Aufgehobene Doping-Sperren:Der irreführende Zorn auf die Cas-Richter

Unter jenen Athleten, die nun wieder auf einen Olympia-Start hoffen, sind Skeleton-Olympiasieger Alexander Tretjakow, Langlauf-Olympiasieger Alexander Legkow und der Silber-Gewinner im Rodeln, Albert Demtschenko. Dass sie ihre 2014 errungenen Erfolge behalten, hat kuriose Folgen: Russland rutscht wieder auf Rang eins des Sotschi-Medaillenspiegels. Und der deutsche Rodler Andi Langenhan bleibt nun doch Vierter. "Das war eine Achterbahn der Gefühle, die ich durchmache", sagte er; so ging es am Donnerstag vielen Athleten.

Entsprechend groß ist jetzt der Zorn auf die drei Cas-Richter, unter ihnen die deutschen Juristen Christoph Vedder und Dirk-Reiner Martens. Alfons Hörmann, der Präsident des Deutschen Olympischen Sportbunds (DOSB), verschickte etwa ein Statement, in dem er die Entscheidung als "Schlag ins Gesicht des sauberen Sports" wertete. Sie zeige erneut, "wie schwierig es ist, harte Sanktionen im Anti-Doping-Kampf vor Gericht durchzusetzen". Das "inakzeptable staatliche Dopingsystem" könne nun "nicht in der gebotenen Härte bestraft werden". Weiter folgert Hörmann: Dass nicht einmal individuelle Sperren juristisch haltbar seien, lege "bedauerlicherweise den Schluss nahe, dass der vielfach geforderte Komplett-Ausschluss der russischen Mannschaft keinesfalls juristisch durchsetzbar gewesen wäre".

Die Frage ist allerdings, ob derlei Wortmeldungen bewusst oder unbewusst den Tatbestand der Irreführung erfüllen. Denn in Wahrheit legt die Schlappe vor dem Cas vor allem offen, dass Thomas Bach und seine IOC-Kollegen einen untauglichen Weg gewählt haben mit ihrem Beschluss, das System nicht kollektiv, als System, zu bestrafen, sondern in jedem Einzelfall nach Beweisen zu fahnden. Dass die IOC-Charta einen Komplettausschluss Russlands ermöglicht hätte, ist weitgehend unstrittig. Der Cas hat schon entsprechend geurteilt. Lebenslange Ausschlüsse hingegen hat der Cas oft verworfen. Man muss deshalb wohl davon ausgehen, dass Bach die Niederlage sogar bewusst in Kauf genommen hat: Jetzt liegt der schwarze Peter nämlich beim Sportgericht. Man hätte ja gern hart durchgegriffen. Man durfte nur nicht. Und nun? Werden viele Russen in Südkorea am Start sein, und schon bei der Abschlussfeier soll das Land mitsamt Hymne und Flagge wieder offiziell aufgenommen werden in die olympische Familie.

Es ist gewiss nicht der Sportgerichtshof Cas, der einen harten Anti-Doping-Kampf unmöglich macht.

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