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Winter in Oberwiesenthal:O Arzgebirg, wie bist du schie!

Zwischen Plattenbau und Bemmenplatte: Ski fahren in Oberwiesenthal, dem einstigen St.Moritz der DDR.

Stau an der "Himmelsleiter". Wenn Sonne und Neuschnee locken, wollen viele in den Himmel. Auch wenn's nur der sächsische ist. Dann steht man schon mal eine halbe Stunde am Lift mit dem vielversprechenden Namen, der auf den Fichtelberg führt. Der war mal der höchste Berg der DDR und ist jetzt mit seinen 1215 Metern eine eher mediokre Mittelgebirgserhöhung. Sogar der Keilberg gegenüber im tschechischen Klinovec ist 30 Meter höher.

(Foto: SZ-Grafik: Michael Mainka)

Mit den Superlativen ist es nicht mehr weit her in Oberwiesenthal. Man lebt dort zwar in der "höchstgelegenen Stadt Deutschlands", doch auf mancher Hinweistafel heißt das dann nicht 914Meter über dem Meer, sondern 914Meter über der Ostsee. Willkommen im ehemaligen St.Moritz des Erzgebirges!

Wintersport in der Diaspora

Wer sich in Oberwiesenthal als Ski fahrender Wochenendgast aus München outet oder gar in München erzählt, er gehe übers Wochenende zum Skifahren nach Oberwiesenthal, der schaut in beiden Fällen in fragende Gesichter. Nur wer in der alpinen Diaspora aufgewachsen ist, weiß auch ein Skigebiet mit bloß 300 Höhenmetern zu schätzen - und fährt dann auch von neun bis halb fünf, egal, wie mau der Schnee ist, wie lange die Schlange am Lift. Die 23 Euro für den Skipass wollen ausgenutzt sein.

Die "Himmelsleiter" ist der mit Abstand poetischste Name weit und breit. Schon der nächstbeste Wanderpfad trägt den schnörkellosen Namen "Bärenfangweg" - da scheint sich ein Bedürfnis nach klaren Verhältnissen Bahn gebrochen zu haben.

Unten im Ort heißen die Gaststätten Deutscher Kaiser, Helgas Bierstube, oder Neues Haus - klarer geht's nicht. Die wenigen Ausreißer fallen direkt ins Auge: eine Kneipe namens Blaue Banane - Slogan: "einfach proBIERen". Auch nicht schlecht ist das Aussichtsrestaurant mit dem sprechenden Namen Das Guck. Apropos Humor - das Appartementhotel des ehemaligen Skispringers Jens Weißflog wirbt mit dem Slogan "Abspringen, ausspannen, aktiv sein." Da blüht der Flachs, da lässt man sich gerne nieder. Oder der dezent auf dem Teller platzierte Hinweis im Hotel Panorama: "Das Frühstück ist zum Frühstücken da und nicht für die zusätzliche Verpflegung."

Überfluss ist wahrlich kein Thema in Oberwiesenthal. Zweieinhalbtausend Menschen leben hier, Tendenz fallend. Die Arbeitslosigkeit ist hoch, die Zahl der Übernachtungen nurmehr halb so hoch wie in den touristisch gesehen goldenen DDR-Zeiten. Und der Tourismus ist schon lange die einzige nennenswerte Industrie.

Einst lebte der Ort von Bodenschätzen. Im 16.Jahrhundert wurde Silbererz gefunden; noch heute sind die Bergleute im Stadtwappen präsent. Gegrüßt wird mit "Glück auf!" - aber nur in den Prospekten.

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