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Zwischenfälle beim Bergwandern mit Hunden:"Wenn der Beschützerinstinkt erwacht, ist es aus"

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Eine Wanderin mit Hund bei Berchtesgaden (Oberbayern).

(Foto: picture alliance / dpa)

In Tirol greift eine Kuhherde an, am Watzmann ein Steinbock: Wanderer mit Hunden können in gefährliche und sogar tödliche Situationen geraten. Ein Lawinenhundeführer erklärt, was in den Bergen zu beachten ist.

Von Irene Helmes

Wandern mit dem eigenen Hund ist für viele ein besonderes Vergnügen. Meldungen aus diesem Sommer zeigen, dass das auch schlimm ausgehen kann: Am Watzmann hat ein Steinbock zuletzt einen Hund angegriffen und den Besitzer schwer verletzt. Ende Juli wurde eine Wanderin in Tirol von Kühen getötet, die es laut Behörden offenbar auf ihren angeleinten Hund abgesehen hatten.

Andreas Schütz ist seit sechs Jahren bei der Lawinenhundestaffel der Alpenregion Hochland bei Garmisch-Partenkirchen aktiv, die er seit 2012 selbst leitet. Der 30-Jährige und seine Kollegen suchen das ganze Jahr über in den bayerischen Bergen mit Hilfe von Hunden nach Vermissten. Er erklärt, was beim Bergausflug mit Hunden besonders zu berücksichtigen ist.

SZ.de: Ist es für Wanderer gefährlicher, mit einem Hund in die Berge zu gehen als alleine?

Andreas Schütz: Grundsätzlich nicht, aber man muss mehr Acht geben und, ähnlich wie bei einem Kleinkind, für zwei denken. Manche Hunde, die nicht gehorsam sind, laufen auf Kühe zu und bringen sich selbst und ihre Besitzer in Gefahr. Und Rinder etwa gehen eher auf Hunde los als auf Menschen, die alleine unterwegs sind - Wölfe sind schließlich Feinde der Kühe.

Wie können sich Wanderer mit Hunden vor gefährlichen Situationen mit Bergtieren schützen?

Kühe sollte man möglichst umgehen. Das ist natürlich nicht immer leicht, wenn man etwa zu einer Alm unterwegs ist. Aber wenn es machbar ist, sollte man einen kleinen Umweg in Kauf nehmen. Auf den Weiden ist oft Jungvieh dabei, und wenn in den Tieren der Beschützerinstinkt erwacht, ist es aus. Stehen sich eine Kuh und ein Hund gegenüber, löst sich die Situation manchmal noch auf. Aber wenn mehrere Kühe den Hund einkreisen, geht's los. Wenn es keinen Ausweg gibt und man tatsächlich durch eine Herde gehen muss, würde ich empfehlen, den Hund an einer Leine zu führen, die weder Griff noch Schlaufe hat. Damit ist der Hund unter Kontrolle, und falls die Kühe tatsächlich auf ihn losgehen, kann man ihn wegrennen lassen, ohne dass er irgendwo hängenbleibt, weil er nur eine Schnur hinter sich herzieht.

Gibt es Bergtiere, die besonders aggressiv auf Hunde reagieren?

Eigentlich nicht. Bei Gemsen etwa hat ein Hund sowieso keine Chance, sie sind Fluchttiere, da kommt er gar nicht hinterher. Kühe dagegen rotten sich zusammen und verteidigen sich im Zweifelsfall.

Was sind konkrete Anzeichen dafür, dass es gefährlich werden könnte?

Wenn sich eine Kuh mit gesenktem Kopf nähert, ist das kein gutes Zeichen. Man erkennt ihre Stimmung ja auch an ihrem Ausdruck.

Was also tun, wenn es wirklich brenzlig wird?

Den Hund laufen lassen und selbst auch rasch Land gewinnen. Die Bauern aus unserer Gegend meinen, man sollte dem Vieh am besten nicht direkt in die Augen sehen.

Gibt es je nach Jahreszeit Besonderes bei Wildtieren zu beachten?

Kuhherden sind nur im Sommer auf der Weide. Im Winter ziehen Gemsen und Steinböcke abwärts Richtung Tal, um Futter zu finden, und sind dann schon auf 1000 oder 1200 Metern Höhe anzutreffen, nicht erst auf 1800 Meter. Im Frühjahr ist allgemein der Beschützerinstinkt besonders ausgeprägt, wenn die Jungen dabei sind.

Wie sieht es generell mit der Leine aus - wann ist es unproblematisch, den Hund in den Bergen frei laufen zu lassen?

Gehorsame Hunde kann man ohne weiteres laufen lassen, sie müssen halt hören und zurückkommen, wenn man sie ruft. Wenn sie das nicht tun, wird's gefährlich. Dann kann man sie ja auch nicht im Wald oder auf Forststraßen laufen lassen. Wenn Hunde da Wild nachgehen, kann es sein, dass ein Jäger sie erschießt. Untrainierte Hunde gehören in jedem Fall an die Leine.

Bereiten Sie in der Rettungsstaffel die Hunde mit besonderem Training auf Begegnungen mit Bergtieren vor?

In unserer Staffel nicht, individuell schon. Ich selbst habe bei meinem Hund versucht, ihm schon als Welpen die Scheu vor Kühen und Pferden zu nehmen und ihm das Bellen abzugewöhnen, damit er andere Tiere nicht provoziert.

Können Wanderer sich von diesem Training etwas abschauen?

Wenn der Hund es schafft, ruhig an einer abgezäunten Kuhweide vorbeizugehen, kann man ihn direkt danach loben oder belohnen - das muss dann nur recht flott gehen! Generell gilt, Gehorsam ist das A und O. Wenn ein Hund nicht zuverlässig trainiert ist, hat man beim Wandern schließlich noch in anderer Hinsicht ein Problem: Muss man ihn sogar auf einem schmalen Steig anleinen, weil das Vertrauen fehlt, wird es schnell auch für den Besitzer gefährlich, wenn der Hund an ihm zieht, seine Konzentration stört oder ihn aus dem Gleichgewicht bringt.

© SZ.de/kaeb/rus
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