellung wehren, aber sie werden nun damit leben müssen, dass der 4.12. wie ein Ultimatum kurz vor Nikolaus wirkt.

Verband und Trainer stehen jetzt unter Zugzwang: So werden in dieser Analyse wohl auch Entscheidungen erwartet, die eigentlich noch gar nicht entschieden gehören. Es gäbe ja gute Gründe, die Müller/Boateng/Hummels-Personalien bis ins Frühjahr zu vertagen, niemand braucht dieses Thema schon jetzt, unter normalen Umständen könnte Löw im Mai mit Blick auf Form und Fitness autonom entscheiden. Nun muss er zu unpassender Zeit Stellung beziehen - das zeigt, wie verfahren die Lage ist.

Das führt nun also zur Frage, wer Jogi Löw außer Jogi Löw noch erreicht, die Antwort kann vorläufig nur "Oliver Bierhoff" lauten. Der DFB-Direktor weiß, dass es sich das Land des Champions-League-Siegers eher nicht leisten sollte, eine EM als Aufbauturnierchen zu deklarieren und ein frühes Scheitern öffentlich einzukalkulieren. Bierhoff wird nun wie ein Liga-Manager abwägen müssen, ob er diesem Trainer dieses Turnier zutraut - falls nicht, sollte er Löw womöglich überzeugen, ein kritisches Selbstgespräch über die eigene Zukunft zu führen.

© SZ vom 23.11.2020/bek
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