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HSV-Debüt vor 40 Jahren:"Natürlich habe ich ein bisschen Schiss gehabt"

Beckenbauer

Spielte eineinhalb Jahre für den HSV: Franz Beckenbauer

(Foto: imago sportfotodienst)

Vor 40 Jahren kehrt Franz Beckenbauer überraschend aus Amerika in die Bundesliga zurück. Doch das Comeback beim HSV verläuft anders als geplant.

Von Lisa Sonnabend

33 Sekunden waren in der zweiten Halbzeit gespielt, als Franz Beckenbauer auf das Spielfeld getrabt kam, kurze schwarze Hose, langärmliges blaues Trikot, weißer V-Kragen. Am 15. November 1980 - also vor genau 40 Jahren - kehrte der berühmteste Libero der Welt tatsächlich noch einmal in die Bundesliga zurück. Dreieinhalb Jahre zuvor hatte Beckenbauer seine letzte Partie für den FC Bayern, den Klub, der ihn groß gemacht hatte, absolviert. Anschließend war er zu New York Cosmos übergelaufen, um es in Amerika geruhsamer angehen und seinen Kontostand tüchtig ansteigen zu lassen. Doch mit 35 Jahren wollte Beckenbauer sich noch einmal in der Bundesliga beweisen. Allerdings nicht in München, sondern beim Hamburger SV.

Die Zuschauer im Stuttgarter Neckarstadion klatschten ehrfurchtsvoll, als er an jenem November-Nachmittag loslegte. Fotografen liefen ihm hinterher - manche bis aufs Spielfeld. Beckenbauer dribbelte gekonnt, servierte den Mitspielern maßgefertigte Pässe, einmal schoss er den braunen Ball gefährlich aufs Tor. Oft zeigte der Weltmeister von 1974 Übersicht, gelegentlich allerdings auch eine gewisse Orientierungslosigkeit. Bei seiner Einwechslung, übrigens die einzige in seinen 424 Bundesliga-Partien, hatte es 1:1 gestanden, am Ende ging die Partie 2:3 verloren, der FC Bayern übernahm die Tabellenspitze. Doch über das vermurkste Spiel sprach später niemand, Beckenbauer zog alle Aufmerksamkeit auf sich.

HSV Libero Franz Beckenbauer am Ball; Beckenbauer

28 Mal lief Franz Beckenbauer in eineinhalb Jahren für den Hamburger SV auf

(Foto: imago/WEREK)

Er war noch immer der größte Star der Bundesliga, Europameister von 1972, Weltmeister von 1974, Europapokalsieger der Landesmeister 1974, 1975 und 1976. Der Kaiser. Schatten sollten sich erst viel später auf seine Karriere legen, als Korruptionsvorwürfe bei der Vergabe der WM 2006 gegen ihn erhoben wurden. Nach dem Spiel 1980 in Stuttgart umringten ihn die Fernsehkameras. "Natürlich habe ich ein bisschen Schiss gehabt", berichtete er. Die Hände lässig in die Lederjacke gesteckt. Die Süddeutsche Zeitung schrieb über den Nachmittag: "Franz Superstar strahlte über das ganze Gesicht." Autor Bruno Bienzle urteilte: Beckenbauers verhaltener erster Auftritt müsse "kein Grund zur Skepsis sein, zur Euphorie aber erst recht nicht".

"Franz, wir bauen um dich eine HSV-Mannschaft auf"

Schon Monate vor Beckenbauers Ankunft befand sich Hamburg im Ausnahmezustand. Bei einem Benefizspiel im Dezember 1979 war Günter Netzer, erst kurz zuvor Manager beim HSV geworden, und Trainer Branko Zebec nicht entgangen, dass Beckenbauer noch immer ein hervorragender Fußballer war. Netzer fragte den Weltmeister von 1974 nach dem Kick: "Hättest du noch einmal Lust auf die Bundesliga?" Zebec sagte: "Franz, wir bauen um dich eine HSV-Mannschaft auf." Cosmos legte Beckenbauer die Vertragsverlängerung vor, doch der ehemalige Bayern-Spieler unterschrieb stattdessen beim HSV. Warum? Das kann Beckenbauer heute selbst nicht mehr so genau sagen: "Es war ein Bauchgefühl", meinte er einmal. Was sicherlich auch eine Rolle spielte: Ein Sponsor kam für sein Gehalt auf, etwa eine Million D-Mark verdiente Beckenbauer pro Jahr.

Als er am 31. Oktober auf dem Flughafen in Fuhlsbüttel einschwebte, begrüßten ihn tausende Hamburger. Zu seinem ersten Heimspiel stürmten 41 000 Fans ins Volksparkstadion - doppelt so viele wie üblich. Teamkollege Felix Magath schwärmte: "Ich habe keinen Spieler gesehen, der eine derartige Übersicht über das Spielgeschehen hat." Beckenbauer war sofort gesetzt als Libero. Doch Verletzungen kamen ihm dazwischen, mehrmals musste er wochenlang pausieren. Einmal rissen ihm die Adduktoren, als er einen Elfmeter trat, einmal sprang ihm im Training Kopfball-Ungeheuer Hort Hrubesch in den Rücken. Nur 28 Bundesliga-Partien konnte er in den eineinhalb Jahren seines Bundesliga-Comebacks bestreiten, ein Treffer gelang ihm nicht.

Franz BECKENBAUER HH halbe Figur Halbfigur mit Ball in einer Hand mit der anderen deutend Ges; Beckenbauer

Franz Beckenbauer wird bei seinem ersten Spiel für den HSV in der 46. Minute eingewechselt.

(Foto: imago/Sven Simon)

"Als ich verletzt war, hatte ich das Gefühl, dass die ganze Stadt mit mir leidet", erinnerte sich Beckenbauer einmal. So war es tatsächlich. Es entwickelte sich ein inniges Verhältnis zwischen den Hamburgern und ihm, es war ein wechselseitiges. Einmal rutschte Beckenbauer, der an der Alster residierte, sogar raus, dass es ihm in Hamburg besser gefalle als in München. Nach Protesten aus dem Süden nahm er es allerdings wieder zurück.

In der Saison 1980/1981 holte der FC Bayern die deutsche Meisterschaft, ein Jahr später gelang dies dann dem HSV. Auch wenn der Anteil von Beckenbauer wegen der vielen Verletzungen nicht so groß wie erhofft war: Der 36-Jährige trat mit der Schale in der Hand aus der Bundesliga ab.

© SZ.de/tbr
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