Bastian Schweinsteiger Der bayerische Weltmann

  • An diesem Dienstag (20.30 Uhr, RTL) kehrt Bastian Schweinsteiger für sein Abschiedsspiel nach München zurück, er wird je eine Halbzeit für den FC Bayern und Chicago Fire auflaufen.
  • In Chigaco tragen die Leute bei den Spielen Schweinsteiger-Trikots, im Stadion hängen stets Plakate mit der Aufschrift "Fußballgott". Sie versuchen, ihrem Star gerecht zu werden.
  • Schweinsteiger hat sich zu einem der wenigen Männer von Welt entwickelt, die der deutsche Sport zurzeit zu bieten hat.
Von Jürgen Schmieder, New York

Auf dem Trainingsplatz. Zwischen Güterbahnhof und Industriegebiet. Das ist die korrekte Antwort auf die Frage, wo eigentlich Bastian Schweinsteiger gewesen ist, als die deutsche Nationalelf bei der Fußball-Weltmeisterschaft so kläglich gegen Südkorea verloren hat. Bei ganz großen Fußballern weiß ja immer jeder, wo sie in wichtigen Momenten gewesen sind: Helmut Rahn zum Beispiel war 1954 im Wankdorf-Stadion im Hintergrund, Gerd Müller drehte sich 20 Jahre später im Münchner Olympiastadion um die eigene Achse, und Andy Brehme bewies 1990 in Rom, dass ihm die Natur eher Eiswasser statt Blut in die Adern gefüllt hat. Schweinsteiger, klar: 2014 im Maracanã in Rio, mit getackerter Wange.

Nun aber, vier Jahre später, nach den uninspirierten Vorstellungen in Russland, da fragten sich viele in Deutschland, wo denn nun diese Typen sind, die eine Mannschaft führen können, die Kollegen mitreißen und niemals aufgeben, wie es Schweinsteiger so häufig getan hat in seiner Karriere, beim FC Bayern und in der Nationalelf.

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Er war also auf dem Trainingsgelände seines Fußballvereins in Chicago, 7260 Kilometer von München entfernt und 8440 von Kazan. Chicago Fire heißt dieser Klub, was außerhalb der Vereinigten Staaten kaum jemanden interessiert, so wie die Fußballliga MLS außerhalb dieses Landes kaum jemanden interessiert. MLS-Vereine werden in Deutschland ja gerne mal abfällig "Hotzenplotz" genannt, und wer in den USA Fußball spielt, der wird in Europa recht schnell vergessen. "Ich bin ziemlich traurig", sagte Schweinsteiger nach dieser Einheit, als er vom Ergebnis erfahren hatte: "Ich weiß nicht, was jetzt passieren wird. Ich bin ja weit weg."

2000 Fans rufen seinen Spitznamen

Er ist tatsächlich weit weg, seit eineinhalb Jahren, doch an diesem Dienstag (20.30 Uhr, RTL), da kehrt der 34-Jährige zurück, in die Arena nach Fröttmaning, für sein Abschiedsspiel, er wird je eine Halbzeit für den FC Bayern und Chicago Fire auflaufen. Beim Training am Wochenende in München hat er erfahren, dass sie ihn keineswegs vergessen haben. 2000 Leute waren da, viele trugen das alte Bayern-Trikot mit der Schweinsteigernummer 31, immer wieder riefen sie seinen aktuellen Spitznamen, der von "Schweini" über "Basti" zu "Fußballgott" gewachsen ist.

Die beiden interessanten Fragen sind nun: Was ist das für ein Bastian Schweinsteiger beim letzten Gruß an die Fans? Und in was für einer Mannschaft spielt er derzeit? Am vergangenen Donnerstag schaffte Chicago Fire ein 1:1 gegen Columbus Crew, der Verein liegt nach drei Vierteln der regulären Saison mit einer Bilanz von sechs Siegen, sechs Unentschieden und 15 Niederlagen auf dem vorletzten Platz der Eastern Conference. Sieben Spieltage vor dem Ende beträgt der Abstand zu einem Platz, der zur Teilnahme an den Playoffs berechtigen würde, neun Punkte. Das klingt nicht nach Meisterschaft, es klingt eher nach deutscher Nationalelf 2018.

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Der Vergleich mit der Nationalelf ist deshalb interessant, weil die Reaktionen darauf hindeuten, wie es Schweinsteiger gerade geht. Er hat ja einige bittere Niederlagen hinnehmen müssen in seiner Karriere, zum Beispiel die im Champions-League-Finale 2012 ("Das war wahrscheinlich die bitterste Nacht meiner Karriere"), als er seinen Versuch im Elfmeterschießen an den Pfosten setzte. Es gab damals Debatten, ob er zum Führungsspieler tauge, ein Boulevardblatt nannte ihn sogar "Chefchen". So etwas schmerzt, und Schweinsteiger kennt den Furor des Volkes bei Misserfolg, derzeit glauben ja viele Fußballfans in Deutschland, dass jeder WM-Teilnehmer, also auch Trainer und Funktionäre, geteert und gefedert werden sollten.