Rücktritt von Denise Herrmann-Wick:Spitze in zwei Welten

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Rücktritt von Denise Herrmann-Wick: Zwei Karrieren im Langlauf und im Biathlon: Für Denise Herrmann-Wick ist erstmal Schluss mit dem Sport.

Zwei Karrieren im Langlauf und im Biathlon: Für Denise Herrmann-Wick ist erstmal Schluss mit dem Sport.

(Foto: Clive Rose/Getty Images)

Das deutsche Biathlon verliert seine nächste große Sportlerin: Denise Herrmann-Wick beendet nach der Saison ihre Karriere. In Erinnerung bleiben ihr Olympiasieg und neun WM-Medaillen - vor allem aber ihr Mut zu Veränderung.

Von Saskia Aleythe

Im Tierpark von Östersund ging Denise Herrmann-Wick in der vergangenen Woche noch einmal Elch Herrmann besuchen. 2019 wurde das Tier nach ihr benannt, es war eine Geste des damaligen WM-Gastgebers: In der kleinen Stadt in Mittelschweden hatte Herrmann-Wick ihren ersten großen Titel als Biathletin gewonnen. Gold in der Verfolgung, das war damals der Beweis, dass sie als ehemalige Langläuferin auch im Biathlon an der Spitze angekommen war. "Ich bin so froh, dass mir so etwas Großes gelungen ist", sagte Herrmann-Wick damals überwältigt. Nichtsahnend, was der Sport noch für sie bereit halten würde.

Nun schließt sich in Oslo der Kreis für die beste deutsche Biathletin: Die letzte Weltcup-Station in der Saison ist auch der letzte sportliche Auftritt der 34-Jährigen. "Oslo. Genau hier, an diesem speziellen Ort, soll mein langer Weg als Biathletin und Skilangläuferin jetzt ein Ende finden", schrieb Herrmann-Wick am Dienstagabend in den sozialen Medien. Am Holmenkollen hatte sie ihre erste Weltmeisterschaft erlebt, 2011 noch als Langläuferin. Sie gehe mit Wehmut, aber "in erster Linie mit voller Dankbarkeit für die vielen schönen und emotionalen Momente, die ich in beiden Sportarten erleben durfte". Nun wolle sie ein neues Kapitel aufschlagen. 2022 wurde Herrmann-Wick Olympiasiegerin im Einzel in Peking, dazu kamen Bronze mit der Staffel sowie neun WM-Medaillen.

Erst 2016 hatte Herrmann-Wick den Schritt zum Biathlon gewagt, da lag schon fast ein Sportlerleben hinter ihr: Mit zwölf Jahren war sie ins Sportinternat nach Oberwiesenthal gegangen und wurde Langläuferin. Im Alter von 18 Jahren wurde sie positiv auf Clenbuterol getestet, sie führte das auf die Einnahme eines Hustensafts zurück, es gab ein Jahr Sperre. 2014 bei Olympia in Sotschi schaffte sie mit Staffel-Bronze ihren größten Erfolg als Langläuferin. Dann wuchs der Wunsch, noch einmal etwas Neues auszuprobieren.

Basis ihrer Erfolge waren die schnellen Beine, in der Loipe wurde Herrmann-Wick von den Konkurrentinnen gefürchtet

Herrmann-Wick traute sich ans Schießen heran, tägliche Überforderung war der Umgang mit der Waffe lange für sie, "wie ein Kopfsprung ins kalte Wasser". Sie musste die Abläufe lernen, wie man das Gewehr zügig schultert und am Schießstand in die beste Position bringt. Wie man damit umgeht, dass der Körper eigentlich atmen und sich bewegen will nach dem Skilaufen, das Zielen aber Ruhe erfordert. Dass sie den Kopf ausschalten muss beim Schießen. Wer nachdenkt, verliert. "Biathlon ist extrem viel Kopfsache. Man ist nie fertig, man muss es immer neu erarbeiten", sagte sie einmal.

Das Schießen ist Herrmann-Wick nicht immer gut gelungen, aber auch wenn sie nie zur besten Schützin wurde: Ein gewisses Talent dafür brachte sie mit. In ihrer zweiten Biathlon-Saison schaffte sie ihre ersten Weltcupsiege, in Sprint und Verfolgung. Über die Jahre brachte sie es auf aktuell 84 Prozent Trefferleistung, es ist ihr Bestwert. Entwicklung war immer der Antrieb, die Motivation von Denise Herrmann-Wick.

Rücktritt von Denise Herrmann-Wick: Wann immer es um Medaillen ging, musste man mit Denise Herrmann-Wick rechnen. Im Februar wurde sie Sprint-Weltmeisterin und war in diesem Winter die einzige Deutsche, die es in den Einzelrennen aufs Podium schaffte.

Wann immer es um Medaillen ging, musste man mit Denise Herrmann-Wick rechnen. Im Februar wurde sie Sprint-Weltmeisterin und war in diesem Winter die einzige Deutsche, die es in den Einzelrennen aufs Podium schaffte.

(Foto: Martin Schutt/dpa)

Basis ihrer Erfolge waren aber die schnellen Beine, auf der Loipe wurde Herrmann-Wick von den Konkurrentinnen gefürchtet. Sie brachte sich regelmäßig mit Höhentrainingslagern in Davos in Form, als Langläuferin hatte sie erkannt, dass sie in der Höhe Schwierigkeiten hat. Also ging es darum, die Schwäche in eine Stärke umzuwandeln. Und die half ihr dann, zu den Saisonhöhepunkten fit zu sein: Wann immer es um Medaillen ging, musste man mit Herrmann-Wick rechnen. Auch dann, wenn der Saisonverlauf nicht immer für sie sprach.

So wie bei ihrem größten sportlichen Erfolg im vergangenen Jahr in Zhangjiakou in China: Da wurde sie - dann doch überraschend - Olympiasiegerin im Einzel, es gilt in der Szene noch immer als Königsdisziplin. Wer da schlecht schießt, wird besonders hart bestraft. Herrmann-Wick kam mit 19 Treffern bei 20 Scheiben durch. Danach flossen viele Tränen der Erleichterung. Ihre Form über die Saison hinweg war nicht gut gewesen, sie hatte sich selbst zu viel Druck gemacht. "Manche Sachen muss man auch mal loslassen und es laufen lassen", sagte sie dann, "der größte Sieg heute ist der über mich selbst".

Wie sehr Herrmann-Wick dem Biathlon fehlen wird, zeigt ihre Bilanz

Die WM in Oberhof im Februar war dann noch eine Extrarunde in ihrer Karriere: Nach ihrem Olympiasieg heiratete Herrmann im Sommer den ehemaligen Langläufer Thomas Wick, sie planten einen Hausbau in Ruhpolding, eine Biografie erschien. Doch Oberhof, die Heim-WM, sollte es noch werden, um vor Familie und Freunden aufzulaufen und sich zu beweisen. Es war die emotionalste Seite, die man von Herrmann-Wick dann noch kennenlernte. Ihre Eltern waren aus dem Erzgebirge angereist, die ganze WM drehte sich um Herrmann-Wick, ihr Faible für Schlager griffen die Stadion-DJs gerne auf. So akribisch sie arbeitete, so sehr konnte sie auch die Momente genießen, in denen es etwas zu feiern gab. Und dann klappte es noch mal mit Gold im Sprint sowie mit Silber in der Verfolgung und mit der Staffel.

Wie sehr Herrmann-Wick dem Biathlon fehlen wird, zeigt ihre Bilanz: In diesem Winter war sie die einzige der deutschen Frauen, die es in den Einzelrennen aufs Podium schaffte, in der Gesamtwertung machte ihr aus dem eigenen Lager zuletzt niemand mehr Konkurrenz. Franziska Preuß wurde immer wieder durch Erkrankungen zurückgeworfen, Vanessa Voigt hat nach einer starken Olympiasaison auch die Rückschläge ihres Sports kennengelernt. Sophia Schneider weckte mit beherzten Auftritten Hoffnungen auf mehr, große Stücke hält der Verband aber vor allem auf die erst 18 Jahre alte Selina Grotian, die jüngst bei der Junioren-WM in Kasachstan vier Goldmedaillen abräumte. Grotian trainiert unter Bernhard Kröll, der schon Magdalena Neuner und Laura Dahlmeier in die Weltspitze führte. In Oslo gibt sie ihr Weltcup-Debüt.

Denise Herrmann-Wick war im Biathlon keine Überfliegerin wie Dahlmeier und Neuner, sie hat nicht alles gewonnen, was es zu gewinnen gab. Aber beim Höhepunkt fit zu sein, das war ihre Paradedisziplin. Und sie hatte den Mut, ihrem Leben als ausgereifte Sportlerin noch mal eine andere Richtung zu geben. "Wenn man sich neue Herausforderungen sucht, kann dir niemand sagen, ob es funktioniert", hat Herrmann-Wick mal gesagt. Und dann herausgefunden: Es funktionierte für sie ganz wunderbar.

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